Rezension : Gottes Kämpfe dauern lang

Selbstmordattentäter als Strategen: Mark Juergensmeyers Analyse globalisierter religiöser Gewalt

Thomas Speckmann

Blutige Anschlagsserien vor den Wahlen in Afghanistan, schwere Kämpfe mit militanten Gruppen in Pakistan, immer wieder Autobombenterror im Irak, Gefechte im Gaza-Streifen sogar zwischen Islamisten – wie lässt sich diese Gewalt beenden? Wer diese Frage derzeit zu beantworten wüsste, hätte wahrlich einen Friedensnobelpreis verdient. Mark Juergensmeyer setzt die Erfolgserwartung erst einmal tief an. Für den amerikanischen Experten für religiöse Gewalt und Konfliktbewältigung hängt die Antwort davon ab, wie die jeweiligen Spannungen überhaupt entstanden sind. Wenn es in der Konfrontation vor allem um Religion gehe, werde diese nie aufhören, da religiöser Ausdruck ein zentrales Element der Kultur sei, und dies schon seit Jahrtausenden.

Aber geht es in den meisten der heutigen Konflikte wirklich hauptsächlich um Religion? Für Juergensmeyer steht außer Frage, dass sich viele der Bewegungen, die um die Jahrtausendwende im Kampf gegen säkulare Staaten entstanden, religiöser Begriffe bedienen. Doch das bedeute nicht, dass es ihnen im Kern um Religion gehe. Der Soziologe und Direktor des Orfalea Center for Global and International Studies an der University of California zitiert Untersuchungen zur brutalsten Form der Gewalt, die mit religiösem Aktivismus in Verbindung gebracht wird: Selbstmordattentate. Danach bildet bei diesen Taten nicht die Religion das eigentliche Motiv, sondern politisches Kalkül. Dieses dreht sich in der Regel um die Verteidigung eines Territoriums. So wurden bis zum Jahr 2003 die meisten Selbstmordattentate nicht von religiösen Gruppen, sondern von der säkularen ethnischen Bewegung der Tamil Tigers in Sri Lanka verübt.

Die Auswertung der Datenbank des „Chicago Project on Suicide Terrorism“ mit den Profilen von 462 Selbstmordattentätern hat ergeben, dass es sich bei ihnen nicht, wie immer wieder behauptet, um vorwiegend arme, ungebildete, unreife religiöse Fanatiker oder soziale Verlierer handelt. Ihnen ist vielmehr die Überzeugung gemein, dass ihr Territorium oder ihre Kultur von einer fremden Macht besetzt ist, die nur schwer wieder vertrieben werden kann. In ihrem Kampf greifen sie zu der einfachsten und direktesten Form des militanten Widerstands und verwenden ihren Körper als Waffe. Dabei sind sie keine religiösen Einzelgänger, sondern gehören in der Regel einer militanten Organisation an, die über ausgefeilte Strategien verfügt, um die Fremdherrschaft auf einem Territorium zu beenden, das sie als ihr eigenes betrachtet. Da die Organisationen der Selbstmordattentäter den bekämpften Regierungen in der Vergangenheit Konzessionen abgerungen haben, sind sie zuversichtlich, dass ihre Strategien funktionieren und es sich lohnt, sie immer wieder anzuwenden. Damit sind diese Aktivisten keineswegs religiös motivierte Wahnsinnige, sondern Strategen, die rational kalkulieren, um politische Vorteile zu erzielen.

Auch wenn die Konflikte zunächst nicht durch religiöse Ideen ausgelöst werden, spielt die Religion nach Juergensmeyers Analyse eine wichtige Rolle: Die Bedingungen, die zu den Konflikten führen, haben typischerweise mit sozialer und politischer Identität zu tun, also damit, was eine Gemeinschaft von Individuen verbindet und was sie definiert. Diese Identität manifestiert sich häufig als Verteidigung der Heimat, als Schutz eines Territoriums oder einer Kultur, die aus Sicht der Aktivisten unter die Kontrolle einer fremden Macht geraten ist. An einem bestimmten Punkt des Konflikts jedoch, in der Regel in Zeiten der Enttäuschung und Verzweiflung, wird der politische und ideologische Kampf „religionisiert“. Von da an bekommt, was primär als weltlicher Kampf begann, die Aura eines heiligen Konflikts.

Die Religion erweist sich dabei als die Ideologie, die zum Handeln und zum Protest befähigt. Religiöse Bilder und Themen werden herangezogen, um den Widerstand gegen diejenigen Kräfte zu rechtfertigen, die als Feinde der traditionellen Kultur und Identität wahrgenommen werden: die Unterstützer des säkularen Nationalstaats, der angeblich die eigene Gemeinschaft nicht ausreichend schützen kann und nicht die moralische, politische, wirtschaftliche und soziale Stärke besitzt, um sie am Leben zu erhalten, sowie die säkularen Systeme der Globalisierung, die die Identitäten der Nationalstaaten mehr und mehr auslöschen.

Auf welche Probleme die Bekämpfung derlei motivierter Gewalt stößt, lässt ein Gespräch von Juergensmeyer mit Abdul Aziz Rantisi aus dem Jahr 1998 erahnen. Der Amerikaner wies den inzwischen verstorbenen Führer des politischen Flügels der Hamas in säkularen militärischen Begriffen auf die Aussichtslosigkeit des islamischen Kampfes in Palästina hin: Seines Erachtens sei die Militärmacht Israels so groß, dass die Palästinenser militärisch niemals Erfolg haben könnten. Rantisi hingegen versicherte ihm, dass „Palästina schon einmal 200 Jahre lang besetzt war“. Nach seiner Rechnung könnten die Kämpfe Gottes Äonen währen. Letztlich jedoch würden die Gotteskrieger Erfolg haben. Juergensmeyers Erkenntnis, die allen zukünftigen Planungen des Westens zugrunde liegen sollte: Im religiösen Bezugsrahmen ist eine Niederlage nie eine wirkliche Niederlage, da in dem riesigen Zeithorizont des Heiligen Krieges letztlich immer die gerechte Sache siegt.

Wie können die westlichen Demokratien, denen es erfahrungsgemäß schwerfällt, auch nur über eine Legislaturperiode hinaus zu denken, geschweige denn zu handeln, dennoch einen scheinbar unendlichen Kampf bestehen? Juergensmeyers kluge Empfehlung: Mit der Entdeckung der Langsamkeit. Zwar werden juristische Prozeduren im Gegensatz zu militärischen Reaktionen auf terroristische Angriffe oft als unerträglich langsam empfunden. Aber sie führen letztlich dazu, dass mutmaßliche Terroristen effektiver lokalisiert und weniger Gewaltakte verübt werden.

Würden die westlichen Gesellschaften Juergensmeyers luzide Analyse globalisierter religiöser Gewalt verinnerlichen, könnte das den entscheidenden Durchbruch im Antiterrorkampf bedeuten. Der Faktor Zeit wäre nicht mehr länger allein eine Ressource der Terroristen. Der Westen könnte eine alte Guerillaweisheit gegen seine Gegner wenden und sie mit ihren eigenen Waffen schlagen: Er muss nicht militärisch siegen, sondern nur sein Bedrohungspotenzial aufrechterhalten, um letztlich erfolgreich zu sein. Indem sich Nato und EU erst gar nicht den Risiken eines asymmetrischen Krieges aussetzten, folglich militärisch nicht verlieren könnten, würden sie den Konflikt auf lange Sicht politisch gewinnen – daheim wie im Ausland.

– Mark Juergensmeyer: Die Globalisierung religiöser Gewalt. Von christlichen Milizen bis al-Qaida. Hamburger Edition, Hamburg 2009. 485 Seiten, 35 Euro.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben