Porträt : Claudio Magris: Auf der anderen Seite

Ein Porträt des italienischen Schriftstellers Claudio Magris, der den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels erhält.

Gerrit Bartels
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Autor und Literaturwissenschaftler Claudio Magris.Foto: dpa

Diese Entscheidung ist eine vergleichsweise unspektakuläre, gerade nach der genauso überraschenden wie nicht unumstrittenen Wahl des bildenden Künstlers Anselm Kiefer im Vorjahr: Der Stiftungsrat des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels hat den italienischen Schriftsteller Claudio Magris zum Friedenspreisträger 2009 ernannt. Trotzdem kann diese Wahl nur begrüßt werden. Sie folgt zum einen sehr konsequent der Verleihung des Literaturnobelpreises an den Weltenwanderer J. M. G. Le Clézio. Zum anderen ist der Kulturenvermittler und Kulturenwanderer Claudio Magris, der seit einigen Jahren auch als heißer Literaturnobelpreiskandidat gehandelt wird, ein idealer Träger für einen Preis, der dem Frieden, der Menschlichkeit und der Verständigung der Völker dienen soll.

Wie kein zweiter Autor habe sich Magris mit dem Problem des Zusammenlebens verschiedener Kulturen beschäftigt, hebt der Stiftungsrat in seiner Begründung an, in zahlreichen Werken erzähle er „von der Vielfalt der Systeme und Sprache Mitteleuropas, von Eigentümlichkeiten und Gegensätzen“, ein „streitbarer Gegner von Ausgrenzung und kulturellem Dominanzdenken“ sei er.

Allein seine Herkunft prädestiniert Claudio Magris für solche Charakterisierungen, wurde er doch 1939 in Triest geboren, wo er auch heute noch lebt. Triest ist sein Schicksalsort, das Völker- und Kulturengemisch dieser Stadt an der Adria und der Grenze zum ehemaligen Jugoslawien hat ihn genauso geprägt wie ihre kakanische Tradition. Und hier hat er in seinem Stammcafé San Marco, in dem er nicht nur raucht und trinkt, sondern auch arbeitet, schon „zigtausende Interviews über Triest, dessen mitteleuropäische Kultur und dessen Dekadenz gegeben“, wie er in seinem Reise- und Erinnerungsbuch „Die Welt en gros und en detail“ selbstironisch angemerkt hat.

1987 widmete Magris seiner Heimatstadt ein ganzes Buch und porträtierte sie als „literarische Hauptstadt in Mitteleuropa“; vor allem aber war Triest für ihn auch die Stadt, in der er als Heranwachsender den Eisernen Vorhang förmlich sehen und spüren konnte, was für ihn genauso beunruhigend und unheimlich wie gänzlich vertraut war.

Diese Grenzerfahrung ist tief in Magris Geistes- und Seelenleben und sein Werk eingegangen. Sie hat ihn immer wieder dazu animiert, hinter die Grenzen zu blicken, sie als solche, als scharf trennende nicht zu akzeptieren, sie zu verschieben: „Vielleicht besteht die einzige Möglichkeit, die tödliche Macht der Grenzen zu neutralisieren, darin, immer auf der anderen Seite zu fühlen, auch für sie Partei zu ergreifen.“ Oder, wie er es in seiner Dankesrede für den Leipziger Preis der Europäischen Verständigung 2001 formuliert hat: „Ich habe gelernt, dass die beste Art, sich mit den anderen zu verstehen, die ist, sich auf die andere Seite der Grenze zu stellen.“ Mit der naiven Utopie aber, Grenzen aufzuheben, sie zum Verschwinden zu bringen, konnte Magris allerdings nie etwas anfangen, sind Grenzen doch für ihn ein zu schönes Sinnbild dafür, sich die Existenz des Eigenen im Anderen bewusst zu machen. Magris verdeutlicht das gern am Beispiel der Lebensgeschichte seiner 1996 verstorbenen Ehefrau Marisa Madieri. Diese entstammte einer italienischen Familie aus dem kroatischen Rijeka, das damals Italien zugehörig war. Kurz nach dem Zweiten Weltkrieg sah sie sich wegen der vorangegangen faschistischen Gräuel schwersten Racheakten slawischer Bevölkerungsgruppen ausgesetzt. Viele Jahre später erinnerte sich Madieri dieses persönlichen Dramas in einem Buch und entdeckte dabei, dass ihre Familie und damit auch sie selbst nicht wenige slawische Wurzeln hatten: „So fand sie sich auf der anderen Seite wieder, entdeckte, dass sie zum Teil auch zu den anderen gehörte, von denen sie sich bedroht fühlte.“

Früh berühmt wurde Claudio Magris schon in jungen Jahren, Anfang der sechziger Jahre, als er seine Doktorarbeit über den „habsburgerischen Mythos in der modernen österreichischen Literatur“ veröffentlichte. Dieses Buch gilt als eine der frühesten (Wieder-)Entdeckungen Mitteleuropas, zu einer Zeit, als Europa in zwei feste ideologische Blöcke geteilt und lange kein Ende und keine Wende in Sicht war. Magris hat sein erstes Buch als genau das Werk beschrieben, „aus dem dann meine späteren Bücher und vielleicht sogar meine Existenz hervorgingen.“ Nach Studien in Turin und Freiburg habilitierte er 1966 in Germanistik, um dann in Triest zu lehren und sich um die Übersetzung deutscher Autoren ins Italienische zu kümmern.

Diese Tätigkeiten haben ihn aber nie davon abgehalten, selbst und zudem für einen Wissenschaftler ungemein lesbare Bücher zu schreiben. 1986 erschien seine große Donau-Biografie, in der er die Donau von ihrem Ursprung in Donaueschingen bis in ein rumänisches Flussdelta und ans Schwarze Meer verfolgt, von den Metropolen in die Peripherie und zurück; 1992 seine zauberhafte Erzählung „Ein anderes Meer“; oder vor zwei Jahren der große Roman „Blindlings“, in dem Magris im Lebenslauf eines Sohnes einer tasmanischen Mutter und eines italienischen Vaters alle Schrecken, Hoffnungen und Utopien des vergangenen Jahrhunderts spiegelt.

„Utopie und Entzauberung“ hieß vor einigen Jahren einer seiner Essaybände auf Deutsch, ein Titel, der den realistischen Träumer Magris gut beschreibt. Denn er scheut sich tatsächlich nicht, offen von einem europäischen Staat zu träumen, „von einer echten universellen Kultur“, wie er erst vor kurzem bekannt hat. Doch Claudio Magris ist gleichfalls der festen Überzeugung, dass „jede Utopie mit Skepsis und Ironie verbunden sein muss, um reifer und mutiger zu werden“.

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