Literatur : pvb

Als Elfriede Jelinek 2004 etwas überraschend den Nobelpreis für Literatur erhielt, meinte die selber verblüffte Schriftstellerin: „Eigentlich hätte doch Peter Handke den Nobelpreis verdient!“

Jelineks Landsmann darf sich zehn Jahre später nun mindestens gelinde trösten. Nicht die Schweden, die Norweger lassen ihm eine noble, mit 2, 5 Millionen Kronen (rund 280 000 Euro) auch nobel dotierte Auszeichnung zukommen. Am 22. September bekommt Peter Handke für seine Theaterstücke den Internationalen Ibsen Preis, den vorher die Regisseure Ariane Mnouchkine und Peter Brook, der Dramatiker Jon Fosse oder der deutsche Musiktheatermacher Heiner Goebbels erhalten haben.

Plötzlich wieder: Handkes Theater. Lange schien der in Chaville vor den Toren von Paris lebende Autor ja vor allem als Prosapoet zu existieren (manchmal auch als poetisch-polemischer Publizist mit Blick auf Serbien und das untergegangene Jugoslawien). Zwar gab es immer mal wieder ein Stück von Handke, aber keinen so richtig großen Wurf mehr auf der Bühne. Bis er 2011 mit „Immer noch Sturm“ nicht nur bildlich ein Zeichen setzte. Es war Handkes Requiem für seine im Zweiten Weltkrieg versehrte eigene Familie und die zerstörte soziale und kulturelle Verbindung zwischen Kärnten, seiner Geburtsregion, und den Slowenen. Uraufgeführt wurde „Immer noch Sturm“ vor drei Jahren bei den Salzburger Festspielen, herbeiengagiert und gestützt von Thomas Oberender, damals dort Schauspieldirektor.

Inzwischen ist Thomas Oberender als Intendant der Berliner Festspiele nach Berlin gewechselt. Der gebürtige Jenaer und frühere Dramaturg, Jahrgang 1966 und damit 24 Jahre jünger als Handke, hatte nach der Wende über Botho Strauß promoviert. Strauß war zusammen mit Handke für meine Generation der Nachkriegsgeborenen ab den 60er/70er Jahren eine Schlüsselfigur. Man las von ihnen (im deutschen Westen) einfach jedes Buch. Sah jedes Stück. Lange Zeit. Thomas Oberender ist viel später und in größerem biografischem Abstand zu Peter Handke gelangt. Doch nun ist er ihm in Kenntnis und Verständnis ganz nah.

Das zeigen so erhellend wie mitunter auch unterhaltsam die vier Gespräche, die Oberender mit Handke im Herbst 2012 erst in Berlin, dann in Handkes Garten in Chaville geführt hat. Daraus ist jetzt ein handliches Buch geworden: Peter Handke/Thomas Oberender „Nebeneingang oder Haupteingang? Gespräche über 50 Jahre Schreiben fürs Theater“ (Suhrkamp Verlag Berlin, 199 Seiten, 20 €).

Das Schöne dieser Druckfassung des Gesprochenen ist, dass man die Verfertigung des Gedankens beim Reden geradezu intim, nicht indiskret, aber spürbar in einer Atmosphäre des innigen Verständnisses erlebt. Keine „kritischen“, journalistischen Interviews sind es, vielmehr Werkstattgespräche über Motive, Schwierigkeiten mit dem Theater und mit dem Theaterschreiben und manchmal blitzartige Lösungen und Auswege, gleich, ob durch Neben- oder Haupteingänge.

Oberender beschreibt es in seinem Vorwort so: „Man hört ..., wie Peter Handke sich selber hört, beim Sprechen, wie er abwägt, nachschmeckt und entdeckerisch umgeht mit seinen eigenen Äußerungen, die er immer wieder zurückholt aus dem eben noch Geschehenen in die Reflexion, meist, ohne sie zu korrigieren. Und doch wird das Gesagte überprüft, in einen Kontext gestellt, auf die Form hin betrachtet.“

Das geht von den ersten Sprechstücken wie 1966 der „Publikumsbeschimpfung“ („Das kam von den Beatles her“, die Popformation der Akteure hinter ihren Mikrofonen) bis zu „Immer noch Sturm“, den „Schönen Tagen von Aranjuez“ oder Handkes Variation von Becketts „Letztem Band“. Nachgedacht wird über Sprache als Macht und Ohnmacht, über Tschechows Pausen, die Schwierigkeiten mit einem antiken Chor, über den wahren, poetischen Schauspieler (Handke: „ein anders schillernder Schauspieler“), und auch die Regisseure werden mit Handkes Mischung aus Spott und Zärtlichkeit bedacht. Über Claus Peymann: „Er könnte halbwegs auch ein Fußballtrainer sein, nicht gerade für die Stars von Real Madrid oder FC Barcelona, aber doch für Arminia Bielefeld, vielleicht.“

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