Rechtsstreit : Aufbau-Verlag meldet Insolvenz an

Bestseller wie "Rummelplatz" oder "Die Päpstin" gehören zu den Aushängeschildern des Berliner Aufbau-Verlags. Nun hat der Verleger Insolvent angemeldet. Die Geschäftsführer protestieren. Sie glauben, der Schritt wäre zu vermeiden gewesen.

Lunkewitz
Nach 17-jährigem Kampf mit der früheren Treuhand und dem Finanzministerium hat Lunkewitz einen Schlußstrich unter seine bisherige...Foto: dpa

BerlinDer Aufbau-Verlag, der früher bedeutendste Verlag der DDR mit großen Werkausgaben von Brecht bis Fontane, hat am Freitag beim Amtsgericht Charlottenburg Antrag auf Eröffnung des Insolvenzverfahrens gestellt, teilte Geschäftsführer René Strien mit. Und das,  obwohl er und seine Mitarbeiter bis zuletzt über andere Alternativen mit dem Verleger gesprochen hätten. "Wir sind über den plötzlichen Sinneswandel geschockt", sagte Strien. Hintergrund ist ein jahrelanger Rechtsstreit mit der früheren Treuhandanstalt um die tatsächlichen Eigentumsrechte beim Verkauf des Aufbau-Verlags nach dem Ende der DDR.

Er will sich die Entscheidung nicht leicht gemacht haben, sagt Verleger Bernd F. Lunkewitz. Er wirft dem Bundesfinanzministerium als Rechtsaufsicht der Treuhand vor, sich seiner Verantwortung zu entziehen. "Ich habe alles getan, um den Verlag am Leben zu erhalten. Weitere Mittel aus meinem privaten Vermögen werde ich nicht zur Verfügung stellen." Nach Ansicht der Bundesanstalt für vereinigungsbedingte Sonderaufgaben (BvS) hätte Lunkewitz die Insolvenz verhindern können. Ihr sei "nicht bekannt, dass eine Überschuldung der Aufbau-Verlagsgruppe GmbH vorliegt", sagte ein Sprecher. Es sei auch nicht ersichtlich, "auf wessen Forderungen die befürchtete Überschuldung zurückzuführen wäre". Die BvS sehe sich zudem in keinerlei Verpflichtung gegenüber der Verlagsgruppe.

"Lunkewitz steht nicht zu seinen früherer Zusagen"

Die Geschäftsführung hat Lunkewitz unterdessen vorgeworfen, nicht zu früheren Zusagen über die Finanzierung des Verlages stehen zu wollen. Dabei gehe es auch um eine "Freistellung des Verlages von den Ansprüchen gegen die Treuhand", heißt es in einer Presseerklärung der Aufbau-Verlagsgruppe. Die Insolvenz-Ankündigung des Verlegers sei nicht abgestimmt gewesen, betonten die bisherigen Geschäftsführer Tom Erben und René Strien. "Nach einer so langen Zusammenarbeit mit einer aufopferungsbereiten Mitarbeiterschaft so etwas vom Zaun zu brechen, ist nicht nachvollziehbar", fügte Strien hinzu.

Über die Fortführung der Geschäftstätigkeit soll jetzt der Insolvenzverwalter entscheiden, mit dem es bereits an diesem Samstag ein erstes Treffen geben wird. Laut Geschäftsführung soll der "traditionsreiche und operativ erfolgreiche Verlag" erhalten werden. Die Aufbau-Verlagsgruppe ist nach ihrer Auffassung "keineswegs eine leere Hülle, sondern besitzt sämtliche hochkarätigen Rechte, die sie im Laufe ihrer 17-jährigen Tätigkeit am Markt erworben oder selbst geschaffen hat." Der Verlag setzt daher auf die Solidarität seiner Autoren, Mitarbeiter und Partner, "um aus dieser vom Verleger durchaus abwendbaren Insolvenz möglichst unbeschädigt hervorzugehen." Der Verlag beschäftigt zurzeit etwa 60 Mitarbeiter.

Verschiedene Standpunkte mit juristischen Folgen

Lunkewitz dagegen zieht aus seiner Sicht die Konsequenz aus einem jüngsten höchstrichterlichen Urteil des Bundesgerichtshofs, nach dem der Aufbau-Verlag in der DDR nie zum Volkseigentum gehörte. Damit ist er auch nie Eigentum der Treuhandanstalt gewesen, die ihn an eine Investorengruppe um Lunkewitz 1991 verkauft hatte, sagt er. Tatsächlicher Eigentümer war bis zuletzt der Kulturbund, die frühere Massenorganisation der DDR, der den Verlag seinerseits an Lunkewitz verkaufte. Damit könnten für Lunkewitz nun Investitionen von rund 50 Millionen Euro verloren gehen.

Die Bundesregierung allerdings hatte erst in der vergangenen Woche noch bekräftigt, dass der Verkauf nicht rechtswidrig oder unwirksam gewesen sei. Zudem habe die Treuhandanstalt "erhebliche finanzielle Mittel bereitgestellt". Diese unterschiedlichen Standpunkte haben jetzt möglicherweise juristische Folgen: Lunkewitz könnte die Bundesrepublik auf Schadenersatz verklagen, auch andere Verlage, die von Aufbau Lizenzrechte erworben haben, könnten vor Gericht ziehen.

Im Jahr 2007 hatte die Aufbau-Verlagsgruppe, zu der auch der Verlag Rütten und Loening gehört, nach Angaben der Geschäftsführer einen Umsatz von 14,2 Millionen Euro erzielt. Zu den meistverkauften Büchern zählten zuletzt Werner Bräunings postumer Überraschungserfolg "Rummelplatz" und die Autobiografie des Schauspielers Winfried Glatzeder. Frühere Bestseller waren "Die Päpstin" und die Tagebücher von Victor Klemperer. (kj/dpa)

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