Rezension : Wär’ ich ein Uferschneck

In ihrem neuen Gedichtband „Falsche Freunde“ spielt die Dichterin Uljana Wolf mit den Fallstricken der Sprache und schreibt über Übersetzungsprobleme und Hollywood-Diven.

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Uljana Wolf. -Foto: dpa

Ihr vor gut zwei Jahren erschienenes Debüt „kochanie ich habe brot gekauft“ begann mit den Zeilen „so bildet die fremde / gespräche aus“. Es brachte der 1979 in Berlin geborenen Dichterin Uljana Wolf die renommierteste deutsche Auszeichnung für Lyrik ein, den Peter-Huchel-Preis. Wolf hatte in Berlin und Krakau studiert. In dem Band ist es diese Spannung zwischen zwei Sprachen, zwei Kulturen, zwei unterschiedlichen historischen Entwicklungen, die tief hineinspielt ins eigene Leben und Schreiben. Bei ihren Reisen nach Polen suchte die Autorin auch den Wohnort ihrer Großeltern in Schlesien auf. Väter, Großväter und Urväter geistern durch die Gedichte.

Das vertraut Fremde, das in der Sprache aufscheint und zugleich anverwandelt wird, ist auch das Thema ihres neuen Gedichtbandes, der Bezüge zwischen dem Englischen und dem Deutschen herstellt. „Falsche Freunde“ führt das Dilemma und die Freude an der Sprachverwirrung schon im Titel. „Falsche Freunde“ ist eine Bezeichnung für Wörter verschiedener Sprachen, die sich orthografisch oder phonetisch ähneln, aber gleichwohl unterschiedliche Bedeutungen haben.

Die erste Abteilung des Bandes, überschrieben mit „DICHTionary“, beschäftigt sich mit solchen produktiven Übersetzungsproblemen, etwa zwischen well und welle, wink (also: blinzeln) und winkel, zwischen Wendeltreppe und wentletrap, was im Englischen auch eine Meeresschneckenart bezeichnet: „wär ich ein uferschneck, or more sophisticated: wentletrap, wühlte mich das meer vor deine füße, doch du suchtest, pulend, stur, dem namen nach in meinem haus die weißen treppen nur, und dunkle winkel. draußen gäb ich, ach vergeblich, mit den fühleraugen winke, algenschminke an der wange, wissend, dies wird niemals gut, das heißt mit wellen enden, bloß ein rauschen bleibt zuletzt in deinem ohr.“

Rolf Dieter Brinkmann und Ralf Rainer Rygulla experimentierten in den sechziger Jahren mit Oberflächenübersetzungen: Übertragungen von Texten rein nach ihrem Klang und ohne Kenntnis der Originalsprache – so wurde etwa aus Appollinaires „La jolie rousse“, also „Die hübsche Rothaarige“, im Deutschen „Der joviale Russe“.

Aus diesem Geiste kommt auch Uljana Wolfs Wörterbuch „für falsche freunde“. Der Klangreichtum aus Alliterationen und Binnenreimen, der genau komponierte Rhythmus machen die Texte zu verführerischen Miniaturen. Gleichzeitig öffnen sich durch das Falschverstehen und Wörtlichnehmen, durch die Verschiebung von Redensarten und die Vermischung von Sprachen neue Assoziationsräume.

In der zweiten Abteilung des Buches wendet sich Wolf anderen Übertragungsfragen zu: „Subsisters“ bietet jeweils zwei Versionen eines Textes, das Original und die Untertitelung. Hollywood-Diven – die untertitelten „Sisters“ – haben darin ihren Auftritt, und in den „Subtitles“ werden die Bilder umgekehrt, die Klischees geschüttelt und auf den Kopf gestellt. Missverstehen schafft Verständnis. Sprache erzeugt, das wird in diesen Texten evident, Wirklichkeiten. Die sprachspielerische Geste hat somit zugleich etwas Politisches: Sie zieht in Zweifel, was wir wahrnehmen, und verzerrt den ersten Eindruck. Auf den zweiten Blick werden plötzlich „Falsche Freunde“ zu richtigen – sie machen das Fremde vertraut und zerstören eindeutige Zuschreibungen.

Den zunächst unscheinbaren politischen Impuls dieser Gedichte erkennt man schließlich prägnant im dritten Teil des Buches. „Aliens“ greift den Titel des Bandes noch einmal auf. Diesmal geht es um konkrete Über-Setzungen. Uljana Wolf lebt mit ihrem Mann, dem Lyriker Christian Hawkey, in Brooklyn, New York. Für die Einwanderer früherer Zeiten war Ellis Island die Pforte zum vermeintlichen Paradies der unbegrenzten Möglichkeiten. Dort, auf Ellis Island, „hatte das Schicksal die Gestalt eines Alphabets“, zitiert Wolf Georges Perec und Robert Bober. „Sanitätsoffiziere untersuchten rasch und zügig die Ankömmlinge und zeichneten denen, die sie für verdächtig hielten, mit Kreide einen Buchstaben auf die Schulter, der für die Krankheit oder das Gebrechen stand, die sie ausgemacht zu haben glaubten.“ Dieses Alphabet der Examinationen dekliniert Uljana Wolf in ihren Gedichten durch, und sie streift dabei die Hoffnungen und Wünsche der Einwanderer ebenso wie ihre Vergangenheit, die sie zurückgelassen haben. Und die sie doch als schweres Reisegepäck weiter mit sich schleppen.

Auch die letzte Abteilung von Uljana Wolfs Gedichtband „Falsche Freunde“, der konstruierter erscheint als ihr Debüt, beschäftigt sich noch einmal mit „Aliens“: Offizielle Texte zur Sicherheitstechnik und biometrischen Kontrolle werden von Uljana Wolf beschnitten, so dass in ihnen etwas zum Vorschein kommt, was sie eigentlich verbergen wollen: ihre inhumane Ausgrenzungspolitik. „Falsche Freunde“ ist ein kunstvolles Spiel mit den Fallstricken der Sprache. Man kann sich darin spielend verheddern – oder innehalten und andere, zweite Wahrheiten entdecken.

Uljana Wolf:

falsche freunde.

Gedichte. kookbooks Verlag. Idstein 2009. 88 Seiten, 19,90 €.

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