Problemkiez-Bücher : Die Mega-Checker von Neukölln

Frontberichte aus dem Klassenzimmer: Drei neue Bücher über den Alltag in Berlins Problemkiez.

Claudia Keller
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Jugendliche in Kreuzberg. -Foto: ddp

Sie sind 13 Jahre alt, und wenn man sie fragt, was sie werden wollen, sagen sie: Anwalt. Denn damit verbinden sie keine trockenen Paragrafen und verspultes Amtsdeutsch, sondern Macht und Geld. Und nichts wollen die Schüler des Albert-Schweitzer-Gymnasiums in Neukölln so dringend wie eben dies: Macht, Ansehen und Geld. Das Problem an ihrem Berufswunsch ist nur, dass sie sich kaum konzentrieren können, kaum zuhören, keinerlei Ehrgeiz haben. Ein Jurastudium ist für die meisten so fern wie der Flug zum Mond. So sieht es Ursula Rogg, die von 2003 bis 2007 als Kunstlehrerin am Albert-Schweitzer-Gymnasium gearbeitet hat. Ihre Erfahrungen hat sie in „Nord-Neukölln. Frontbericht aus dem Klassenzimmer“ aufgeschrieben.

Es ist eines von gleich drei Büchern über Neukölln, die diesen Herbst auf die Büchertische gekommen sind. In den vergangenen Jahren sind immer mal wieder Abhandlungen über den Kiez erschienen, 2007 etwa aus der Feder der ehemaligen Leiterin der Rütli-Schule. Aber erst jetzt scheinen die Verlage den mittlerweile deutschlandweit bekannten sozialen Brennpunkt wirklich zu entdecken. Die drei Bücher dieses Herbstes tun das aus sehr subjektiver Sicht und auf sehr unterschiedliche Weise. Alle drei Autoren konzentrieren sich dabei auf die Jugendlichen aus den türkischen und arabischen Familien, die in Nord-Neukölln die Bevölkerungsmehrheit ausmachen.

Ursula Rogg hat es auf dem Gymnasium mit den lernfähigeren Söhnen und Töchtern zu tun. Dennoch merkt auch sie schnell, dass selbst mit Gymnasiasten an einen „normalen“ Unterricht, wie sie ihn von München und Berlin-Hellersdorf kannte, nicht zu denken ist. Ihre Neuköllner Schüler wollen „Spaß haben“, sonst nichts. „Sie hören nicht zu, sie sehen nicht hin. Das haben sie nie gelernt. Sie kennen keine Interessen, wollen nicht wissen, wie die Welt funktioniert“, schreibt Rogg. „Unruhig und gehetzt, so leben sie und so waren sie.“ Wo sie mit dem normalen Unterricht nicht weiterkommt, entdeckt die Lehrerin das Improvisieren und schafft es so doch immer wieder, die Jugendlichen aus ihrer Lethargie herauszulocken. Was dann passiert, ist mitunter erstaunlich. Beim Betrachten von Bildern der Barockzeit etwa geraten die 15-Jährigen ins Schwelgen angesichts der opulenten Gewänder, kapriziösen Blicke und Gesten. Sie stellen von sich aus Szenen nach, fangen an, in Barockmanier zu sprechen und bringen in kürzester Zeit ein Theaterstück auf die Bühne. Doch die Spannungskurve fällt schnell wieder ab, sobald der Spaß aufhört. Schwänzen gehört auch auf dem Gymnasium zum Alltag. Schüler melden sich ohne Begründung ab, die Lehrerin erhält Mails mit dem schlichten Satz „Komme bald wieder“. Die Eltern sind Problem statt Hilfe, vor einer Klassenfahrt musste Rogg wochenlang um die Zustimmung der patriarchalen Väter kämpfen, die die Töchter nicht aus der Überwachung lassen wollen. Rogg beschreibt ihre nervenaufreibende Arbeit mit Ironie und einer Haltung, die Schüler wie missgelaunte Kollegen als Opfer der Umstände begreift.

Immer wieder schildert sie auch ihre eigene Hilflosigkeit, wenn begabte Schüler an den Zuständen zu Hause zerbrechen – und kommt zu dem Fazit: Angesichts der geballten sozialen Probleme in den Elternhäusern sind die Oberschulen in den Problembezirken, auch die Gymnasien, überfordert. Abhilfe schafft die Umstellung auf Ganztagsbetrieb und die massive Unterstützung durch Migrantenverbände und Experten von außen. Auch wenn im Albert-Schweitzer-Gymnasium trotz dieser Neuerungen vieles offenbar nicht gut lief und Ursula Rogg nach einem Hörsturz dort aufgegeben hat, so versucht sie doch, Auswege aus der Krise zu weisen.

Ratlos hingegen lässt einen das Buch „Arabboy“ zurück, in dem die Fernsehjournalistin Güner Yasemin Balci den tragischen Lebensweg des Intensivtäters Rashid A. nachzeichnet. Sie habe das Personal ihrer fiktionalen Erzählung aus Schicksalen lebender Personen zusammengesetzt, schreibt die Autorin, mit denen sie im Neuköllner Rollbergviertel aufgewachsen sei und die sie manchmal zufällig auf der Straße treffe – „wenn sie gerade einmal wieder aus dem Gefängnis entlassen wurden“. Was Balci beschreibt, ist eine Spirale aus Demütigung, Hilflosigkeit und abgründiger Grausamkeit, die die Jugendlichen zu Hause erleben und auf der Straße wiederholen. Kein Lehrer und kein Sozialarbeiter kann daran etwas ändern, auch die Polizei nicht. Rashid, Kind türkisch-palästinensischer Eltern, macht sich andere auf der Suche nach Anerkennung und Macht durch Brutalität gefügig und gerät selbst in die Abhängigkeit des „Mega-Checkers“, der sein Geld mit Drogen, Raub und Prostitution verdient. Für Rashid ist es das Größte, wenn er den Boss in dessen 5er BMW durch Neukölln chauffieren darf. Eltern und die Schule spielen da längst keine Rolle mehr. Mädchen sind für Rashid und seine Freunde nur heilige Jungfrauen (ihre Schwestern) oder Schlampen (alle anderen), die man getrost vergewaltigen kann. Um sich vor den täglichen Kämpfen gegen Schmerzen und andere störende Gefühle abzuhärten, schluckt Rashid immer höhere Dosen des Schmerzmittels Tilidin und ist so zu immer größerer Brutalität fähig.

Balci spart nicht mit grausigen Details, man hört als Leser die Knochen knacken, wenn der oberste Boss mit einem Vorschlaghammer auf einen anderen eindrischt, man sieht das Blut spritzen. Das Buch ist ein Schocker, der wachrütteln und alles multikulturelle Gerede vom Tisch fegen will. Und doch bedient Balci nur wieder die geballten Klischees über Berlins berühmt-berüchtigten Kiez. Ist das Neukölln? In einer bestimmten Ecke des Rollbergviertels schon. Polizisten und Jugendstadträte können bestätigen, dass es die Vorbilder für Balcis Buch wirklich gibt, der „Mega-Checker“ sitzt bis heute im Gefängnis. Auch das Vorbild für Rashid ist real: ein türkischer Jugendlicher, der nach der Abschiebung in die Türkei ums Leben kommt. Was Balci schildert, ist authentisch. Aber der Gewaltthriller, den sie daraus macht, trägt eher dazu bei, die Verhältnisse zu zementieren als wachzurütteln. Sicher, das Buch ist spannend, man liest es in einem Atemzug durch, man gruselt sich – und legt es weg. Wenn sowieso nichts und niemand in die Welt von Rashid eindringt, warum sich dann länger damit beschäftigen?

Eine Art Gegenentwurf versucht Fadi Saad mit seiner Autobiografie „Der große Bruder von Neukölln“, in der er seine Wandlung vom Saulus zum Paulus beschreibt. Saad ist nicht in Neukölln aufgewachsen, aber was er als palästinensischer Jugendlicher in Wedding erlebt hat, ähnelt dem Leben von Güner Balcis Rashid. Nur dass sich Saads Gang nicht „Arabboys“ nannte, sondern „Araber Boys“. Heute arbeitet Fadi Saad in Neukölln als Quartiersmanager und ist für die Jugendlichen ein „großer Bruder“. Die Art und Weise, wie Balci und Saad ihre Erfahrungen präsentieren, könnte kaum unterschiedlicher sein. Wo Balci kein blutiges Detail auslässt, schreibt Saad von „Dummheiten“, die die Gang „wieder einmal“ begangen habe. Nur in Nebensätzen ist von „Todeskreisen“ die Rede und dass der eine oder andere krankenhausreif geprügelt wurde. Balci spitzt zu, Saad verharmlost. Wo Balci vor allem die Eltern in die Verantwortung nimmt, sind es bei Saad meistens „die Medien“ oder die Mehrheitsgesellschaft an sich, die die Jugendlichen aus den Migrantenfamilien etwa in der Schule oder bei der Jobsuche als Kinder zweiter Klasse behandeln und dadurch zu deren angestauter Wut beitragen. Welche Chancen diese Gesellschaft auch türkischen und arabischen Jugendlichen bietet, was von etlichen Familien schlichtweg ignoriert wird, taucht nur am Rande auf. Saads Beschreibungen sind auf ihre Weise ähnlich einseitig wie Balcis. Ärgerlich an Saads Buch ist, dass es offensichtlich kaum lektoriert wurde. Es liest sich oft wie ein Schüleraufsatz, Kommafehler und grammatikalische Schnitzer inklusive.

Integration und besonders die Frage, wie wir mit Jugendlichen aus problematischen Migrantenfamilien umgehen sollen, das sind hoch emotionale Themen. Eine neutrale Instanz gibt es nicht, das zeigen auch die Neuerscheinungen des Herbstes. Erst die Zusammenschau vieler unterschiedlicher Bücher ergibt ein Bild, das sich der Neuköllner Realität nähert, wie ein Mosaik, das sich aus vielen Steinen und Farben zusammensetzt.

Ursula Rogg: Nord-Neukölln. Frontbericht aus dem Klassenzimmer. Heinrich Hugendubel Verlag, München 2008, 224 Seiten, 19,95 Euro.

Güner Yasemin Balci: Arabboy. Eine Jugend in Deutschland oder Das kurze Leben des Rashid A., S. Fischer Verlag, Frankfurt/Main 2008, 286 Seiten, 14,90 Euro.

Fadi Saad: Der große Bruder von Neukölln. Herder Verlag, Freiburg 2008, 176 Seiten, 12,95 Euro.

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