Raymond Carvers Schreibstil : Episch oder lakonisch

Andreas Schäfer geht in die Rhetorikschule. Was unterscheidet die Epik von der Lakonie?

Andreas Schäfer

Die Legende geht so: Als der Makedonenkönig Philipp II., der schon Athen und Theben niedergerungen hatte, auf Sparta vorrückte, drohte er mit epischem Furor: „Wenn ich euch besiegt habe, werden eure Häuser brennen, eure Städte in Flammen stehen und eure Frauen zu Witwen.“ Und womit antworteten die Spartaner? Mit einem einzigen Wort: „Wenn.“ Damit war die Lakonie geboren, denn die Spartaner regierten den Landstrich Lakonien, auf der Halbinsel Peloponnes.

Man sieht gleich: Der Epiker als Eroberer und Heldenlebenbeschreiber macht ein großes szenisches Fass auf, schaltet erst mal die Scheinwerfer des Dramatischen an und steigert die Wirkung durch großzügigen Gebrauch der Aufzählung, während der Lakoniker jedes überflüssige Wort meidet. Denn es ist nicht nur Energieverschwendung, sondern macht auch Lärm. Und Lärm verhindert, dass man den Subtext hört. Der Epiker entwirft eine Welt, der Lakoniker reagiert auf diese Welt. Aber nicht nur. Er erschüttert sie auch. Weil er den Blick ungerührt auf ihren blinden Fleck richtet. Das „Wenn“ der Spartaner heißt ja nicht nur: Du wirst uns nicht besiegen! Es verlacht auch den Größenwahn des Aggressors.

Auf die Tafel des sozialen Lebens bezogen, heißt das: Der Epiker sitzt an der Stirnseite des Tischs und erzählt von seinen Erfolgen, seinen Frauen, Häusern und Booten, während der Lakoniker, den Rücken gerade, seine Nudeln auf die Gabel dreht, um im richtigen Moment den einen, treffenden Satz fallen zu lassen. Der Epiker mag der Potenzprotz sein, die Weisheit hat der Lakoniker gepachtet. Der Epiker reißt mit oder langweilt, vom Lakoniker aber ist man magisch angezogen – oder zutiefst abgestoßen. Denn natürlich hat der Lakoniker etwas Parasitäres an sich. Er wartet und lauert auf die Pointe, während der offenherzige Epiker immer Gefahr läuft, sich um Kopf und Kragen zu reden. Eitelkeit ist die eine, pfauenhafte Seite des Lakonikers, Demut die andere – und hiermit betreten wir das Feld der Literatur.

Während der epische Erzähler von Homer über Thomas Mann bis, sagen wir, Alban Nikolai Herbst von der sprachlichen Erschaffung eines ganzen Kosmos träumt und – vereinfacht gesagt – eigentlich gern Gott wäre, geht es dem Lakoniker von Beckett über Raymond Carver bis, sagen wir, Jon Fosse darum, das Geheimnis der Welt zu evozieren. So wenige Worte wie möglich sollen so viel wie möglich vom kosmischen Lachen, Weinen, Schweigen oder dem schlichten Verstreichen der Zeit einfangen. Der Lakoniker will nicht Gott, sondern nur Medium sein. Das lakonische Schreiben, eine hohe Kunst, und führt zum allerhohlsten Pathos, wenn es misslingt. Nicht jeder Dreiwortsatz taugt als Auffangbecken für Sinnhaftigkeit.

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