Provinzialismus : Lexikon der Provinz bezieht sich nicht nur auf Geografie

Von A wie Acker bis Z wie Zuckerrübe: Neben all dne anderen kuriosen Lexika darf natürlich auch ein Lexikon über die Provinz nicht fehlen.

Gerrit Bartels

Die Idee ist gut und auch die Welt lange bereit. In einer Zeit, in der die Publikumsverlage sich darin überbieten, seltsamste Lexika auf den Markt zu schmeißen, Lexika wie „Das Lexikon der bedrohten Wörter“, „Das Lexikon der verschwundenen Dinge“ oder „Das Lexikon des Unwissens“, und damit sogar ordentliche Verkaufserfolge erzielen, darf natürlich ein Lexikon über die Provinz nicht fehlen. Der Schriftsteller, Lyriker und Übersetzer Henning Ahrens hat ein solches verfasst, ein „Provinzlexikon“, und schaut man sich seine Biografie an, ist er geradezu prädestiniert dafür: Ahrens wurde 1964 im niedersächsischen Peine als Sohn eines Landwirts geboren, studierte in Göttingen, London und Kiel und kehrte nach dem Studium wieder zurück aufs niedersächsische Land, wo er heute nicht weit von Peine in einem kleinen Dorf lebt.

Sein „Provinzlexikon“ enthält zwar auch einige Unterhaltungselemente, ist aber weit entfernt von der zwanghaften Witzigkeit und originellen Ausgedachtheit oben erwähnter Lexika. Ahrens vermittelt zum einen handfestes Wissen, wofür er zu fast dreihundert Stichwörtern mal kürzere, mal längere Einträge geschrieben hat, von A wie Acker oder Außenjalousie über H wie Heuboden oder Höfesterben bis zu Z wie Zone 30 und Zuckerrübe. So erfährt man zum Beispiel, dass eine „Miete“ ein Berg von Feldfrüchten oder Futtermitteln ist, was selbst geborene Landeier nicht immer wissen. Oder dass „Silage“ Viehfutter ist, aus gehäckseltem Mais, aus Gras, Blatt oder Hackfrüchten besteht und auch Gärfutter genannt wird, weil es in Silos gegärt und konserviert wird.

Als Schriftsteller interessieren Ahrens zudem die metaphorischen Eigenschaften mancher Wörter, wie etwa „vom Acker machen“. Und als solcher kommt er natürlich auch ins Erzählen, hat er zum Beispiel fiktive Briefe, Tagebücher und Leserbriefe von Dorfbewohnern verfasst, die allerdings alle etwas zu betont Lustiges haben, was man allein an den albernen Namen merkt, die Ahrens seinen Briefeschreibern gegeben hat: Liselotte L, Karl K., beide stammend aus dem Dorf D. Da ertappt man sich dabei, doch schnell zum nächsten Eintrag zu kommen, in welchem Ahrens dann zur Abwechslung sich entweder an seine Jugend erinnert oder mit eigenen Vorlieben nicht hinter dem Berg hält: „Mir persönlich ist das Gelb des Rapses zu grell und knallig; das matte Gelb reifen Getreides tut dem Auge wohler.“

Wichtiger aber ist Henning Ahrens mit seinem Buch die Unterscheidung von geografischer und geistiger Provinz. Bei Letzterer, die er auch als geistige Enge, Kleingeistigkeit oder Engstirnigkeit bezeichnet, kennt er keine Gnade, weshalb er in seinem Vorwort bemerkt: „Der geistige Provinzialismus, egal, an welchem Ort, in welcher Potenz oder Gestalt, hat deshalb so viele Breitseiten verdient, wie man ihm nur verpassen kann.“

So gibt es im Provinzlexikon zahlreiche Einträge, die sich mit diesem geistigen Provinzialismus befassen, Begriffe wie „Beobachtung“ oder „Gerücht“, „Politische Korrektheit“ oder „Sozialstruktur“. Hier stellt Ahrens Besserwisser und autoritäre Charaktere an den Pranger. Oder er weiß, dass gerade auf dem Land oder in Kleinstädten Bevölkerungsschichten fehlen, die sich durch Bildung, Aufgeklärtheit und eine geistige und soziale Offenheit auszeichnen.

Dass auch der zeitgenössische Literaturbetrieb den einen oder anderen Hieb abbekommt, versteht sich. Elke Heidenreich etwa, die viellesende „Buchweise“, die mitsamt ihrer Sendung „tiefste Literaturprovinz“ darstellt. Oder eben der großstädtische Literaturbetrieb, speziell der Berliner, dessen Aufgeregtheiten von außen, vom Dorf aus betrachtet, etwas zutiefst Selbstbezogenes haben. Wirkt Ahrens in dieser Hinsicht angenehm entspannt und listig, bewirbt er sogar einen seiner Romane, „Tiertage“, „ein höchst vergnüglicher und ergötzlicher, in der Provinz angesiedelter Roman über das Leben und die Liebe im Allgemeinen, insbesondere bei Mensch und Tier“, so kommt er im Gegensatz dazu immer eine Spur besessen und allzu oft auf den Nationalsozialismus zurück, auf neonazistische Gesinnungen, auf völkisch-nationale Grauzonen, so als würde hinter jeder dorischen Säule, in jedem spießigen Nachbarn, in jedem Heimatverein gleich ein Nazi stecken. Da übertreibt er es mit der eigenen politischen Korrektheit, und da bekommt er Gott sei dank immer dann die Kurve, wenn er sich kultur- und zeitgeschichtlichen Phänomenen zuwendet, wenn er sich in Dorfdiscos und Mehrzweckhallen begibt, wenn er eine kleine Philosophie der Außenjalousie erstellt („Abschottung hat Unfruchtbarkeit zur Folge, eine Faustregel, die im Großen wie im Kleinen zählt“) oder er die allgegenwärtigen Nagel- und Tattoostudios beschreibt.

Das Schöne an diesem Buch ist, dass es durchaus als Lesebuch funktioniert, nicht so sehr als Nachschlagewerk. Das „Provinzlexikon“ ist ein erzählendes Sachbuch mit einer Hauptfigur: der Provinz und ihren ambivalenten Ausdrucksformen, der Provinz, die in uns allen steckt. So steht es gut in einer Reihe von Büchern, die gleichaltrige Kollegen von Ahrens schon über die Provinz verfasst haben, mit Kolja Mensings „Wie komme ich hier raus“ zum Beispiel, mit Florian Illies’ Buch über seinen Heimatort Schlitz, „Ortsgespräch“, oder zuletzt mit Ulf Erdmann Zieglers sogenannter Autogeografie „Wilde Wiesen“. Den Originalitätsbonus inklusive eingebauter Erfolgsgarantie (Lexikon!) hat es obendrein.

Henning Ahrens: Provinzlexikon. Knaus Verlag, München 2009. Mit Illustrationen von Jana Cerno, 300 S., 18,90 €.

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