Literatur : Privatarchiv des Spions

Der Zweite Teil des „Schwarzbuch KGB“ beschreibt Moskaus Auslandsaktivitäten

Im Zentrum Moskaus steht ein wuchtiges Gebäudes, das wie kaum ein zweites weltweit mit geheimpolizeilichem Terror verbunden wird: die Lubjanka. Direkt gegenüber diesem Backsteinbau befindet sich seit 1990 ein Mahnmal zur Erinnerung an die Millionen Opfer der kommunistischen Herrschaft. Dieses Mahnmal wirkt angesichts der pompösen Größe des geheimpolizeilichen Hauptquartiers geradezu lächerlich und unterstreicht so ungewollt das tatsächliche Verhältnis von Trauer um Millionen Opfer und Vergessen eben dieser Opfer im heutigen Russland.

Seit 1920 residierte in der Lubjanka die sowjetische Geheimpolizei, hier unterhielt sie auch ihr berüchtigtes Gefängnis. Als im November 1982 Juri Andropow Nachfolger Breschnews als sowjetischer Parteichef wurde, war damit zugleich erstmals ein KGB-Vorsitzender zum Parteioberen gekürt worden. Ein gelehriger Schüler Andropows, Wladimir Putin, leitet seit 2000 die Geschicke des Landes.

Wie die zahlreichen politisch motivierten Morde der letzten Jahre an Regimekritikern zeigen, in denen immer wieder die Verwicklung der russischen Geheimpolizei konstatiert wird, sind die Kontinuitäten und Traditionen des gegenwärtigen russischen Geheimdienstes mit dem sowjetischen mehr als offenkundig. Damit dies offenbar nicht in Vergessenheit gerät, hat Putin vor einigen Jahren an der Lubjanka eine Tafel anbringen lassen, die Andropow huldigt. Das kann Putin tun, ohne einen Aufschrei im In- oder Ausland befürchten zu müssen, weil die Verbrechen der kommunistischen Machthaber im gegenwärtigen Russland immer lautstärker beschwiegen werden und weil Stalin immer öfter als einer der großen Helden der jüngeren Geschichte gepriesen wird.

Ein Mann wie Wassili Mitrochin hingegen, der 82-jährig 2004 verstarb, wird in Russland noch lange als Landesverräter angesehen werden. Er arbeitete jahrzehntelang für den sowjetischen Geheimdienst, seit den späten 50er Jahren im Archiv. Spätestens seit der Auflösung des MfS wissen wir, dass das Archiv einer Geheimpolizei der sensibelste und wohl auch spannendste Ort ist. Die Entdeckungen, die Mitrochin im Archiv und in der sowjetischen Realität zunehmend machte, ließen ihn zu einem heimlichen Überläufer werden. Er machte es sich zum Lebensziel, die Verbrechen und Verwicklungen in Verbrechen des sowjetischen Geheimdienstes eines Tages öffentlich zu dokumentieren. Ab 1972 trug er Originale und Kopien von tausenden KGB-Dokumenten zusammen und sammelte sie in seinem Geheimarchiv. Bis zu seiner Pensionierung 1984 trug er so das größte privat-geheime Geheimdienstarchiv zusammen. In einer noch geheimeren Aktion sind er, seine Familie und wohl vor allem sein Archiv dann im November 1992 nach England geschleust worden.

Mitrochin brachte Details zu Tausenden russischen Geheimdienstmitarbeitern in der ganzen Welt mit und immer noch genügend Material, das dem in Cambridge lehrenden Historiker Christopher Andrew genügte, zwei voluminöse Bände zur Geschichte der Auslandsoperationen des KGB zu verfassen. Als vor einigen Jahren der erste Band mit den sowjetischen Aktionen gegen den Westen erschien, glich dies einer Sensation. Nun erscheint Band zwei, in dem die KGB-Operationen in Afrika, Asien, Mittel- und Südamerika geschildert werden.

Nun ist es nicht so, dass Andrews unentwegt Neuigkeiten oder gar Sensationen verkünden könnte. Sein Schreibstil hebt zwar darauf ab, kann aber dennoch nicht kaschieren, dass der Reiz seines Buches in der Gesamtschau vieler Details und Abläufe liegt, die so kompakt und kompetent zuvor nirgends nachzulesen waren.

Das Buch ist nicht nur historisch interessant. Denn die Operationen etwa in Afghanistan, Nicaragua, Vietnam, Syrien, Südjemen, Äthiopien, Irak, Angola, Simbabwe, Algerien, Nordkorea und vielen anderen Ländern haben auch heute noch eine hohe politische Brisanz. In all diesen Ländern sind immer noch von kommunistischen Geheimdiensten ausgebildete Funktionäre aktiv. Insofern stellt dieses Buch auch einen wichtigen Beitrag zur Geschichte des Kalten Krieges dar. Es zeigt freilich nur eine Seite dieses Krieges, der in vielen Ländern außerhalb Europas und Nordamerikas nicht „kalt“, sondern „heiß“ war. Denn zu diesem Krieg gehören nicht nur die Operationen US-amerikanischer oder britischer Geheimdienste, dazu zählen auch die unterschiedlichen Handlungsfelder der kolonisierten beziehungsweise sich vom Kolonialismus befreienden Gesellschaften. Davon freilich ist in diesem Buch nichts zu lesen, was den Erkenntniswert dann doch erheblich einschränkt.





– Christopher Andrew, Wassili Mitrochin:

Das Schwarzbuch

des KGB 2. Moskaus Geheimoperationen im Kalten Krieg. Propyläen Verlag, Berlin 2006, 878 Seiten, 26 Euro.

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