Roman : Allein unter Frauen

JAN FAKTOR „Georgs Sorgen um die Vergangenheit oder Im Reich des Heiligen Hodensack-Bimbams von Prag“: In seinem schlüpfrig-barocken Roman schildert der Berliner Schriftsteller, wie er im Prag der sechziger Jahre aufwächst.

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Family Jewels werden im Englischen die männlichen Fruchtbarkeitsbeutel genannt, in plakativer Umschreibung ihrer zentralen Funktion für die Familiendynastien. Dagegen hat das eher lust- als fortpflanzungszentrierte 20. Jahrhundert die erregbareren Teile des Geschlechtsapparates ins Zentrum des Interesses gerückt, weshalb sich schon die Jüngsten um die Beschaffenheit ihres „heiligen Bimbams“ sorgen. Georg zum Beispiel.

Georg ist das garantiert einzigartige „Familienjuwel“, dem seine weibliche Umgebung ähnliche Zuwendung zuteil werden lässt wie dieser seinem Zentralorgan. Als Alter Ego seines Schöpfers trat er schon vor 20 Jahren als lyrische Versuchsfigur im „Dichtergarten des Grauens“ oder im „Besudelungs- und Selbstbesudelungskabinett“ in Erscheinung, um nun, einigermaßen verjüngt, in einer eindrucksvollen juvenilen Selbstmanifestation wiederzukehren. „Georgs Sorgen um die Vergangenheit oder Im Reich des Heiligen Hodensack-Bimbams von Prag“, mit dem der 1951 in Prag geborene Jan Faktor nach der Krankheitsgroteske „Schornstein“ (2006) sein zweites Prosawerk vorlegt, greift, wie Titel und Umfang vermuten lassen, weit in historische und physiologische Gefilde aus.

Georg wächst mit einem weiblich „verschweißten Schutzklumpen“ aus Mutter, Großmüttern und Tanten unterhalb der Prager Burg in der schönsten Gegend der goldenen Stadt auf. Die Damen, die traumatisiert das KZ überlebt und sich nach Prag gerettet haben, bilden hinter der bröckelnden Fassade der Prager Bourgeoisie eine Trutzburg, in der, außer Georg, nur der sogenannte Onkel den männlichen Part besetzt. Dieser Onkel, der qua handwerklicher Kompetenz Aufenthaltsrecht genießt und mit angstbesetzter Herablassung geduldet wird, hat sich hinter einer Schrankfestung verbarrikadiert, während sich das übrige Familienleben hinter geblümten Vorhängen abspielt.

Als einziger männlicher Fixstern im weiblichen Universum ist Georg dem absolutistisch-liebevollen Zugriff erbarmungslos ausgesetzt. Mit Großmutter Lizzy haust er in einem Zimmer, von den Tanten wird er moralisch-hygienisch zugerichtet, die älteren Mädchen beanspruchen ihn als erotisches Versuchsobjekt. Wirklich ausgeliefert fühlt sich Georg jedoch seiner schönen, tuberkulös geschwächten Mutter Anna, der herrschsüchtigen Patronin der Prager Dissidentenzirkel. „Meine Mutter war im Grunde meine erste Geliebte, die ich quälen durfte“, eröffnet der Ich-Erzähler das ödipale Drama. „Größtenteils tat ich es sogar mit Genuss. Als Sohn meinte ich, dazu einigermaßen das Recht zu haben.“

Den Gegenpart zu dieser verschworenen Gemeinschaft bildet der Kosmos des Vaters. Dick, klein und in der staatlichen „Firma“ klandestinen Geschäften nachgehend, erregt er schon früh Georgs Ekel. In der feucht-schwärenden Plattenbauwohnung spiegelt sich der „seelische Smog“, den sein meist alkoholisierter Erzeuger ausdünstet. Die regelmäßigen Wochenenden, die Georg dort ausharren muss, wären ohne die Lüftung in der Frauengalaxie kaum zu überstehen.

Trotz der unübersichtlichen und teilweise bedrückenden Familienverhältnisse ist sich Georg dank der weiblichen Verstärker seiner lichten Zukunft gewiss. Ausgerechnet die um ihn herum zerfallende Stadt bietet ungeahnte Freiräume für das heranwachsende Kind. In der Umgebung der Burg, in den Festungsgräben und Hinterhöfen erprobt der „brave Junge“ seinen Mut, bewundert das Treiben der „Affenbande“ und buhlt nicht um die Gunst des Prinzen Sihamoni, mit dem er die Schulbank drückt, sondern hängt sich lieber an die „bösen Jungs“.

In der politisch und erotisch aufgeladenen Atmosphäre Prags, das in den sechziger Jahren von Politträumern bevölkert ist und erst nach dem Einmarsch der „Bruderstaaten“ in Agonie fällt, ist an eine „Entwicklung ruhiger Intellektualität“ nicht zu denken. Den von den Russen gepflügten Weltraum erobert Georg mit Freund Petr, in die musikalische Subkultur begleiten ihn aus der Ferne die Doors, und die sexuellen Gefilde erkundet er weitgehend sprachlos mit der viel älteren Dana, in hygienischen Angelegenheiten ein Zwilling des Vaters. Das Interesse dieses dauererregten Hoffnungsträgers an körperlichen Vorgängen, seine Lust an klebrigen Flüssigkeiten und ekelerregenden Mischverhältnissen („ihre waschlappen waren voller hautpartikel, hautfett und hautbakterien“ kündigt eine der barock anmutenden Kapitelzeilen den erwartbaren Inhalt an) überschreitet mitunter die durchschnittliche Geschmackstoleranz. „Knapp und sparsam“, wie Faktor behauptet, ist diese Suada jedenfalls nicht angerührt.

Für Ausschwitzungen aller Art entschädigt das locker zusammengesetzte Stimmungs- und Gesellschaftsbild, in dem nicht der erektil getriebene Georg, sondern die Stadt Prag die Hauptrolle spielt. Ob nur das fehlende Futter in den Sporthosen, das erfinderische „Organisieren“ oder der unaufhaltsame Zerfall des Stadtkerns: Alles hängt, anekdotisch kostümiert, an Faktors unendlich dehnfähiger Erzählschnur. Die burlesken Episoden über schmerzresistente Dissidenten, erfolglose Baumeister oder betrügerische Händler bilden die Knoten- und Haltepunkte, die Georgs streunendes Organ nicht findet. „Mein Prag war ein idealer Ort für jemanden, dem das Gefühl für die Greifbarkeit der Realität als der am besten annehmbaren Realität dauernd entgleiten sollte.“

Mit dem Niedergang der Stadt nach 1968 schwinden auch Georgs strahlende und duftende Hoffnungen. Der Austausch der Eliten spült beide Elternteile aus ihren Stellungen, die Tschechen immunisieren sich mit allgemeinem Zynismus. Vor „anna iolanthe“ und dem „künstlichen Tonfall des Neu-Tschechisch“ flieht Georg in die Hohe Tatra, wo er zumindest kletternd den enger werdenden Grenzen entkommt. Doch nicht einmal das martialische Karatetraining dämpft seine Wut.

Es braucht eine Liebe und eine Flucht aus dem ganzen Land, um den „unterschiedlichen Arten der Verzweiflung“ und den „Varianten des Unglücklichseins“ seiner Umgebung mit sarkastischer Lakonie zu begegnen. Wo die überlebenden Frauen sogar vom KZ noch freundlich sprechen, legt sich über alles Erlebte ein wissender Spott. Bei Faktor und seinem Doppelgänger ist es noch manchmal das bitterböse Erbteil des Vaters (wenn beispielsweise ostdeutsche Fresser aufs Korn genommen werden), meist aber übt er sich in selbstironischer Nachsicht, sogar gegenüber der Mutter, die zu hassen sich Georg im Laufe des Berichts eingesteht.

Die gemeinsame Reise ins KZ-Außenlager Christianstadt ist so etwas wie die Apotheose dieser groß angelegten parodistischen und anspielungsreichen Selbstschau. Als ironische Kunstfigur, lässt Faktor wissen, besteht dieser penisbesessene Schwejk allemal; realitätstauglich muss sie nicht sein.

Jan Faktor: Georgs Sorgen um die Vergangenheit oder Im Reich des Heiligen Hodensack-Bimbams von Prag. Roman.

Kiepenheuer & Witsch, Köln 2010.

637 Seiten, 24,95 €.

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