Roberto Saviano : Das gefährliche, das rettende Wort

Bei der Münchner Preisverleihung beschwört Roberto Saviano den Mut zur ausgesprochenen Wahrheit.

Peter von Becker

Am Ende bereiten ihm tausend oder mehr Menschen eine stehende Ovation. Roberto Saviano bleibt in der riesigen, bis in den Rang überfüllten Aula der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität nach seiner Dankesrede für den Geschwister-Scholl-Preis 2009 für ein paar Minuten ganz allein auf der Bühne. Aber er wirkt nun gar nicht verloren. Auch sein Lachen, das immer nur ein Sekundenlächeln ist, zeigt an, wie sehr der von der Mafia verfolgte Schriftsteller in seinem jungen „Höllenleben“, wie er es selber nennt und wie es sein Laudator Giovanni di Lorenzo beschrieben hat, wie sehr er da diese noch so kurzzeitige Geborgenheit unter vielen ihm zugeneigten Menschen braucht und ersehnt.

Das geschieht völlig uneitel. Denn der Ruhm, der ihn mit seinem völlig unverhofften Weltbestseller „Gomorrha“ ereilt hat und dessen Folgen ihn seitdem gefangen halten, dieser Ruhm ist in seinem elenden goldenen Käfig die größte Last – und zugleich sein Schutz. Wird er für seinen Mut und seine Wahrhaftigkeit mit einer den normalen Literatur- und Kulturbetrieb weit übertreffenden leidenschaftlichen Anteilnahme gefeiert wie am Montagabend in München, dann verbindet alle im Raum für einen Augenblick wenigstens das Gefühl: Sie werden es nicht wagen! Nicht hier und jetzt.

Den Skandal, dass die Killerdrohung aus Neapel trotzdem jederzeit ernst zu nehmen ist, haben alle Festredner benannt: auch die Empörung darüber, dass ein von Silvio Berlusconi regiertes Italien immer weniger als Garant von Meinungsfreiheit und Lebenssicherheit für Bürger gilt, die sich mit den ausufernd korrupten, kriminellen Strukturen ihres Heimatlandes nicht abfinden wollen. Entschieden im Ton war hier auch der wie gewohnt souverän und frei formulierende Münchner Oberbürgermeister (und Italien-Liebhaber) Christian Ude. Dabei erinnerte Ude zugleich daran, dass die osteuropäischen und ostdeutschen Bürgerrechtler 20 Jahre nach der Wende ebenfalls einmal für den Geschwister-Scholl- Preis infrage kommen sollten.

Es war die 30. Verleihung der Auszeichnung, die Rolf Hochhuth 1980 als Erster und die nach ihm unter anderem Jürgen Habermas, Cordelia Edvardson, Saul Friedländer, Necla Kelek und zuletzt posthum die ermordete russische Journalistin Anna Politkowskaja und der israelische Schriftsteller David Grossman erhalten haben.

Das erste Mal aber geht der Preis, der an die von den Nazis hingerichteten Studenten Hans und Sophie Scholl und den Widerstandskreis der Weißen Rose erinnert, an einen akut mit dem Tod bedrohten Autor. So war nicht nur berührend, dass Roberto Saviano die Nähe zu Anna Politkowskaja wachrief, sondern wie der 30-jährige Neapolitaner, der vorher nie von den Münchner Geschwistern gehört hatte, in seiner Rede von der eigenen Erschütterung und mitfühlenden Begeisterung für das junge Geschwisterpaar erzählte. Es sei diese Ehrung nun einer „der schönsten Augenblicke in meinem Leben“. Saviano beschwor seinen Glauben an das von Mut, Menschlichkeit und Liebe, auch der „Liebe zu einer würdevollen Zukunft“ getragene, weitergetragene Wort. Sei es, einmal aufgeschrieben, nun eine Flaschenpost, ein „Zettel mit einer geheimen Botschaft“ oder auch ein Zeugnis prominenter, von ihm als letzte Waffe ausdrücklich verteidigter „Medienpräsenz“.

„Für mich persönlich ist das Schreiben gleichbedeutend damit, nicht auf meine Worte zu verzichten, mich nicht zu verlieren, mich nicht geschlagen zu geben, nicht zu verzweifeln, wenn alles mich zur Verzweiflung und Einsamkeit bringt.“ Savianos Credo: „Schreiben bedeutet Widerstand“ („scrivere e fare resistenza“).

Natürlich hatte es im Vorfeld der Veranstaltung allerhand Sicherheitshinweise gegeben, man war um Personalausweise und den Verzicht auf dickere Handtaschen gebeten worden. Doch die Münchner Universität befand sich im doppelten Ausnahmezustand, weil das Audimax und alle Uni-Vorhallen wie die zentralen Räume vieler anderer deutscher Hochschulen derzeit von protestierenden Studenten besetzt werden; weil unter Transparenten, die „Freie Bildung“ für „Freie Menschen“ fordern, ein zahmer Hauch „68“ weht, und beispielsweise eine der sokratischen Marmormonumentalfiguren am Aufgang zur Großen Aula mit einer karnevalesken Spitznase als Ausdruck der „Bildungslüge“ geschmückt ist. Mit ebenjener Pinocchio-Lügennase, die früher Berlusconi-Gegner ihrem politischen Feindbild entgegenhielten.

Roberto Saviano hat sich vor einigen Tagen in einem offenen Brief – Giovanni di Lorenzo beschreibt das näher auf dieser Seite – erstmals dem Regierungschef ganz konkret entgegengestellt: also auch dem obersten Dienstherrn jener im Münchner Uni-Trubel (fast) untergetauchten Personenschützer, die sein Leben „inzwischen besser kennen als ich selbst“ (so sagt er es privat).

Für einen Moment der Freude scheinen diese ewigen Schatten vergessen. Es ist heiß, die große Menge, die Scheinwerfer, Saviano, der schmale, schon erkahlte Junge mit dem Dreitagebart und den tiefdunklen Augen, ist mehrmals auf die Bühne gesprungen und wieder herab, er trägt gegen seine sonstige Gewohnheit Jackett und Schlips, wer geriete so nicht ins Schwitzen. Doch gibt man ihm die Hand, auch jetzt, dann ist sie eiskalt. Wie blutleer. Und sein Gesicht ist so blass und grau wie das eines Gefangenen ohne Sonne und Licht. Gleichzeitig wirkt Roberto Saviano hochpräsent, von herzlicher Freundlichkeit im Gespräch.

Auf der Bühne hat er eben noch gesagt: „Es gibt einen Satz von Mutter Teresa, der wahr und schrecklich ist: ,Es werden mehr Tränen über erhörte Gebete vergossen als über nicht erhörte.‘ (...) Trotz all der Dinge, die ich erlebt habe, wurde mein ,Gebet‘ dank meiner Leser und dank der Menschen, die meine Arbeit prämieren, erhört.“

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