Rezension : Terror im Kopf

Kenzaburo Oes Roman übers Schreiben nach 9/11: Um dies zu bewerkstelligen, befinden sich seine Romanfiguren auf der ständigen Suche nach Sinn, etwa indem sie Passagen aus Dostojewskijs „Böse Geister“ (um-)deuten.

Andreas Resch

Der Schriftsteller Kogito ist während einer Demonstration schwer am Kopf verletzt worden. Als er aus dem Koma erwacht, hat er nicht nur einen Teil seiner Erinnerungen verloren, sondern er verspürt zum ersten Mal in seinem Leben nicht mehr den Drang zu schreiben. Was anfangen mit einer Existenz, der die Literatur stets den Weg gewiesen hat und in der sich plötzlich und unerwartet eine solch gewaltige Leerstelle auftut?

Kogito lässt seine Familie in Tokio zurück und begibt sich ins Gerontion-Haus, sein altes Feriendomizil, benannt nach einem Gedicht von T. S. Eliot: „Hier bin ich, ein alter Mann in einem dürren Monat/ warte auf Regen.“ In Gerontion spiegelt sich das Wesen Kogitos, des aus der Welt gefallenen Protagonisten von Kenzaburo Oes neuem, wundervollen Roman „Sayonara, meine Bücher“ wieder. Wie Gerontion wird auch Kogito von einem „sonderbaren jungen Mann“ heimgesucht – jenem unergründlichen Teil seiner Persönlichkeit, der ihn Dinge tun lässt, die der alte Mann, der er doch eigentlich ist, nicht verstehen kann.

So manchem dürfte Kogito, Kenzaburo Oes literarisches Alter Ego, noch aus dem 2005 in deutscher Sprache erschienenen Roman „Tagame. Berlin – Tokyo“ bekannt sein. Und auch Gorô, der an den Regisseur Juzo Itami angelehnte Protagonist von „Tagame“, taucht wieder auf: diesmal als imaginierter Gesprächspartner, mit dem Kogito nachts Zwiegespräche führt – wenn er nicht gerade in alte Bücher vertieft ist oder mit seinem Jugendfreund Shigeru, dem einst nach Amerika emigrierten und nun zurückgekehrten Architekten des Gerontion-Hauses diskutiert. Mit der Zeit verschmelzen diese Gespräche mit den Lebenden und den Toten zu einer vielstimmigen und sprachgewaltigen Reflexion über das Wesen der Literatur. Dabei sind es neben Eliot vor allem Dostojewskij, Céline und Beckett, die das Zentrum von Kogitos literarischem Kosmos bilden.

Gleichzeitig füllt sich das Gerontion-Haus nach und nach mit Menschen, ehemaligen Studenten Shigerus, die allesamt für eine mysteriöse Organisation namens Genf arbeiten. Da sind der Russe Wladimir und die Exilchinesin Shinshin, die Amerikanerin Neio und ihre Freunde Takeshi und Takechan. Gemeinsam entwickeln sie Konzepte für einen Anschlag, der Shigerus „Unbuild“-Idee, einer Art dekonstruktivistischen Architekturzertrümmerungs-Theorie, folgen soll: „Die Theorie und Technik des „unbuild“ eröffnet Gruppen freier Individuen die Mittel einer Gegengewalt gegen die gigantischen Gewaltstrukturen der gegenwärtigen Welt. Die Vulnerabilität der Hochhäuser in den Großstädten ist die Vulnerabilität gigantischer Gewaltstrukturen“, heißt es in einer Erklärung der Gruppe.

So wird „Sayonara, meine Bücher“, ohne dass man dies zunächst merkt, zu einem komplexen Roman über den 11. September. Anders als in Claire Messuds „Des Kaisers Kinder“ oder Jay McInerneys „Das gute Leben“ werden die Ereignisse hier nicht aus Opfer- oder Zeugenperspektive beschrieben. Auch wird nicht wie in Don DeLillos „Falling Man“ der zaghafte, oder in John Updikes „Terrorist“ der überambitionierte Versuch unternommen, sich in die Psyche eines Attentäters hineinzudenken. Oes Unterfangen ist abstrakter: Er möchte aus einem von literarischen Figuren bevölkerten Universum heraus ein Denksystem entwickeln, das ein Attentat wie jenes auf das World Trade Center rechtfertigen könnte.

Um dies zu bewerkstelligen, befinden sich seine Romanfiguren auf der ständigen Suche nach Sinn, etwa indem sie Passagen aus Dostojewskijs „Böse Geister“ (um-)deuten – als könnte eine solche Exegese tatsächlich Anweisungen für ein Handeln in der Gegenwart bereitstellen. Literatur nimmt hier gleichsam die Funktion heiliger Schriften wie der Bibel oder des Koran ein. Wie Schriftgelehrte reflektieren Oes Figuren die unendlichen Interpretationsräume, die solche Texte eröffnen.

Auch wenn das „Unbuild“-Projekt letztendlich scheitert, ermöglicht es dieser Ansatz Kogito schließlich, ein neues Buch zu schreiben, ohne auch nur eine einzige Zeile zu Papier bringen: Er entwickelt eine neue Lesart von Célines „Reise ans Ende der Nacht“ und verfasst dadurch sein letztes großes Werk, seinen Robinson-Roman. Ein schöner Schlussgedanke ist das. Denn neben einem großen Autor bedarf es immer auch eines großen, fantasiebegabten Lesers.

Kenzaburo Oe: „Sayonara, meine Bücher“. Aus dem Japanischen von Nora Bierich. Frankfurt/Main 2008, S. Fischer Verlag, 364 S., 22,90 Euro

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