Rolando Villazón : Deine Spuren im Sand

Rechtzeitig zu Rolando Villazóns Auftritt bei den Salzburger Festspielen liegt jetzt die erste Biografie des Tenors vor.

Frederik Hanssen
Villazon
Rolando Villazón -Foto: dpa

Natürlich wird es sein Abend. Wenn am Sonnabend bei den Salzburger Festspielen das Premierenpublikum unter den neidischen Blicken des Touristenfußvolks vor der Felsenreitschule flaniert, wird man garantiert Gesprächsfetzen dieser Art aufschnappen können: Kannst du dir den Namen der Sopranistin merken, die für die schwangere Anna Netrebko eingesprungen ist (Antwort: Nino Machaidze)? Der Regisseur soll ja ein Amerikaner sein (Ja: Bartlett Sher). Hast du je vom Dirigenten dieser Produktion gehört (es ist der 33-jährige Kanadier Yannik Nézet-Séguin)?

Ihn aber kennen sie alle: Rolando Villazón, den Tenorstar des Augenblicks, den Mexikaner mit dem Feuerblick und den Mr. Bean-Grimassen. 2005 machte ihn die live aus Salzburg im TV übertragene „Traviata“ weltberühmt, heuer kehrt er für eine seiner Vorzeigepartien zurück: in Charles Gounods Vertonung von „Romeo und Julia“ singt er den Titelhelden.

Im Mai 2001 sang Rolando Villazón diese Rolle zum ersten Mal, an der Opéra de Lyon. Da war er gerade zwei Jahre in Europa. 2005 hat er den Roméo in Los Angeles gesungen und kurz darauf auch bei seinem Debüt an der Wiener Staatsoper. Im vergangenen Herbst sollte er auch an der New Yorker Metropolitan Opera seine Julia umschmachten – was jedoch durch Villazóns Stimmkrise verhindert wurde. Das ist die Art von Detailinformationen, die der geneigte Leser der gerade erschienenen, „ersten, autorisierten Biografie“ des Sängers entnehmen kann.

Was die Fans wirklich interessiert, erfahren sie jedoch nicht: Wie es nämlich zu der sechsmonatigen Zwangsgesangspause im Sommer 2007 kam, wie Rolando Villazón das Versagen seiner Arbeitswerkzeuge verarbeitet hat und wie er aus dem emotionalen Tief herausgekommen ist, so dass er seit Januar seine langfristig vereinbarten Auftritte wieder absolvieren kann. Autor Manuel Brug zitiert wörtlich die altbekannte Presseerklärung und fügt dann hinzu: „Villazon hielt eisern durch und verlor kein weiteres Wort der Erklärung.“

Eine Biografie, die den Namen verdient hat, würde voraussetzen, dass der Sänger bereit ist, über diese entscheidende Phase seiner Karriere Auskunft zu geben. Was bringt ein Villazón-Buch, wenn das, wenn der einzige wunde Punkt der strahlenden Karriere im Dunkeln bleibt? Brug gibt offen zu, derzeit sei es noch nicht möglich zu beurteilen, ob die Krise spurlos an Villazón vorübergegangen sei. Der Henschel Verlag wollte wohl um jeden Preis der Erste sein und jenes Debakel vermeiden, das seine Konkurrenten Heyne und Rowohlt im Frühjahr 2005 ereilte, als sie nahezu zeitgleich ihre Anna-Netrebko-Lebensabschnittsbeschreibungen herausbrachten. Der Leser allerdings fühlt sich verschaukelt.

„Welt“-Kritiker Manuel Brug ist ein ausgewiesener Stimmen-Fachmann, als reisefreudigster deutscher Klassik-Redakteur hat er alle wichtigen Villazón-Auftritte selbst miterlebt. Und doch füllt er die 159 Seiten des Bändchens nur mit Mühe, muss den Text mit zwei „Intermezzi“ auffüllen, in denen er sich ganz allgemein über das Phänomen „Tenor“ auslässt.

Dabei ist der Anfang vielversprechend. Villazóns Herkunft aus einer deutschen Auswandererfamilie und der intellektuelle Background des begeisterten Romanlesers werden knapp, aber konzise beleuchtet, die Ausbildung in Mexiko sowie die ersten Schritte in Europa anschaulich geschildert. Man erfährt, dass er seine heutige Ehefrau bereits als 16-Jähriger kennenlernte, dass seine Jungs Dario und Matteo heißen und die Familie Villazón im Pariser Nobelvorort Neuilly wohnt, der Hochburg von Nicolas Sarkozy. Dann aber folgt lediglich ein Karriere-Schnelldurchlauf mit Namedropping und entbehrlichen Kurzrezensionen der verschiedenen Inszenierungen, in denen Villazón zu erleben war.

Wie er seine Rollen auswählt, wie er sich vorbereitet, wie dann die Proben im Theater ablaufen, erfährt man nicht. Und wodurch er die immer wieder beschworene künstlerische Tiefe seiner Interpretationen erreicht, erhellt das Buch ebenfalls nicht.

Wer keine Karten für „Roméo et Juliette“ in Salzburg hat, dem bleibt also zur Annäherung an den Tenor weiterhin nur seine aktuelle CD : Im Frühjahr 2007 aufgenommen und von der Deutschen Grammophon geschickt bis zur „Wiedergeburt“ des Stars 2008 zurückgehalten, hört man hier ein Organ in Topform, leuchtend, leidenschaftlich, lodernd. Nach dem erfolgreichen Prinzip von Cecilia Bartolis Raritäten-Ausgrabungen nutzt der Mexikaner die Tatsache, dass seine Fans ihm sowieso alles abkaufen, und bricht eine Lanze fürs unbekannte italienische Repertoire. Größte Überraschung: Wie es Giuseppe Pietri, einem Jahrhundertwende-Komponisten, den noch nicht einmal Freaks kennen, in „Io conosco un giardino“ binnen zwei Minuten gelingt, einen Garten voll berauschender Farben und Düfte heraufzubeschwören. Neben der titelgebenden Arie „Cielo e mar“ aus Ponchiellis „La Gioconda“ stammen die mitreißendsten Nummern aber doch aus selten gespielten Werken der ganz Großen: von Verdi („Luisa Miller“, „Simone Boccanegra“) und Donizetti („Poliuto“).

Im Herbst wird Rolando Villazón übrigens wieder an der Berliner Staatsoper singen, den Lenski in Tschaikowskys „Eugen Onegin“ unter der Leitung von Daniel Barenboim. Nach den jüngsten, enttäuschenden Auftritten des Tenors in der Hauptstadt scheinen seine Fans allerdings eine gewisse Scheu vor dem Wiedersehen mit ihrem Idol zu haben: Für fünf der acht Abende gibt es tatsächlich noch Tickets im Internet.

Manuel Brug: Rolando Villazón. Die Kunst, Tenor zu sein. Henschel Verlag, Berlin 2008, 159 Seiten, 19,90 €.

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