Rezension : Die Stille hinter der Mauer

Was Robert Melis mit seinen Schwarz-Weiß-Fotos überliefert, ist nicht nur ein Stück Geschichtsschreibung nahezu ohne Worte.

Peter von Becker
DDR-Bildband
Roger Melis: In einem stillen Land. -Foto: Promo

Es gibt kaum ein schöneres, kein wahreres Buch über die untergegangene DDR als diesen Bildband: „In einem stillen Land“ , so hat der heute 66-jährige Berliner Fotograf Roger Melis die Auswahl seiner Aufnahmen aus den Jahren 1965 bis 1989 betitelt. Was Melis mit seinen Schwarz-Weiß-Fotos überliefert, ist nicht nur ein Stück Geschichtsschreibung nahezu ohne Worte. Es ist ein Beispiel jener selten gewordenen Gedächtniskultur, die dem naturgemäß subjektiven Moment, dem Augen-Blick des Kamerakünstlers, eine Objektivität gibt, die mehr über eine Zeit verrät als das zufällige Dokument oder die im Nachhinein inszenierte Erinnerung.

Melis’ Buch ruft auf suggestive, bildlich-sinnliche Weise wach, was hinter den Fassaden von Ideologie, Propaganda, schwerindustrieller Technik, idyllischer Dörflichkeit und städtischer Morbidität die Essenz des Lebens in der DDR war. Gleich, ob sein Blick in ein Stahlwerk fällt oder Aufmärsche der Partei und des Militärs wahrnimmt: Melis’ Fotos zeichnen noch im Lebendigsten, Lautstärksten, Liebevollsten die „Stille“ eines eingemauerten, stickigen, zur politischen und letztlich auch sozialen Friedhofsruhe verurteilten Landes nach. Wenn er Volkspolizisten, Wirtshauskartenspieler, Schornsteinfeger, Waldarbeiterinnen, bürgerliche Parteiveteranen oder prollige DDR-Punks beobachtet, verbindet Melis die registrierende Strenge eines August Sander, des frühen Porträtisten der deutschen sozialen Stände, mit der graziösen, artistischen Aufmerksamkeit eines Cartier-Bresson für die Sensationen des Alltags.

Das macht dieses Buch so unterhaltsam wie lehrreich, bringt die Stille und die vergangene Stimmung gleichsam neu zur Sprache. Es ist ein Requiem für die DDR, das im Angesicht der hier wiedergefundenen vergangenen Zeit gewiss keine Auferstehung wünscht. Roger Melis war längst vor der Wende auch im Westen berühmt, und einige seiner bekanntesten Bilder sind dabei: Wolf Biermann als „Preußischer Ikarus“ 1975 auf der Weidendammer Brücke oder die in den Westen ausreisende Sarah Kirsch, auf gepackten Kisten thronend. Man erschrickt, wenn der Berliner Gendarmenmarkt 1984 noch als gestrüppüberwucherte Nachkriegswüste erscheint. Man bewundert, wie Melis Licht und Schatten setzt, wie er Menschen vom Rand souverän und oft in heiterer Melancholie ins Zentrum rückt. Am Ende der DDR und des Buches aber sind es die vitalen Bilder der Jungen, die das Still-Leben, das in der Kunst nur das Tote meint, in die Zukunft, sprich: in unsere Gegenwart fortleben lässt. Peter von Becker

Roger Melis: In einem stillen Land. Fotografien 1965 – 1989. Lehmstedt, Leipzig 2007. 192 S., 169 Abb., 19, 90 €.

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