Rezension : Urknall und Verheißung

Dichten als eine Art göttlicher Schöpfungsakt: Uwe Timms "Von Anfang und Ende" gehört zu den schönsten Poetikvorlesungen, die in Frankfurt gehalten worden sind.

Paul Michael Lützeler

Angeregt durch englische Vorbilder wurde 1959 an der Universität in Frankfurt am Main die Institution der Poetikvorlesung geschaffen. 1959 war das Glanzjahr der Gruppe 47, und Ingeborg Bachmann, der weibliche Superstar des Autorennetzwerks, wurde als erste Dozentin eingeladen. In ihren Vorträgen steckte die Lyrikerin das Terrain ab, auf dem in den nächsten Jahrzehnten die wichtigsten Kontroversen zur Gegenwartsliteratur ausgetragen wurden: der Versuch, nach Auschwitz nicht die Sprache zu verlieren, die Abgrenzung vom Ästhetizismus, die utopische Wirkungsabsicht, das Begehen unvertrauten Geländes und die Traumdimension der Dichtung. Das Namensverzeichnis derer, die seitdem in Frankfurt Poetikvorlesungen gehalten haben, liest sich wie ein „Who is Who“ der deutschsprachigen literarischen Elite. Zum 50. Geburtstag dieser Institution wurde Uwe Timm eingeladen, eine Ehre, die ihm gebührt.

Timm-Lesern sind die subtilen Hinweise auf mythologische und biblische Intertexte in seinem Erzählwerk vertraut, aber so direkt wie in „Von Anfang und Ende“ hat er bisher Geschichten des Alten und Neuen Testaments sowie Sagen des klassischen Altertums nicht kommentiert. Dichterisches Schreiben wird in Parallele zum göttlichen Schöpfungsakt gesehen. Wie vor der Weltentstehung eine Energie existiert haben muss, die sich in einer Art „Urknall“ materialisierte, so ist nach Timm die Voraussetzung literarischen Beginnens ein „Energiegebräu“, ein „heißer Energiebrei des Anfangs“. Ohne ihn fehle der Treibsatz mit seiner Schubkraft, um aus der noch unstrukturierten Werkvorstellung das werden zu lassen, von dem man schließlich – wie nach der Welterschaffung – sagen könne, dass es „gut“ sei. Von der kreativen Energie, die allem Anfang vorausgeht, und die alle Werkstadien bis zum Ende begleitet, ist vor allem die Rede. Die erste und letzte Poetikvorlesung handeln vom Schöpfungsbeginn im Buch Mose und vom Weltende in der Offenbarung des Johannes, von Anfängen und Schlüssen in Werken von Goethe, Stifter, Camus und Grass, wobei über die jeweils dahinter stehende religiöse, private oder gesellschaftliche Energie nachgedacht wird.

Im Mittelpunkt stehen Erklärungsversuche der eigenen Bücher. Welchem „Energiegebräu“ verdankten sie sich? Die Anstöße sehen in jedem Fall anders aus, haben mit alten Kindheitsträumen oder frühen Traumata zu tun, mit der Empörung über koloniale Ideologien oder eine nachwirkende Nazimentalität in der Bundesrepublik, mit Irritationen über den Realitätsverlust der Linken oder der Trauer über verstorbene Freunde.

Mehrfach wird deutlich, dass zu seinem Energie-Treibsatz eine Ethik gehört, die sich mit „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ umschreiben lässt. Trotz der Skepsis gegenüber den Fortschrittsverheißungen der Moderne, die er mit Walter Benjamin teilt, bekennt er sich zur Moralität der europäischen Aufklärung. Das Nachdenken darüber, was die Voraussetzungen für seine Arbeiten waren, wird begleitet von Reflexionen über Schöpfung und Zerstörung, Verheißung und Apokalypse, Mangel und Gegenwirklichkeit, Erinnern und Vergessen, Gedenkkultur und Denkmalsturz.

Von seiner Schreiberfahrung her argumentierend, definiert Timm die Möglichkeiten des Romans: Er „darf und kann alles, er kümmert sich nicht um Vorschriften und ästhetische Verbote, er ist die zeitgemäße und vitale literarische Form, um über uns und das Verhältnis von Sprache und Wirklichkeit nachzudenken, und das auf lustvolle Weise.“ Timms „Von Anfang und Ende“ gehört zu den dichterisch schönsten Poetikvorlesungen, die in Frankfurt gehalten worden sind. Sie zeigen, was Poetologie leisten kann, wenn sie bildhaft konkret und zugleich philosophisch präzise formuliert ist.

Uwe Timm:

Von Anfang und Ende. Über die Lesbarkeit der Welt. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2009. 143 Seiten, 16,95 €.

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