Roman : Börse ist Krieg

Adam Haslett verarbeitet in seinem Roman „Union Atlantic“ die Finanzkrise.

Marius Meller

Wie ist es möglich, möchte man fragen, innerhalb eines Jahres einen Roman zu veröffentlichen, der die Finanzkrise 2008/2009 behandelt? Als „Buch der Stunde“ bewirbt der Verlag Adam Hasletts Roman „Union Atlantic“, und das kann er nur, weil Haslett, Jahrgang 1970, schon Jahre lang an seinem Debüt über eine Finanzheuschrecke und seine Interpretation des amerikanischen Traums saß. Die Finanzkrise brach vermutlich in seinen Schreibprozess ein und fokussierte das Projekt.

Doch kommt die jüngste Krise in Hasletts Roman gar nicht vor. Die Handlung erstreckt sich von 1988 bis zu einer fiktiven Bankenkrise im Jahr 2002. Hasletts Hauptfigur Doug realisiert den amerikanischen Traum, zumindest die herkömmliche Variante: Aus einfachsten Verhältnissen stammend, die Mutter ist Alkoholikerin, schafft er es bis zum leitenden Investmentmanager in der drittgrößten Bank, der fiktiven „Union Atlantic“ – mit millionenhohen Bonuszahlungen. Doug verstrickt sich in windige Geschäfte, und plötzlich geht es um eine halbe Milliarde Verlust. Er wird verhaftet und taucht unter falschem Namen nach Kuwait ab, wo er bei einer Sicherheitsfirma anheuert.

Allein dieser Hauptstrang des Romans könnte die fast vierhundert Seiten bequem ausfüllen. Aber wie Haslett diese klischeehafte, aber typische Biografie mit zahlreichen, genauso liebevoll wie raffiniert gezeichneten Nebenfiguren anreichert, ist meisterhaft. So entdeckt der jugendliche Kiffer Nate an dem gutaussehenden Broker seine Homosexualität. Oder die pensionierte Geschichtslehrerin Charlotte duldet nicht, dass Douglas ihr seine protzige Designervilla neben ihr altes Holzhaus baut.

Hasletts leidenschaftlicher und literarisch gelungener Roman ist tatsächlich ein „Buch der Stunde“. Denn man hat den Eindruck, den Knoten der Ereignisse der letzten zwei Jahrzehnte vor sich zu haben, und ist höchst erstaunt, wie kunstvoll er hier – allerdings katastrophisch – aufgelöst wird. Die Wirtschaftswelt ist nicht mehr der beschauliche Kosmos von Adam Smith: Der Markt, der sich wie eine Naturlandschaft selbst reguliert, ist zu einem Kriegsschauplatz geworden, in dem buchstäblich die Tötungsschwellen sinken. In seiner Unfähigkeit zu lieben, an der der Held zugrunde geht, manifestiert sich die Unmoral, die sich durch den täglichen Aufstiegskampf gleichsam verknöchert. Jedes Detail in Hasletts Roman entfaltet eindrucksvoll seine psychologische oder symbolische Dimension, und insofern kann man ohne Umschweife Hasletts großem Kollegen Jonathan Franzen zustimmen: „Dieser Roman ist ein seltener Glücksfall.“

Adam Haslett: Union Atlantic.

Roman. Aus dem Englischen von Uda Strätling. Rowohlt Verlag, Reinbek 2010.

400 Seiten, 19, 90 €.

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