Rezension : Nächsten Mittwoch ist auch noch ein Tag

Dinge Aufschieben - eine Volkskrankheit. Es gibt sogar ein Fachwort dafür: Prokrastination. Kathrin Passig und Sascha Lobo haben ein Buch darüber geschrieben. Und vermitteln: Das Herumschleichen um Aufgaben, die man nicht machen will oder schon ewig hätte machen sollen, ist gar nicht so schlimm.

Saskia Weneit
Lobo Passig
Ratgeber, 285 Seiten, gebunden. Rowohlt Berlin. 19,90 Euro. -Foto: promo

Damit sind wir auch schon bei einer der Kernaussagen des Buches: das schlechte Gewissen abstellen. Hat einen schon lange genug gelähmt und das Leben unerträglicher gemacht. Oh ja, Hallelujah!

Lobo und Passig haben mit ihrem die Bibel für alle chronischen, halbchronischen und sonst wie gearteten Aufschieber geschaffen. Es wird die Welt vielleicht nicht besser machen – obwohl, vielleicht doch, zumindest für einen selbst. Es wird den eigenen Blickwinkel auf sie verändern. "Nicht ich bin unzulänglich, die Welt ist ungünstig gebaut und falsch gewartet", schreiben sie. Dafür verdienen die Autoren den Universal-Nobelpreis. Sie haben die Formel für ein schöneres Leben gefunden.

Wir haben es hier mit Profi-Prokrastinierern zu tun. Zwar sind sie spitze im nicht-zu-Potte- kommen, aber anstatt 24 Stunden am Tag fernzusehen und zwischendurch Socken zu falten, sind Passig und Lobo unglaublich produktiv. Den Ingeborg Bachmann Literaturpreis gab's für Kathrin, den Online Grimme Award haben sie und Sascha für ihren Blog Riesenmaschine bekommen. Ihr Geheimnis: Anstatt abzuwaschen oder Fenster zu putzen, die Aufschieberei besser auf schönere Dinge zu lenken. Keine Lust auf Steuererklärung? Dann die ganze Energie ins nächste Projekt stecken, das man schon so lange vor sich her schiebt.

Vom Teufel Selbstdisziplin

Humorvoll ist das Buch, mit hohem Wiedererkennungswert in den zahlreichen Erfahrungsberichten von unaufgeräumten Kellern und jahrelang aufgeschobener Diplomarbeit. Aber auch mit einem großen Faktenwissen kommen die Autoren daher - sämtliche "Reiß-dich-zusammen-Ratgeber" werden zitiert und als unzulänglich entlarvt. Der Teufel Selbstdisziplin, an den die meisten Ratgeber die Seele ihrer Leser verkaufen wollen, schicken Lobo und Passig mit Leichtigkeit in die Hölle zurück.

Wer hofft, seine Zeit zukünftig managen zu lernen, sei allerdings enttäuscht. Zeitmanagement ist nicht lernbar und hat im Buch nur eine leere Seite gekriegt. Es geht darum, sich nicht mehr dauernd selbst in Frage zu stellen, weil die Steuererklärung von 2003 noch nicht gemacht ist. "Dinge geregelt kriegen ohne einen Funken Selbstdisziplin" ist ein Plädoyer für das Nichtstun. Allerdings nur von ungeliebten Dingen. Praktische Tipps wie einen Steuerberater zu engagieren oder Freunden die Belege und Formulare in die Hand zu drücken, die sowas gerne machen, helfen, aufgeschobene Dinge in den Griff zu bekommen.

Hier noch eine einfache Übung der Autoren gegen das schlechte Gewissen beim Prokrastinieren: „Den perfekten Mord planen, dann kurz vor der Ausführung darauf verzichten. Darüber nachdenken, dass Untätigkeit Leben retten kann."

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