Reinhold Neven Du Mont : Wer laviert, lebt

Reinhold Neven Du Mont debütiert als Romancier: Warum ein über 70-jähriger verdienter Buchmann, der als Verleger jahrzehntelang dem Kiepenheuer & Witsch Verlag vorstand, sich in den Status eines erzählerischen Debütanten katapultiert? Vielleicht war’s auch ein kleiner Wettstreit mit Bruder Alfred.

Ulrike Baureithel

Die Buddenbrooks auf der Leinwand, die Krupps im TV-Mehrteiler: Familiengeschichten haben Konjunktur, besonders solche, in denen berühmte Namen für persönliche Abgründe und öffentlichen Niedergang bürgen. Zur Familiengenealogie gehört ein Stammbaum. Auf einen solchen stößt man als erstes, wenn man Reinhold Neven Du Monts Familienroman „Die Villa“ aufschlägt: Der Stammbaum der Familie Lauterbach schaut einem gleich zwei Mal, vorne und hinten, entgegen.

Warum ein über 70-jähriger verdienter Buchmann, der als Verleger jahrzehntelang dem Kiepenheuer & Witsch Verlag vorstand, sich in den Status eines erzählerischen Debütanten katapultiert? Vielleicht war’s auch ein kleiner Wettstreit mit Bruder Alfred, der dieses Frühjahr mit „Reise zu Lena“ ebenfalls als Romancier aufwartet. Doch im Unterschied zu dessen Altersliebesgeschichte ist es bei Reinhold eine Jugendliebe, die den Stoff liefert, vordergründig zumindest.

Eines Tages, so die Rahmenhandlung, stößt ein erfolgreicher Theaterkritiker beim Studium der Todesanzeigen, die er „mit zwanghaftem Vergnügen“ verfolgt, auf die Meldung vom Ableben einer Elisabeth Lauterbach. Der Name bringt ihn in Wallung, denn just dieser Frau begegnete er als Student in den frühen fünfziger Jahren, als ein Ferienjob ihn in die Villa der Lauterbachs am Starnberger See wehte. Sie war „die eine Frau“ in Roberts Leben, obwohl er sie nach Ablauf des Sommers nie wieder sehen sollte. Auf der Beerdigung Elisabeths trifft der gealterte Robert noch einmal auf das Personal jener Jahre; die Erinnerungsmaschine kommt in Gang.

Zunächst wirkt der aus kleinbürgerlichem Milieu stammende junge Mann in der mondänen Selbstverständlichkeit der Villa, in der Lenbachs hängen und die Tischordnung noch Rangordnungen abbildet, wie eine Fehlbesetzung. Elisabeth, damals schon Hausherrin, begegnet ihm distanziert, die Kinder und Jugendlichen betrachten ihn ironisch wie Leo, der das Künstlerische seiner Großmutter Luise geerbt hat, kumpelhaft wie der „Bastard“ Michel oder vorsichtig wie die beiden ungleichen Schwestern Ingrid und Hanna. „Du nimmst dich zu wichtig“, lässt der 18-jährige Leo den Älteren wissen. „Du bist dabei aber, du gehörst nicht dazu.“

Robert nimmt Leos Aufforderung ernst, alles, was um ihn her passiert, „als Schauspiel“ zu betrachten. Während er Ordnung in der vernachlässigten Hausbibliothek schafft, steigt sein Interesse an den Bewohnern, den verstorbenen Eltern von Elisabeth – dem charmanten Gauner und Antiquitätenhändler Otto und seiner vom Leben enttäuschten und an der Kunst gescheiterten Frau Luise –, aber auch an den übrigen Hausbewohnern. Die Geschichte der Familie und die des Faktotums Agathe oder des Hausmeisterehepaares Anleitner beginnt in der Kaiserzeit, als Otto den Grundstein für sein Antiquitätengeschäft legt und endet mit einer Familientragödie im Jahre 1952. Wie in jeder besseren Familie gibt es in jeder Generation ein uneheliches Kind (Elisabeths Schwester Martha und wiederum deren Sohn Michel), mehrere treulose Ehemänner, umso treuere Hausangestellte, ein paar kriegsbedingte moralische Verfehlungen und die eine oder andere großherzige Geste. Der nach Ottos Ableben zunächst unter der Oberhoheit von Luise, dann von Elisabeth stehende Großhaushalt wird durch Kriegs- und Nachkriegswirren laviert. In ihm bildet sich, das scheint die Absicht des Autors, so etwas wie ein lebendes Zeitbild ab.

Leider wird die Absicht von der Rahmenanlage des Romans hintertrieben, denn Robert kommt all den Geschichten mittels eines in der Bibliothek aufgefundenen Tagebuchs von Großmutter Luise auf die Spur oder einiger hinter vorgehaltener Hand gewisperter Indiskretionen. Als Erzähler taucht Robert in die Motive und Empfindungen seiner Protagonisten ein, ohne dass die Quellen dafür den Beweis antreten könnten. Den Geschichten fehlt zudem eine Kohärenz, die über die Zufälligkeit des Hauses hinausginge; oft bleiben sie nur anekdotisch, manchmal, wie der Deal um die Go Kart-Bahn, siegt der Slapstick. Dass die amouröse Seite der Geschichte eher angedeutet bleibt, ist dagegen kein Nachteil, die beiläufig ironische Dezenz geradezu erholsam.

Stark ist der ein wenig altmodisch erzählte, aber durchaus von erzählerischem Elan getragene Roman dort, wo Neven Du Mont mit wenigen Strichen einen Charakter, ein Milieu oder eine Situation vorführt – scharf eingefangen etwa in der Schilderung von Roberts Vater, der sich in einem Brief bei Kurt Schumacher bitter darüber beschwert, dass ihn die Bezirksgenossen nicht zur Wahl aufstellen, oder der Szene, in der Kriegsheimkehrer vom Bürgermeister mit einem Kugelschreibergeschenk begrüßt werden. Im Unterschied zu den Buddenbrooks und den Krupps endet das Lauterbachsche Familiendrama trotz allen Zwischenfällen und Unglücken und dank des Immobilienbooms der Nachkriegszeit auch keineswegs im Untergang. Es erlaubt sogar, die eigentliche Hauptperson des Romans, die Villa, in neuem Glanz erstrahlen zu lassen.

Reinhold Neven

Du Mont: Die Villa.

Roman. Verlag C. H. Beck, München 2009. 315 Seiten, 18,90 €.

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