Rezension : Leben mit Pop

Klasse Unterhaltung: Thomas von Steinaeckers Debütroman „Wallner beginnt zu fliegen“.

Jochen Jung

Dies ist das erste Buch Thomas von Steinaeckers. So ein Könner, denkt man bei der Lektüre von „Wallner beginnt zu fliegen“, ist uns lange nicht begegnet. Gleichzeitig steigt schon nach wenigen Seiten neugierige Unsicherheit auf: Ist das alles genauso gemeint, wie es geschrieben steht?

Stefan Wallner, mit einem Freund Eigentümer einer florierenden Landmaschinenfabrik in Cham, jawohl, in Cham, erfährt, dass sein Vater bei einem ICE-Unfall ums Leben gekommen ist. Obwohl er diesen Vater seit siebzehn Jahren nicht mehr gesehen hat, nicht hat sehen wollen – später erfahren wir warum –, trifft ihn dieser Tod zentral, unsinnigerweise fast, als hätte er darauf gewartet.

Er tut das Übliche, inklusive Wohnungsauflösung in Bergisch-Gladbach, genau, Bergisch-Gladbach, und findet dort neben dem Bett seines Vaters noch ein halb volles Glas Wasser. Es ist einer jener banalen Momente, die dem, der sie erlebt, ins Herz schneiden, und für alle anderen ein Detail von schönster Rührung sind. Wie also davon erzählen?

Thomas von Steinaecker hat sich für Stefan Wallners Geschichte eine trockene, ja spröde und völlig unironisch protokollierende Sprache erfunden, die klingt, als würde sie sich wahnsinnig zusammenreißen, um nicht zu kippen. Sie scheint unpersönlich, hat aber zugleich etwas Lauerndes. Vor allem weiß man nicht wirklich, wem sie gehört: einem Erzähler, der auf unerlaubte Weise etwas Unfreundliches im Sinn hat? Schon nach wenigen Seiten ahnt man die Katastrophe, und wie auch immer sie ausschauen wird – sie soll endlich eintreten. Wallner hat Angst. Der Leser auch.

Erzählt wird in kurzen Abschnitten, eine halbe Seite lang oder auch zwei, drei Seiten. Das Leben – ein Puzzle: Wenn alles passt, ist es aus. Wenn es aber aus ist und noch was herumliegt? Wallner ist verheiratet mit Ana, deren Familie aus Rumänien stammt, und hat einen Sohn, der Costin heißt und Popsänger werden will. Es wird viel ferngesehen, Filme etwa, in denen er mit Ana schläft, vor zwanzig Jahren haben sie die aufgenommen. Und es wird Geld ausgegeben, wenn auch nicht so viel, wie Ana will, es gibt Spannungen mit der Frau, in der Firma auch, es ist alles normal, immer an der Wand lang, und diese Wand könnte jederzeit kippen, wie die Sprache. Die Sprache kippt aber nicht. Die Katastrophe ist eingetreten, banal natürlich, aber eben auch final, Wallner, dieser Wallner, ist jetzt auch tot, es lebe Costin, der nächste Wallner. Der will allerdings leben. Er macht eine Banklehre, möchte aber was andres, er ist begabt, er wird Popsänger und hat Erfolg.

Costin gehört das mittlere und längste Kapitel, und wieder zeigt Steinaecker, dass er Sprache instrumentalisieren kann, um einer Figur so zur Seite zu sein, dass sie kenntlich wird, aber nicht verraten. Mit diesem Costin, der aufsteigt und dann wieder absteigt, der lebt oder eigentlich gelebt wird, der sich szenemäßig selbst verwirklicht, aber höchstens eine leise Ahnung von sich selbst hat und von der Wirklichkeit in Wirklichkeit nicht viel wissen will, gerade weil er sie dauernd um die Ohren hat – mit diesem Costin schauen wir dabei zu, wie da zwischen all dem Schrott das nackte Leben aus den Ritzen kommt, um gleich wieder verscheucht zu werden. Costins immer kümmerlicher werdendes mittelkleines Leben, es ist ein Leben ohne Zuhause, aber auch ohne In-die-weiteWelt-hinein. Es ist überhaupt ein Leben ohne. Aber es ist eines.

Der Popslang, in dem Steinaecker das hoch virtuos erzählt, klingt nur bisweilen eine Spur zu selbstbegeistert, bleibt aber zumeist unterhaltend, ohne unernst zu werden. Man verfolgt dieses Leben, das nicht selbstständig zu werden scheint, es aber in Wirklichkeit längst ist, nicht weniger interessiert als das seines Landmaschinenfabrikantenvaters. Man würde ihm gern etwas zurufen, diesem Costin, ihm sagen, dass er nicht so viel Scheiß machen soll, denn man mag ihn, er ist einem, anders als sein Vater, ja nicht egal. Aber er hört nicht, er säuft, er kifft, und wenn er etwas wacher wäre, hätte er vielleicht nur noch Angst.

Bisweilen stellt man sich vor, wie es einem andern Leser ergehen wird, der diese Sprache in zehn, fünfzehn Jahren liest. Seltsam überholt wird sie ihm vielleicht vorkommen, und auf einmal fällt einem auf, dass diese Costin-Welt längst die von 2040, 2050 ist, dass man längst in eine Science-Fiction-Welt hinübergerutscht ist, die nicht wirklich anders ist als die vor unseren Fenstern und Türen.

Am Ende sind alle drei Männer gestorben und die junge Frau, die da übrig geblieben ist, interessiert sich nun für ihre Familie, von der sie nicht einmal wusste, dass es sie gibt. Wendy, Costins Tochter, die ihm, wie man früher so sagte, passiert ist, irgendwann, backstage, lebt mit ihrer Mutter in Salzburg. Sie lernt ihren Vater kennen, als sie achtzehn Jahre alt ist, und aus den ersten Begegnungen wird tatsächlich eine interessierte Beziehung.

Wendy beginnt, sich mit ihrer neu gewonnenen Familie zu beschäftigen, und macht sich am Ende Notizen, die uns an den Anfang des Romans erinnern. Auch hier zeigt Steinaecker die ganze Kunst, Figuren eine Sprache anzuziehen, die ihnen passt und doch mehr Überblick behält als die Figuren selbst. Und das gilt auch für die Genderforscherin und Lebensabschnittslesbierin Wendy.

Dies ist ein Familienroman, ein Deutschlandroman, ein Unterhaltungsroman von Klasse. Zu viele haben wir davon ja nicht.

Thomas von Steinaecker: Wallner beginnt zu fliegen. Roman. Frankfurter Verlagsanstalt, Frankfurt 2007. 368 S., 19, 80 €

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