Politisches Buch : Verwirrte Gedanken

Martin Schlemmer über den rheinischen Separatismus nach dem Ersten Weltkrieg.

Bernhard Schulz

Nach der Niederlage im Ersten Weltkrieg traf die Parole „Los von Berlin!“ an den Rändern des Deutschen Reiches auf vielfachen Widerhall. Das gilt vor allem für das Rheinland, das seit jeher nach Westen und damit auf die benachbarte Großmacht Frankreich orientiert war. Die Abtrennungsbestrebungen der französischen Siegermacht fanden 1918 im Rheinland (bis hinunter nach Hessen) etliche Verbündete, unter denen seit jeher der damalige Kölner Oberbürgermeister Konrad Adenauer vermutet wurde. Längst ist dieser Verdacht widerlegt. Wenn es dazu noch einer weiteren Untersuchung bedurfte, so liefert sie Martin Schlemmer mit seiner jetzt in Buchform veröffentlichten Dissertation zu den „Rheinstaatbestrebungen nach dem Ersten Weltkrieg“. Natürlich geht es dem Koblenzer Historiker nicht allein um Adenauer; aber das Interesse zumal eines nicht- rheinischen Lesers richtet sich naturgemäß auf den ersten Kanzler der – mit bewusstem Unterton so bezeichneten – „westdeutschen Bundesrepublik“.

Die Streitschrift „Los von Berlin!“ erschien 1919; ihr Urheber war der Trierer Kirchenrechtler und spätere langjährige Zentrumsabgeordnete, Prälat Ludwig Kaas. Er gehörte zudem dem preußischen Staatsrat an – dessen Präsident seit 1921 kein anderer war als der Kölner OB Adenauer. Kaas steht für den klerikal fundierten und allein schon dadurch zum Scheitern verurteilten Separatismus als antimoderne Reaktion auf die Umwälzungen in Deutschland. Schlemmers Verdienst ist es, die antipreußischen Bestrebungen in ihrer heillosen Vielfalt aufzuzeigen und den Blick insbesondere auf die ländlichen, traditionellen Gemeinden im Rheinland zu richten, bis hin zu den Winzern an der Mosel. „Eine universale Gültigkeit beanspruchende Deutung der Rheinstaatsbestrebungen“ bezeichnet der Autor resümierend denn auch als „nahezu aussichtsloses Unterfangen“. Der „latente Antiborussismus“ und „das Gefühl der Imparität und Inferiorität des (rheinischen) Katholizismus gegenüber den preußisch-protestantischen Eliten“ reichten bei weitem nicht aus, eine einheitliche und langfristig wirkungsmächtige Separatismusbewegung hervorzubringen. Was Schlemmer auf weit über 800 Seiten und gestützt auf nicht weniger als 3282 (!) Anmerkungen ausbreitet, ist ein Panorama politischer Gschaftlhuberei, in dem Kleriker und Professoren ihre kleinen Rollen spielen, während die Geschichte längst über sie hinweggeht. Den von Historikern wie Rudolf Morsey, Thomas Nipperdey oder – insbesondere bezogen auf Adenauer – Karl Dietrich Erdmann formulierten Einsichten hat Schlemmer denn auch nichts Grundsätzliches hinzuzufügen: Der rheinische Separatismus war eine hoffnungslos rückwärtsgewandte Utopie, gespeist aus den Verwerfungen der gesellschaftlichen Modernisierung im Bismarckreich.

Folgerichtig schwand das klerikal-katholische Ressentiment gegenüber dem protestantisch dominierten Preußen bald nach 1918, während sich ökonomische Gesichtspunkte in der letzten Phase des Separatismus, während der schweren Wirtschaftskrise von 1923, in den Vordergrund schieben und mit dieser ebenso bald wieder verschwinden. Die sozial- wie auch mentalitätsgeschichtlichen Aspekte des rheinischen Separatismus gegenüber der herkömmlichen Politikgeschichte herauszuarbeiten, ist denn auch das Hauptanliegen Schlemmers. Sie unterstreichen den „Charakter der Rheinstaatbestrebungen auch als agrarisch- kleinbürgerliche Protestbewegung“. Insbesondere Bauern und Winzer, so der Koblenzer Schlemmer, waren „überdurchschnittlich stark vertreten“. Konfessionell gesehen war der Separatismus eine rein katholische Angelegenheit. Umgekehrt kam „die bedeutendste Absage an rheinische Separationsbestrebungen aus den Reihen des Verbandsprotestantismus“. Und allgemein: „Das Gros der rheinischen Protestanten war nicht nur von nationaler Gesinnung, sondern ließ auch an seinem Bekenntnis zu Preußen keinen Zweifel.“

Adenauer im Übrigen war klug genug, „im Rheinland zum wirkungsvollsten Gegenspieler des Separatismus“ zu avancieren, wie schon Erdmann festgestellt hat und Schlemmer mit neuen Aktenfunden nur mehr untermauert. Dass das Kunstgebilde des 1946/47 geschaffenen Bundeslandes Nordrhein-Westfalen in den damaligen Ereignissen und Erfahrungen wurzelt, ist bereits ein anderes, jüngeres Kapitel der deutschen Geschichte.





– Martin Schlemmer:
„Los von Berlin“. Die Rheinstaatbestrebungen nach dem Ersten Weltkrieg. Böhlau

Verlag, Köln/Weimar/Wien 2007.

863 Seiten, 69,90 Euro.

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