Rezension : Im Schloss der Zwillinge

Fallende Männer und leere Räume: Pablo De Santis vertrackter 9/11-Roman "Die sechste Laterne".

Kolja Mensing

Pablo De Santis liebt vertrackte literarische Konstruktionen. Seinem neuen Roman „Die sechste Laterne“ hat der argentinische Schriftsteller das Vorwort einer „Gesellschaft für utopische Architektur“ vorangestellt. Die kleine Vereinigung hat es sich zur Aufgabe gemacht, mit dem Irrglauben aufzuräumen, „die großen Architekten wären jene, die ihr Leben dem Bauen gewidmet hätten“. Sie dagegen versucht, die Erinnerung an jene Architekten zu bewahren, die ihr Leben nicht dem Bauen gewidmet haben, sondern „lediglich Pläne und Zeichnungen zurückgelassen haben“. Nun ist es ihren Mitgliedern „nach jahrelanger Suche“ gelungen, eine Handvoll Skizzen und fünfzehn Notizbücher des 1941 verstorbenen italienischen Baumeisters Silvio Balestri aufzuspüren und mithilfe dieses „papiernen Monuments“ eine Abhandlung über ihn zu schreiben: Auf das fiktive Vorwort folgt eine frei erfundene Biografie Balestris.

Kurz nach dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs verlässt der junge Silvio Balestri seine Heimat Italien, um sein Glück wie so viele andere in New York zu versuchen. Er beginnt ganz unten, im Kellergeschoss des Architektenbüros Moran, Morley & Mactran, und er kopiert hier Konstruktionspläne für die ersten Wolkenkratzer, die damals in Manhattan aus dem Boden schießen. Als Student noch hatte Balestri in den Hochhäusern die „Kathedralen der Gegenwart“ gesehen, doch jetzt schreckt er vehement vor den „herzlosen“ Türmen zurück: „Je größer die Gebäude werden, desto mehr entfernen sie sich von jeder Idee einer Bedeutung.“

Nach Feierabend arbeitet er in seinem trostlosen Zimmer verbissen an einem Gegenentwurf zu den „leeren Räumen“ der modernen Architektur und dem Machbarkeitswahn ihrer Schöpfer. Sein Ziel ist ein Bauwerk, das nicht von Stahlträgern getragen wird, sondern allein von dem Bemühen, „etwas zu schaffen, von dem man weiß, dass es unmöglich ist“. Und es ist tatsächlich unmöglich. Das Projekt wird nie über das Anfangsstadium hinauskommen.

Um die Geschichte des scheiternden Visionärs hat der 1963 in Buenos Aires geborene und lange als Drehbuchautor für das Fernsehen tätige Pablo De Santis ein dichtes Band von Motiven geflochten. Unter anderem gehört Balestri in New York schon bald zu den melancholischen Besuchern eines architektonischen Museums mit Modellen von „Gebäuden, die nie gebaut wurden“, und in einem seiner Entwürfe zitiert er die Bauweise der stufenförmigen babylonischen Zikkurate und den verhängnisvollen „Turmbau zu Babel“.

Darüber hinaus bedient sich De Santis, dessen Romane an die frühen Werke Paul Austers erinnern, beim Genre des Mystery Thrillers und der Detective Novel, und es finden sich zahlreiche Anspielungen auf die Architektur- und Literaturgeschichte. Manche sind recht offensichtlich, zum Beispiel wenn Franz Kafkas Freund Oskar Pollak in einer Nebenrolle auftritt und die Verbindung zum „Schloss“ und anderen fantastischen Bauten der Literatur herstellt.

Doch man darf sich nicht täuschen lassen. „Die sechste Laterne“ ist mehr als nur ein äußerst raffiniert konstruiertes Romangebäude. Die postmodern verspielte Fassade des Textes wird von einem Netz feiner schwarzer Risse überzogen. Ihren Ausgangspunkt nehmen sie in einer Bemerkung eines italienischen Futuristen, der Balestris gut gemeinte Überlegungen zur „Bedeutung in der modernen Architektur“ in den zwanziger Jahren aufnimmt und eine aggressive Wendung gibt: „Wenn Städteplaner sich um Sinn und Form einer Stadt kümmerten“, schreibt er, dann sollten auch künftige Kriege „von Architekten geplant werden, die es besser verstehen, die feindliche Stadt symbolisch zu vernichten.“

Man hört an dieser Stelle bereits das Dröhnen der Flugzeuge, die Europa schon bald mit Bombenteppichen überziehen werden. Dann allerdings stürzen sich nach dem Börsencrash zunächst einmal bankrott gegangene Unternehmer von den Bürotürmen Manhattans in den Tod: „falling men“, die man sofort mit den Fernsehbildern vom 11. September assoziiert (und nach denen Don DeLillo im Übrigen gerade erst seinen neuen, Ende Oktober auch auf Deutsch erscheinenden Roman benannt hat).

Diese Gedankenverbindung ist beabsichtigt. Zumindest wird Balestri aufgrund der Rezeption seiner theoretischen Arbeiten im faschistischen Italien umgehend von zwei großgewachsenen amerikanischen Regierungsbeamten verhört, die den Spitznamen „die Zwillinge“ tragen. Spätestens jetzt ahnt man, worauf Pablo De Santis hinaus will mit dieser kühl kalkulierten Geschichte, die eigentlich mit dem Tod ihres Protagonisten im Zweiten Weltkrieg endet – und die dennoch in die Reihe von Romanen über die Anschläge auf das World Trade Center und die Folgen gehört, die in den letzten Jahren erschienen sind.

Die Anschläge auf die „Twin Towers“ werden in diesem Roman nicht explizit erwähnt und sind zugleich der letzte Beweis für die Befürchtung Silvio Balestris, dass die „bedeutungslosen“ Hochhäuser der Moderne in ihrem Innern kein „Geheimnis bergen“ und darum nach ihrem Niedergang nicht einmal als Ruinen überdauern würden. Trotz der erbitterten symbolischen Kämpfe und der vielen blutigen Kriege nach dem 11. September ist vom World Trade Center schließlich nicht mehr als eine leere, dunkle Stelle inmitten der großen Stadt geblieben. Silvio Balestri hat nichts gebaut, aber er hat recht behalten. Es ist ein grausamer Triumph.

Pablo De Santis: Die sechste Laterne. Aus dem Spanischen von Claudia Wuttke. Unionsverlag,

Zürich 2007.

247 Seiten, 19,90 €

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