Rezension : „Es war zum Mäusemelken“

Gefühlvoll und lehrreich: Joschka Fischers Erinnerungen an die rot-grüne Politik bis zum 11. September 2001.

Hans Monath
Fischer Foto: dpa
Ein langer Lauf. Fischer im Bonner Kanzleramt zu Beginn der ersten rot-grünen Kabinettssitzung am 27. Oktober 1998. -Foto: dpa

Politische Memoiren gehören in Deutschland zu jenen Büchern, die häufig Strapazen von folterähnlicher Qualität bereithalten. Wer sich auf ihre Lektüre einlässt, verordnet sich in der Regel selbst eine Strafexpedition durch Materialwüsten, die sich über Hunderte von trockenen Seiten erstrecken. Ganz zu schweigen vom gängigen Kanzleistil, in dem der politische Kalender tageweise nacherzählt wird.

Von all diesen Übeln sind die Erinnerungen Joschka Fischers an die ersten drei Jahre der rot-grünen Regierung weitgehend frei. Nach einem etwas bemühten Anfang findet der Ex-Außenminister in seinem jüngsten Buch einen Stil, der immer urteilsfreudig ist, schnell zur Sache kommt, drastisch formuliert und sich Zeit für Reflexion und sogar für ehrliche Selbstkritik lässt („mein ureigenster Riesenfehler“). Da ist von schnarchenden Beamten in Telefonkonferenzen der wichtigsten Mächte die Rede, vom Masochismus der Grünen („Es war zum Mäusemelken“), von Tobsuchtsanfällen des Bundeskanzlers und vom Aufbruch der deutschen Außenpolitik aus der Nachkriegszeit. Wer sich für Zeitgeschichte nur ein bisschen interessiert, wird auf 433 Seiten mehr lernen als in vielen Lehrbüchern. Manche Passagen sind durchaus geeignet, ins Lesebuch für die Oberstufe übernommen zu werden.

Joschka Fischer zeigt in seinen Memoiren das rhetorische Talent und die Unterhaltsamkeit, die das Publikum an ihm schätzt. Zudem lässt er den Leser an seiner eigenen Entwicklung und seinen eigenen Gefühle teilnehmen: „Da saß ich nun im Allerheiligsten der Nato, im Saal des Rates, war deutscher Außenminister, führte Krieg und hatte Geburtstag!“ Viele Rollen füllt der Autor aus. Er tritt auf als Ex-Straßenkämpfer und moralisch inspirierter Machiavellist, als Weltstratege und Dompteur grüner Illusionen, als pragmatischer Hüter der Lehren der Aufklärung und als der Mann, der die deutsche Außenpolitik als Akteur im Nahostkonflikt etablierte.

Der Ex-Außenminister führt seine Leser in die geheimen Werkstätten der Weltdiplomatie und lässt sie hautnah Telefongespräche und Konferenzen erleben, die internationale Krisen managen. Man hält den Atem an, wenn man liest, dass unmittelbar nach dem Kosovokrieg eine an den Rand gedrängte russische Regierung vom eigenen Militär weggeputscht zu werden drohte – was gerade für das deutsch-russische Verhältnis dramatische Folgen gehabt hätte.

Der Realpolitiker Fischer zeigt gerade im Verhältnis zu den USA einen Sinn für Machtverhältnisse, kann aber gleichzeitig mit den Erwartungen umgehen, die in Zeiten des Umbruchs von den Partnern an das größte EU-Land gerichtet wurden. Der ganze Band ist durchzogen von einem Grundprinzip, nämlich dem Bekenntnis zur Verantwortung der Deutschen für ihre katastrophale Geschichte vor 1945. Der peinlich genaue Verzicht auf jedes Auftrumpfen verringert den Spielraum der Außenministers nicht, sondern schafft erst die Voraussetzung dafür, dass die Partner den Einfluss Deutschlands ertragen und zunehmend einfordern.

Deutlich wird freilich auch, dass Fischers außenpolitischer Kosmos zumindest in den ersten drei Amtsjahren weitgehend auf das transatlantische Verhältnis, den Balkan, Russland und den Nahostkonflikt beschränkt war. Von der weltverändernden Dynamik Ostasiens ist in diesem Buch kaum die Rede.

Ungeschminkt schildert der Autodidakt auch die Bedingungen seines Wirkens im Auswärtigen Amt. Der frühere Vizekanzler bekennt offen, dass er zu Kanzler Gerhard Schröder ein weit distanzierteres Verhältnis pflegte als zum damaligen SPD-Chef Oskar Lafontaine. Schröders Versuche, den kleinen Koalitionspartner auf die Rolle des Mehrheitsbeschaffers zu reduzieren („Koch und Kellner“), sein Unverständnis für ökologische Belange und seine populistische Europakritik („Stoiber und CSU-Linie pur“) ließen Fischer auf Distanz gehen. Dagegen war Lafontaine für Fischer „der ideelle Gesamtrotgrüne, der die gemeinsame Hoffnung auf den Machtwechsel und die sozial-ökologische Erneuerung Deutschlands verkörperte“. Doch der Herzensverbündete schmiss nach weniger als einem Jahr alles hin.

Und schließlich ist da noch die eigene Partei. Emotional sei ihm die grüne Bundespartei „fremd geblieben, bis auf den heutigen Tag“, bekennt ihr populärster Vertreter offen. Eines freilich übersieht Fischer in seinem harten, durchaus gerechtfertigten Urteil über die Realitätsverweigerung der Grünen: Seine eigene Kreativität im Amt verdankt sich auch dem Widerstand aus den eigenen Reihen. Die Zustimmung zu Militäreinsätzen konnte er der Partei nur abtrotzten, wenn er gleichzeitig neue, auf Frieden zielende Konzepte vorlegte. Zugespitzt gesagt: Die Grünen zwangen ihn zu Leistungen, die Deutschlands Einfluss mehrten. So kam Fischer im Kosovokrieg auf den Dreh, Russland in den Nachkriegs- und Stabilitätsprozess einzubinden. Ein ähnlicher Schritt gelang ihm, als er Deutschland noch während des Afghanistankrieges 2001 zum Moderator des Versöhnungsprozesses machte und die Konfliktparteien zur Petersberger Konferenz einlud.

„Aber rühmen wir nicht nur den Weisen, dessen Name auf dem Buche prangt“, heißt es in Brechts Gedicht „Legende von der Entstehung des Buches Taoteking“. Dort wird dem Zöllner auch gedankt, der Laotse an der Grenze seine Weisheit „abverlangt“. Man muss die Grünen wahrlich nicht als Hüter außenpolitischer Vernunft preisen, gerade jetzt nicht, da sie in den schlechtesten Traditionen deutscher Romantik wieder in den Isolationismus streben.

Aber die Geschichte kümmert sich bekanntlich wenig um die Absichten der Akteure. Das heißt: Auch das fragwürdigste Motiv provoziert manchmal eine große Wirkung. Der Stoff des zweiten Bandes von Fischers Memoiren mit dem Kampf um den Afghanistan-Einsatz und dem transatlantischen Streit um den Irakkrieg verspricht noch spannender zu werde als der erste. Vielleicht bringt der Autor dann die Größe auf, in seiner Partei mehr als nur eine Zumutung zu sehen und sich zu der Erkenntnis durchzuringen: „Drum seien die Grünen auch bedankt, sie haben mir alles abverlangt.“





– Joschka Fischer:

Die rot-grünen Jahre. Deutsche Außenpolitik – vom Kosovo bis zum 11. September. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2007. 450 Seiten, 22,90 Euro.

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