Rammstedt-Roman "Der Kaiser von China" : Zuhause ist Gott

Entfesselte Fantasie: „Der König von China“ von Bachmannpreisträger Tilman Rammstedt

Jörg Magenau
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Es ist viel Raum in den Hautfalten des Buddha“, sagt Tilman Rammstedt. Auf Youtube kann man den Berliner Schriftsteller in einem Video sehen, in dem er die chinesische Übersetzung seines Romans „Der Kaiser in China“ vorstellt. Da sitzt er in einem Chinarestaurant vor einem goldenen Buddha, hält Ess-Stäbchen in der Hand, verneigt sich höflich und spricht etwas, das entfernt Chinesisch klingt. Die chinesische Übersetzung ist, wenn man ihm glauben möchte, ein wahres Wunderding: 300 Seiten dicker als das deutsche Original und mit verbessertem Happy End. Was für eine Karriere: Im Sommer erhielt er in Klagenfurt den Ingeborg-Bachmann-Preis für einen als Erzählung funktionierenden Ausschnitt. Dann ist der Text zum Roman angewachsen. Und im Chinesischen hat er sich glatt verdoppelt. Doch leider darf man Tilman Rammstedt nichts glauben: nicht dieses Video und auch kein Wort seines Romans. „Der Kaiser von China“ ist erstunken und erlogen von vorne bis hinten; ein literarisches Machwerk entfesselter Phantasie. Der Titel verrät das schon, denn diese Wendung wird benutzt um auszudrücken, dass etwas völlig unglaubwürdig ist: Soso, du bist also Deutschlands Superstar. Und ich bin der Kaiser von China.

Auch der Ich-Erzähler der Geschichte hat einen Namen von demonstrativer Ausgedachtheit: Keith Stapperpfennig. Er ist zusammen mit vier Geschwistern bei einem Großvater aufgewachsen, der zwar nur noch einen Arm hat, ansonsten aber von geradezu überbordernder erotischer Vitalität zu sein scheint. Die Großmütter an seiner Seite wechseln jedenfalls wie die Jahreszeiten und werden im Lauf der Jahre immer jünger. Bis schließlich Franziska auftaucht, die, ungewöhnlich genug, von Keith'' Großmutter zu Keith'' Geliebter wird. Unter erschwerten Bedingungen allerdings, denn zu Sex kommt es nur in unmittelbarer Nähe zu dem schlafenden Großvater, mal im Krankenhaus, mal in seinem Schlafzimmer auf dem Teppich, stets bedroht davon, er könnte erwachen. Aber vielleicht ist ja auch das nur Angeberei. Denn was die große, schwierige Nähe zwischen Enkel, Geliebter und Großvater bei gleichzeitiger Dauergenervtheit eigentlich begründet, wird nicht so recht klar.

Zum Geburtstag schenken die Enkel dem Großvater eine Reise an ein Ziel seiner Wahl, und er entscheidet sich für China. Keith soll ihn begleiten und wird von seinen Geschwistern, die den Großvater noch weniger ertragen, finanziell ausgestattet. Doch er verliert das Geld in der Spielbank und versteckt sich in den folgenden Wochen in seiner Wohnung unterm Schreibtisch, um von hier aus fiktive Briefe einer erfundenen Chinareise an die Geschwister zu schreiben.

Der Großvater, der ihm gegenüber behauptete, allein loszufahren, schickt ihm unterdessen Karten aus dem Westerwald, die notdürftig chinesisch entfremdet sind. Doch dann kommt die Nachricht, der Großvater, der sich selbst so erfolgreich für unsterblich hielt, dass die ganze Familie ihm glaubte, sei gestorben. Und Keith Stapperpfennig steht vor der schier unlösbaren Aufgabe, diesen Tod im Westerwald so in seine Reiseerzählung einzubauen, dass seine Lügenkonstruktion hält. Wie lässt man einen Großvater in China – oder vielmehr in der Literatur – verschwinden? Wie schreibt man über den Tod, ohne den Tod aufscheinen zu lassen?

Tilman Rammstedt baut daraus eine furiose Geschichte voll skurriler Einfälle und überdrehtem Witz. Er schlägt ein atemraubendes Tempo an und zieht dabei allen Bemühungen, sich in einer verlässlichen Realität rückzuversichern, lustvoll den Boden weg. Keiths Briefe werden immer länger, denn er muss nebenbei noch die Lebens- und Liebesgeschichte des Großvaters erfinden, die diese seltsame Reise begründet und schließlich sogar erklären kann, wann und wo er seinen Arm verlor. Die Reiseerzählung gewinnt dadurch allmählich die Oberhand und wirkt wie ein Damm gegen die andrängende Wirklichkeit jenseits des Schreibtisches, in der etwa Keiths auch nicht ernst zu nehmende Heirat mit Franziska anstehen würde.

Auch wenn die erfundene Reise nur eine Flucht ins Reich der Fantasie ist, wirkt sie erstaunlich real. Der Großvater ist so lebendig wie nie und China so genau geschildert, als wäre es tatsächlich gesehen und erlebt und nicht nur mittels Reiseführer erkundet worden. Das ist nebenbei ein schönes Plädoyer fürs Zuhausebleiben und eine herrlich leichte Persiflage auf Touristenreisen, bei denen man am Ende doch immer nur feststellt, dass die Bilder im Reiseführer interessanter waren als die in der Ferne aufgesuchten Orte. Die Fahrt mit dem Tandem durch Schanghai könnte in der Wirklichkeit sicher nicht aufregender verlaufen als in der Fantasie.

Nicht China ist das eigentliche Thema des Romans, sondern das Erfinden selbst. Tilman Rammstedt vertraut ganz und gar der Kraft der Fiktion. Er beweist, dass in der Literatur alles möglich ist und sich noch die absurdesten Ideen mit Plausibilität ausstatten lassen, wenn sie nur überzeugend genug vorgetragen werden. Dass ihm das gelingt, hat mit seinem Sprachwitz und einer sowieso an keinerlei Wahrscheinlichkeitsrechnung gebundenen Originalität zu tun. Das ist schließlich aber auch das Problem dieser Prosa: Sie ist ein rein artifizielles Kunststück, das von der Dynamik lebt und gewissermaßen im leeren Raum stattfindet.

Nicht ganz zufällig spielt eine chinesische Artistentruppe in der Geschichte eine wichtige Rolle, denn was Rammstedt literarisch unternimmt ist nichts anderes als Akrobatik auf dem Hochseil. Wenn die Pointenkraft nachlässt, kann das jedoch rasch langweilig werden und man beginnt sich nach festem Boden oder auch nur einem kompetenten China-Reiseführer zu sehnen. Aber was soll''s. Es ist viel Raum in den Hautfalten des Buddha.

Tilman Rammstedt: Der Kaiser von China. Roman. Dumont Verlag, Köln 2008.

192 Seiten, 17,90 €

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