Rezension : Die Rache des Spießers

Kai Diekmann beklagt in seinem Buch den Verfall Deutschlands, der durch die 1968er eingeleitet worden sei. Dabei gibt er ganz offen zu, dass dies eine "polemische Attacke" ist.

Tilman P. Fichter

Kai Diekmann, seit 2001 Chefredakteur von BILD, sieht in seiner Kampfschrift „Der große Selbst-Betrug“ das neu vereinigte Deutschland von Kuschelpolitikern und „Gutmenschen“ beherrscht. Wir Achtundsechziger hätten, so beklagt er, die Bundesrepublik durch unseren „moralischen Rigorismus“ ruiniert. Laut Waschzettel des Piper-Verlages hat Diekmann mit diesem Buch eine „Polemik wider die Flucht der Deutschen aus der Wirklichkeit“ verfasst. Welche Wirklichkeit meint der Verlag eigentlich: die düstere Zukunft der Diekmänner, die sechzig Jahre nach Hitler in Deutschland allenthalben Selbsthass wittern? Oder die komplexe Zukunft einer der modernsten Industrienationen, die heute zu den zivileren Ländern dieser Welt zählt?

In seinem Vorwort warnt Diekmann seine Leser davor, seine „Worte“ auf die „Goldwaage“ zu legen. Er habe ganz bewusst „kein intellektuelles Buch“ verfasst, sondern eine „polemische Attacke ohne Rücksichten“ – auch „ohne Rücksichten auf den Autor selber.“ Fürwahr!

Diekmann lebt seinen ungezügelten Hass aus

Nun müssen Polemiker ab und zu auch übertreiben. Das macht gute Polemik – etwa die geharnischten publizistischen Bösartigkeiten eines Henryk M. Broder – so schlagfertig, scharf und trotzdem unterhaltsam. Bei grober oder weinerlicher Polemik leidet jedoch fast immer die Treffsicherheit: So sieht Diekmann im heutigen Deutschland vor lauter Bürokratie, „Wahlversprechen“, „Kuschelpädagogik“ und „Sozial-Abzocke“ fast überall nur noch „Leistungsverweigerung“, „Triumph des Mittelmaßes“ oder gar einen „öko-religiösen Fundamentalismus“. Seinen Lesern mutet er ein Potpourri angstbesetzter Kuriositäten zu. Wer den scharfsinnigen Blick eines liberalkonservativen Beobachters auf die widersprüchliche Realität der bundesrepublikanischen Gesellschaft erwartet, wird enttäuscht.
In seinem Abschlusskapitel „Lob der Achtundsechziger“ zelebriert der „Bild“-Chef seinen ungezügelten Hass auf die Generation der Revolte von 1967/1968: Wir hätten mit unserer „Bücherregal-aus-Apfelsinenkisten“-Ästhetik mindestens eine Generation zu einer „demonstrativen Geringschätzung“ der vormals vorherrschenden „Konventionen umerzogen. Unsere „trostlose“ Kleidung – so zum Beispiel unsere Ponchos, Parkas oder Palästinenserschals - sei „selten gepflegt“ gewesen. Kurzum: Diekmann, selbst Jahrgang 1964 (!!), konstatiert bei den Achtundsechzigern „mangelnde Hygiene als Ausdruck“ „realsozialistischer Trostlosigkeit“. Ein seltsames Gebräu aus antilinken Vorurteilen, Intellektuellenfeindlichkeit und kleinbürgerlich-streitsüchtigem Dünkel. Dieser Dünkel resultiert wohl aus vermeintlicher Überlegenheit. Doch mit dieser „Neuen Weinerlichkeit“ liefert die Polemik noch keinen überzeugenden Nachweis für seine intellektuelle Überlegenheit.

„1968“ steht – so Diekmann – auch für moralisches „Versagen“: Wir hätten seinerzeit den Stalinismus „kleingeredet“. Stimmt das? Am 21. August 1968, also nur wenige Monate nach dem Attentat auf ihn, schrieb Dutschke in Rom in sein Tagebuch: „ ... wie sehr die Okkupation mich berührte, konnte niemand (in West-Berlin) ganz mitbekommen. In Prag (nur wenige Tage vor dem Attentat) war ich davon überzeugt gewesen, dass 1956 (Ungarn) sich nicht wiederholen könne. ... Welche Hunde, welche Barbaren, welche Verräter.“ Angesichts einer Welle von Berufsverboten in der Bundesrepublik sowie der Koexistenzpolitik zwischen den beiden deutschen Staaten erklärte er 1977 mehrfach: „Es ist für mich außer Zweifel: In der DDR ist alles real, bloß nicht der Sozialismus; in der BRD ist alles real, bloß nicht ‚Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit'.“ Das war die Denkweise im antiautoritären SDS der Revolte. Das Schönreden des Stalinismus war in den sechziger Jahren nicht bei uns, sondern bei der DKP und, in den siebziger Jahren, bei den deutschen Maoisten verbreitet. Vielleicht sollte Diekmann beim Verfassen seiner Polemiken auch ab und zu einmal die Archive aufsuchen. Statt zu analysieren, verrührt er unterschiedliche Protestkulturen wie die Studentenbewegung der sechziger Jahre, die vom politischen Protestantismus beeinflusste Friedensbewegung der späten siebziger und frühen achtziger Jahre, die DKP, die deutschen Maoisten oder die neue Frauenbewegung im großen Topf seiner Vorurteile.

Der Autor, Jahrgang 1937, war 1965/66 Erster Vorsitzender des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes SDS in Berlin.


Kai Diekmann: Der große Selbst-Betrug. Wie wir um unsere Zukunft gebracht werden. Piper Verlag, München / Zürich 2007. 240 Seiten, 16,90 Euro.

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