Roman : "Blaze" - Stephen Kings weiche Seite

Mit 25 Jahren schrieb Kultautor Stephen King den Thriller "Blaze", den er unter dem Pseudonym Richard Bachmann publizieren wollte. Dreißig Jahre hat es gedauert - nun ist das Werk in den USA erschienen. Kritiker sind begeistert.

Gisela Ostwald

New YorkStephen King war gerade 25, als er den Krimi "Blaze" unter dem Pseudonym Richard Bachman schrieb. Drei Jahrzehnte später kramte er das unveröffentlichte Manuskript wieder hervor und fand es richtig gut. Im Juni erschien "Blaze" im amerikanischen Buchhandel. Im Heyne Verlag kommt es jetzt unter dem deutschen Titel "Qual" heraus.

Eigentlich falle es ja gar nicht ins Krimi-Genre, merkt King in einem Nachwort zum Roman seines Alter egos an. Vielmehr handele es sich um "die Tragödie eines jungen Menschen aus traurigen Verhältnissen". US-Kritiker begrüßten "Qual" als bisher fehlendes Glied in Kings Gesamtwerk. Hauptfigur ist Clayton Blaisdell junior, kurz Blaze genannt. Er gerät nach einer schlimmen Kindheit auf die schiefe Bahn. Schuld daran ist vor allem Freund George, der ihn erst zu Diebstählen und dann zu immer größeren Taten anstiftet. Als George bei einer Messerstecherei ums Leben kommt, beschließt Blaze, die gemeinsam geplante Kindesentführung allein durchzuziehen.

Die Hexenjagd beginnt

Das Lösegeld der Eltern soll ihn für den Rest des Lebens versorgen. Doch kaum hält Blaze das gekidnappte Baby in seinen Armen, ist alle Rationalität verflogen. Er, der die eigene Mutter im Alter von drei durch einen Unfall verloren hat und der von seinem alkoholabhängigen Vater so lange die Treppe hinuntergestoßen wurde, so dass er einen leichten Gehirnschaden und eine tiefe Delle auf der Stirn davonträgt, entwickelt eine tiefe Liebe zu dem kleinen Joe. Das Lösegeld verliert mehr und mehr an Bedeutung. Er will das Kind für sich. In rührender Fürsorge kauft Blaze für "sein" Baby ein: Flaschen und Nahrung, Kleidung, Körbchen und einen Wickeltisch. Dadurch lenkt er den Verdacht auf sich und wird schließlich als Entführer identifiziert.

Die Hexenjagd beginnt, und da der Autor Richard Bachman alias Stephen King heißt, wird es echt spannend. Außerdem fehlt die übernatürliche Komponente natürlich nicht. In "Qual" kehrt der tote Freund George als innere Stimme zurück, die Blaze auf der Flucht mit Ratschlägen ein über das andere Mal aus der Klemme hilft. Als Blazes Situation zu heiß wird, befiehlt ihm George, den kleinen Joe mit einem Kissen zu ersticken, damit er wenigstens sich selbst noch retten kann. Doch das bringt der Entführer nicht übers Herz. Er widersetzt sich der Anweisung: Die Stimme des Ratgebers verstummt, und die Katastrophe nimmt ihren Lauf.

Die zwei Gesichter des Blaze

King erzählt seinen Roman auf zwei Ebenen. In die aktuelle Entwicklung lässt er Rückblicke in Blazes schlimme Kindheit und Jugend einfließen. Dadurch schlägt das Herz des Lesers spätestens von dem Moment an für den späteren Übeltäter, als dieser durch den brutalen Akt des Vaters lebenslangen Schaden erleidet. "Qual" endet mit einer anrührenden Szene im Krankenhaus: Baby Joe, der sich von der winterlichen Verfolgungsjagd eine Lungenentzündung geholt hatte, liegt in seinem Bettchen und schreit. Da beugt sich ein "falsches Gesicht" - gemeint ist der tote Blaze - mit geschürzten Lippen über ihn und bläst gegen die an Drähten befestigten Vögel. "Die Vögel begannen zu fliegen. Joe hörte auf zu weinen. Sie entlockten ihm ein Lachen."

Stephen King hatte das Pseudonym Bachman zwischen 1966 und 1973 benutzt, und zwar aus zwei Gründen: Seine Verleger wollten nur ein Buch pro Jahr von ihm herausgeben, und er wollte testen, ob ihm als Autor unter einem anderen Namen ebenso viel Erfolg beschieden war. Mit dem stark überarbeiteten Originalmanuskript von "Qual" hat King sein Doppelgängertum nunmehr beendet, wie er im Nachwort schreibt: Es "ist der letzte der Bachman-Romane".

(Richard Bachman/Stephen Kind: Qual Wilhelm Heyne Verlag, München 350 S., Euro 19,95)

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