Reiseberichte : Blinder Seher

Jason Roberts porträtiert einen Weltreisenden und erinnert an einen vergessenen Meister der Selbstüberwindung, der zäh und starrsinnig seinem Schicksal trotzte.

André Weikard

Die Wiederentdeckung des Entdeckers war reiner Zufall. Bei Recherchen stieß der US-Journalist Jason Roberts auf die seltsame Geschichte des blinden James Holman, der Anfang des 19. Jahrhunderts Sibirien bereiste, bis er vom Zar als Spion verhaftet wurde und danach eine Reise um die ganze Welt unternahm. Roberts erzählt von Holmans Karriere als Offizier zur See, den widrigen Wetterbedingungen und dem Rheumatismus, mit dem der junge Seemann zu kämpfen hatte, schließlich von der Erblindung.

Die eigentlichen Reiseberichte sind eine Reihung von Anekdoten. Da übernimmt der blinde Holman während einer Havarie das Steuer und bringt es auf Zuruf des Kapitäns in sichere Gewässer. Nach seiner Sibirien-Reise sieht Holman sich dem Vorwurf ausgesetzt, seine Aufzeichnungen beruhten nur auf Hörensagen. Die öffentliche Diskussion macht seinen Reisebericht aber zum Bestseller. Er fühlt sich ermutigt und beteiligt sich als Chronist an einem Siedlungsunternehmen vor der afrikanischen Küste. Er reist auf der Eden mit Zimmerleuten, Saatgut, Schafen, Rindern und Pferden, tauscht mit den Einheimischen Eisenschrott gegen Affenhäute und müht sich, die fremde Sprache zu erlernen.

Als das Schiff nach zwei Jahren in die Heimat aufbricht, sind nur noch zwölf der 135 Mann starken Besatzung am Leben. Holman ist nicht unter ihnen. Er setzt sich auf einem holländischen Salzfrachter nach Rio ab, unternimmt Expeditionen in die britisch-brasilianischen Bergwerke und wird von Sandflöhen befallen. Über das Kap der Guten Hoffnung, Madagaskar, Sansibar und die Seychellen erreicht er Ceylon, wo er auf Elefantenjagd geht und über Kakerlaken von der Größe eines Kronenstückes klagt. In China freut er sich darüber, dass die Amerikaner „Engländer zweiter Wahl“ heißen, und in Australien kann er wegen der heulenden Dingos nicht schlafen.

Das Buch enthält außerdem eine Anleitung zur Zubereitung von Sojasoße, zur Jagd auf Kängurus, aber auch ein Kapitel über Neuseeland, an dem er nur vorübersegelte. Mit Behauptungen wie der, ein chinesischer Kaiser sei zwei Meter achtzig groß gewesen, diskreditiert Holman seinen ganzen Bericht. Die Presse macht sich über den blinden Tor lustig, Holmans letzte Aufzeichnungen finden keinen Verleger mehr. Der Mann, der nichts sieht, wird behandelt, als wäre er unsichtbar. Jason Roberts hat an einen vergessenen Meister der Selbstüberwindung erinnert, der zäh und starrsinnig seinem Schicksal trotzte.

Jason Roberts: Die ganze Welt im Sinn. Wie der blinde James Holman zum größten Reisenden der Geschichte wurde. Blessing, München 2009. 495 S., 21,95 €.

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