Politische Literatur : Verwirrung und Größenwahn

Rimbaud war der Messias: Jon Savage über die Erfindung der Jugend. Eine Spurensuche nach den Ursprüngen von Jugendkultur.

Patricia Wolf

Sie wurde mit Rousseau verglichen, und der damalige britische Premier bezeichnete sie als wahres Genie. Die 16-jährige Marie Bashkirtseff hatte ein Tagebuch geschrieben, das, nach ihrem frühen TBC-Tod 1884 veröffentlicht, zur Geheimbibel junger Frauen avancierte und mit dem Marie über die Grenzen Europas berühmt wurde. Sensationell daran war, dass ihr Vermächtnis Einsichten in die wahren Empfindungen einer Heranwachsenden gewährte wie keines zuvor. Maries Zeitgenosse und Antipode ist der „junge Teufel“ Jesse Pomeroy, ein 14-jähriger Vielfachmörder, der Amerika in Angst und Schrecken versetzte. Damit gelangte auch er zu trauriger Berühmtheit, galt er doch als Dämon, der hingerichtet gehörte. Sein Fall warf aber auch ein Licht auf die Brutalität den Milieus, in denen sich Jugendliche bewegten. Für den Kulturwissenschaftler Jon Savage sind Marie und Jesse, diese beiden Gegenspieler, Prototypen Heranwachsender, weil sie jenen Dualismus repräsentieren, der noch immer bei der Betrachtung von Jugend eine zentrale Rolle spielte. Jugendliche wurden und werden entweder als Heilsbringer, als Garanten für eine bessere Welt verklärt. Oder verteufelt als Ungeheuer, Zerstörer – die ideale Projektionsfläche, auf der Erwachsene ihre Ängste wie ihre Wünsche und Sehnsüchte spiegeln konnten. Jugend war das Versprechen auf eine bessere Zukunft – und zugleich Bedrohung der bestehenden Verhältnisse.

Savage, der britische Musikjournalist, der sich mit seiner Geschichte des Punk „England’s Dreaming“ einen Namen machte, hat sich auf Spurensuche nach den Ursprüngen von Jugendkultur begeben. Er hat viele Fährten verfolgt und einen weiten Bogen gespannt – von 1875 bis 1945. Turbulente Jahrzehnte, geprägt vom Aufkommen der Industrialisierung, Armut und einer Jugendkriminalität gewaltigen Ausmaßes, alles vor dem Hintergrund einer Weltwirtschaftskrise und nicht zuletzt zweier Weltkriege. Savage beginnt 1875, wohl wissend, dass er noch weiter hätte zurückgehen können, denn bereits 100 Jahre zuvor, in Goethes Leiden des jungen Werther, ging es ja um den Topos jugendlicher Empfindsamkeit.

Auf gut 500 Seiten zeichnet Savage detailgenau die Entwicklung nach, an deren Abschluss die Etablierung des Begriffs Teenager stand. Er nimmt den Leser mit auf eine Reise, deren Stationen etwa die Anhänger der Dekadenz in Frankreich mit ihrem Messias Arthur Rimbaud sind, lässt englische Hooligans und amerikanische Apachen aufmarschieren, Vertreter von Jugendgangs, deren Kriminalität bisher ungekannte Ausmaße annahm. Präzise und unterhaltsam erzählt er von Bewegungen und Gemeinschaften – von Pfadfindern und Neuheiden auf der Suche nach dem Naturerlebnis, von Slickers und Flappers, weiblichen Vorkämpferinnen einer neuen Sexualmoral und vergnügungssüchtigen bright young people, die Londoner Clubs unsicher machten. Er landet bei der Hitlerjugend wie ihrer Gegenbewegung, der Swingjugend, und deren französischem Pendant, den Zazous. Gelungen ist Savage mehr als nur eine Geschichte der Jugend: Er liefert eine Kultur- und Mentalitätsgeschichte dieser Zeitspanne gleich mit. Als Chronist bedient er sich bei seinen Recherchen nicht nur des kulturellen Mainstreams, stöbert in Literatur, Popmusik und den sie begleitenden Kleidungsstilen, Radioreportagen oder Zeitschriften. Er wildert vor allem in subkulturellen Niederungen, in Kriminalitätsstatistiken, Flugblättern, Augenzeugenberichten oder Gerichtsurteilen.

Den Anstoß lieferte Savage der amerikanische Psychologe Stanley G. Hall. Der hatte mit seiner 1904 erschienenen Schrift „Adolescence“ eine Zäsur markiert, indem er erstmalig eine eigenständige Altersklasse zwischen Kindheit und Erwachsenenalter kennzeichnete. Sicher gab es auch schon zuvor Heranwachsende, nur waren sie bis dahin immer als kleine Erwachsene betrachtet worden. Nun aber gestand man ihnen das Recht auf eigene Gesetze, Empfindungen und Moden zu. Hall begriff und beschrieb erstmals präzise und mit Sympathie das spezifische Erleben von Welt in dieser Pufferzeit zwischen Kindheit und Erwachsenenalter, mit all ihren Zweifeln, Verwirrtheiten und zugleich Größenwahnsinnsphantasien.

Am besten sind jene Kapitel geraten, in denen deutlich wird, wie Jugendliche zwar immer instrumentalisiert, dressiert, kontrolliert und konditioniert wurden – aber eben nie lückenlos. Während in der Hitlerjugend ein gigantischer Erziehungsprozess stattfand, die Masse der Jugendlichen gedrillt und geknechtet wurde, taten die Anhänger der Swingjugend exakt das, was Heranwachsende immer tun. Sie begehrten auf und rebellierten gegen das Gleichschaltungsbestreben, das Ausmerzen jugendlicher Individualität. Amerika als Idol, als Land des Fortschritts, der Freiheit, des Swing und Kriegsgegner der Deutschen erschien ihnen verlockend und gleichsam ideales Mittel zur Abgrenzung von ihren Zeitgenossen. So begrüßten sie sich denn auch mit Swing heil. In dem Maße, in dem ihnen offenes Aufbegehren verweigert wurde, blieb ihnen nur ihr Dresscode, um sich wenigstens äußerlich von ihren willfährigen Kameraden abzusetzen.

Endstation dieser Tour d’Horizon ist die Deklaration der Teen-Age bill of rights just im Jahr des Kriegsendes. Während Europa aus den Trümmern herauszufinden suchte, hatte sich Amerikas Blick schnell nach vorn gerichtet, die Jugend etablierte sich als kulturelles Massenphänomen. Anfang 1945 erschienen im New York Times Magazine zehn Teengebote, deren erstes „Das Recht, die Kindheit vergessen zu dürfen“ lautete. Savage begreift dies als Meilenstein in der Geschichte der Jugend, weil sie die offizielle Einführung des Begriffs Teenager markieren – mithin den Endpunkt eines Prozesses, der dazu führte, dass der Jugendliche als eigenständiges Subjekt und Adoleszenz als separate Lebensphase wahrgenommen wird.

Jugend mit dem ihr eigenen Blick auf die Zukunft war perfekt geeignet als Treibriemen für neue Werte und neue Märkte. Schon 1944 war erstmals eine Zeitschrift nur für Heranwachsende erschienen: Seventeen funktionierte als Plattform vor allem für weibliche Leserinnen, auf der ihre Sehnsüchte und Wünsche geweckt und befriedigt wurden. Zugleich galten strikt demokratische Ideale – in dem Maße, in dem Jugendliche Garanten dafür schienen. Für die Herausgeber war Seventeen freilich vor allem ein Weg, Konsum, neue Stile und Verhaltensweisen zu propagieren. Savage analysiert hier sehr klar, wie die Entstehung von Jugend eng gekoppelt ist an die Etablierung von Massenkonsum und Massenkultur, was wiederum erst durch die Industrialisierung möglich wurde.

Es braucht noch ein gutes Jahrzehnt, bis auch in Deutschland ein Magazin den Markt erobert, das sich ausschließlich an Heranwachsende wendet. Als „Zeitschrift für Film und Fernsehen“ 1956 gegründet, transportierte Bravo für 50 Pfennig amerikanische Kultur in die heimischen Jugendzimmer.

– Jon Savage:

Teenage. Die Erfindung der Jugend 1875–1945. Campus Verlag, Frankfurt am Main 2008. 522 Seiten, 29,90 Euro.

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