Pop-Story : Mein Band, dein Band

Rob Sheffield betreibt in "Love is a Mix Tape" popliterarische Nabelschau mit existenziellem Ernst.

Frank Schäfer
Rob Sheffield
Rob Sheffield: "Love is a Mix Tape". -Foto: Promo

„Nichts verbindet sich so mit einem Moment wie Musik. Ich vertraue darauf, dass sie mich zurückträgt – oder genauer gesagt darauf, dass die Musik sie zurück ins Jetzt holt.“ So lautet die Voraussetzung von Rob Sheffields autobiografischer Erzählung „Love is a Mix Tape“. Sie, das ist Robs agile Frau Renée, „ein cooles Krawall-Punk-Rock-Mädel aus den Appalachen“, das eines morgens im Mai aufsteht, umfällt und an einer Lungenembolie stirbt, mit 31 Jahren.

Rob und Renée lernen sich in einer Bar kennen. Sie mögen die gleiche Musik, sind angefixt von der Independent-Szene Ende der 80er, von R.E.M., Dinosaur Jr., Pavement, Pearl Jam oder Nirvana, arbeiten auch bald als Radio-DJs und Musikkritiker, ziehen zusammen und heiraten. Ihr Alltag ist konditioniert von Musik, für jede Gelegenheit gibt es das passende Tape, sie beschenken sich gegenseitig mit selbst kompilierten Kassetten. So kommt eine Menge zusammen, als Robs Frau plötzlich nicht mehr da ist. „Das Mix-Tape gehört zu dem nutzlosen Gerümpel, das Renée hinterlassen hat. Und in diese Kategorie falle ich wohl auch.“

Irgendwann, nach einer langen Trauerphase, lernt er jedoch den Wert dieses Gerümpels zu schätzen. Und so rechtfertigt sich das Strukturprinzip dieses Buches. Kapitel für Kapitel nimmt er sich ein anderes Tape vor, lässt sich von der Musik zurücktragen und entwirft ausgehend von den Songs, also assoziativ, ein inniges, auch sentimentales Porträt seiner Frau. In Renées Abglanz wird auch der zeit- und musikgeschichtliche Kontext sichtbar. Die Erregung und Euphorie Anfang der 90er Jahre, die man spüren konnte, wenn man jung genug war und die richtige Musik hörte, die Selbstgewissheit und der Stolz.

Sheffield ist kein Kulturkritiker – als Autor des „Rolling Stone“ darf er das wohl auch nicht sein. Er beschreibt zwar, wie die Industrie seine Musik kommerziell vernutzt hat; er vergisst aber auch nicht zu erwähnen, welche Kreativität freigesetzt wurde, als sich die Manager der großen Konzerne plötzlich wieder für Garagenbands interessierten. Rob Sheffield betreibt popliterarische Nabelschau. Die aber besitzt bei aller genregemäßen ironischen Verspieltheit auch einen starken existenziellen Ernst.

Nicht jedes Kapitel ist unentbehrlich. Sheffields Typologie des Mix-Tapes etwa („Das Radio-Tape“, „Das Wander-Tape“, „Nichts für ungut, Baby“) ist zwar witzig, aber auch wenig trennscharf. Alles in allem lässt die Lektüre von „Love is a Mix Tape“ aber vergessen, dass Sheffield mit seinem Buch im Zeitalter des iPods fast schon ein wenig zu spät kommt. Frank Schäfer

Rob Sheffield: Love is a Mix Tape. Eine Geschichte von Liebe, Leid und lauter Musik. Deutsch von Kristian Lutze. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2007. 251 S. 8,95 €.

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