Rezension : Virtuelle Superkids

Mutige Sprache, sterile Figuren: Leif Randts Debütroman „Leuchtspielhaus“.

Jan Oberländer
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Schon bei ihrer ersten Begegnung auf einer Londoner Party weiß Helen über Eric Bescheid: „Deine Haare hast du selbst geschnitten.“ Und: „Du bist absichtlich nicht auf Facebook.“ Und: „Du bist peinlich eitel. Das ist gut.“

Die beiden Anfangzwanziger, die aus Deutschland gekommen sind, um im von Hähnchengrills und Graffiti geprägten East End was Kreatives zu machen, eröffnen zusammen einen Salon. Hier verpassen sie Insider-Kids „relevante Frisuren“ und reden über Drehbuch- und Modedesignprojekte. Und über die Guerillakunst der geheimnisvollen Bea, die die Wände der Nachbarschaft mit coolen Slogans überzieht: „Social!“ „Rich!“ „Hype!“

Es ist eine hippe, urbane Szene, die der 1983 in Frankfurt am Main geborene Leif Randt in seinem Debütroman beschreibt. Die Hauptfiguren jetten mit der „günstigsten Fluglinie Europas“ zwischen verschiedenen Metropolen hin und her. Geld ist kein Thema, die Eltern überweisen regelmäßig. Da bleibt viel Freiraum für die Gestaltung der eigenen Oberfläche: Haarspray, regenbogenfarbene Blousons, bedruckte Jeanswesten, bemalte Schuhe, goldene Socken.

Als zweite Ebene dient Helens comichaft geschriebenes Filmskript namens „Leuchtspielhaus“. Es erzählt von sehnsüchtigen Jugendlichen, die von bunten Energiekränzen umschienen sind. Je nach Erregungszustand sind die „Powerrahmen“ unterschiedlich hell. Meist stoßen sie sich gegenseitig ab, nur manchmal haben sie einander etwas entgegenzusetzen – ein Bild für die stilistischen Abgrenzungsanstrengungen in Erics Szene.

Leif Randt, der in Hildesheim Kreatives Schreiben studiert hat, benutzt eine hoch stilisierte Sprache, eigen, mutig, mitunter bemüht – und seltsam steril. Wie die Figuren. Sie fühlen nichts, meinen nichts ernst, kreisen um sich selbst. Liebe funktioniert nur momentweise, Sex wird erst zergrübelt und dann langweilig. Diese Jugend ist auch ohne Internetpräsenz virtuell. Als Erics Freund McFly Vater wird, zählt vor allem eins: „Ohne guten Namen kein gutes Child.“

Am Ende startet Eric mit seinen Jungs einen neuen Club, in Warschau, es hätte auch anderswo sein können. Es gibt neue Frisuren, neue Kostüme, neue Kunstprojekte – neue „Glückseinheiten“ in einer überspitzten, hermetischen, artifiziellen Welt.

Leif Randt: Leuchtspielhaus. Roman. Berliner Taschenbuch Verlag, Berlin 2009. 240 S., 8,90 €.

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