Roman : Camus in Salzburg

Ein Makabres Kammerspiel und eine beklemmende Moritat über die Konfrontation mit dem Fremden: Johannes Gelichs Roman "Der afrikanische Freund".

Katrin Hillgruber
Gelich
Talent für komische Momentaufnahmen. Johannes Gelich -Foto: Verlag

Einmal taucht Albert Camus doch auf, als Namenspatron eines todkranken Katers. 1942 erschien Camus’ Welterfolg „L’étranger“, „Der Fremde“. Fünfzehn Jahre später erhielt der gebürtige Algerier den Literatur-Nobelpreis. Am mehr oder weniger unsichtbaren Faden von „Der Fremde“ lässt sich Johannes Gelich in seinem zweiten Roman „Der afrikanische Freund“ führen. Das beginnt schon mit dem ersten Satz: Bei Camus erfährt der unglückliche Held Meursault, der spätere Mörder aus Zufall, vom Tod seiner Mutter in einem Altersheim. Bei Gelichs namenlosem Ich-Erzähler handelt es sich um den Vater, der in einem Salzburger Sanatorium gestorben ist und dessen letzte Dinge es nun zu regeln gilt.

Beide Hinterbliebene, sowohl bei Camus als auch bei Gelich, nehmen es gleichmütig hin, dass ihre Arbeitgeber, bei denen sie sich telefonisch abmelden, ihnen nicht kondolieren. Für den Neo-Existenzialisten beginnt eine Heimfahrt unter unheimlichen Vorzeichen: „Am späten Nachmittag kamen die ersten Ausläufer der Alpen in Sicht. Ich fühlte mich beim Anblick der in den Himmel beißenden Gipfel immer schon bedrückt und unruhig, und es ging mir auch diesmal so, als der Zug in die Stadt einfuhr, obwohl ich das mulmige Gefühl mit keinerlei Erinnerungen in Verbindung brachte.“

Eigentlich will der Ich-Erzähler nur seinen Vater beerdigen und rasch wieder abreisen. Sein Jugendfreund Max überredet ihn jedoch, an einer Mittelalter-Party teilzunehmen, die er jedes Jahr am sogenannten Weekend vor den Festspielen abhält. Zu dem großen Fressen samt Prostituierten sind auch Marcel und Hugo eingeladen. Sie haben als Promi-Fotograf und Starkoch bei den Festspielen zu tun. Hugo aus Reykjavik kredenzt so fragwürdige Delikatessen wie die Pastete „Pastello volativo“, in die lebendige Kanarienvögel eingebacken werden. Überstehen sie die Hitze des Backofens nicht, haben sie eben Pech gehabt. Eher widerwillig gesellt sich der Ich-Erzähler zu dem amüsierwütigen Trio auf Burg Neugebäude. Immer wieder betont er seine Außenseiterrolle und den Wunsch, die Party baldmöglichst wieder zu verlassen, was an Luis Buñuels frühen mexikanischen Film „Der Würgeengel“ erinnert. Darin gelingt es einer vornehmen Festgesellschaft mehrere Tage lang aus unerklärlichen Gründen nicht, vom Ort des Geschehens wieder aufzubrechen.

Der gebürtige Salzburger Johannes Gelich hat ein besonderes Talent für hochkomische bis sarkastische Momentaufnahmen, wie sie bereits sein Romandebüt „Chlor“ von 2006 auszeichneten. Darin flüchtet ein Kommunikationsberater vor den Anforderungen der Leistungsgesellschaft in ein Hallenbad.

Der Schauplatz von „Der afrikanische Freund“ dagegen wird immer klaustrophobischer. Zwar kann die ebenso grotesk dralle wie ordnungswütige Putzfrau als einzige Gesandte der Außenwelt abgewiesen werden. Aber dann läutet es erneut am Burgtor. Joses, illegal aus Uganda eingewandert, wird als vermeintlicher Drogendealer überschwänglich willkommen geheißen. Doch als der Zufallsgast, ein angehender Priester, unbequeme Fragen über ihren Lebenswandel zu stellen beginnt, sehen sich die vier Freunde völlig überraschend mit einem Moralisten konfrontiert. Die Situation entgleist mit tragischem Ausgang. Der aufreizend passive Erzähler begreift sich stur als unbeteiligter Zuschauer, als „Zeuge und Teil eines Unfalls“, wie er sich mantraartig einredet. Doch es gibt kein Entkommen für ihn, ebenso wenig wie für Camus’ Mörder, der als Grund für seine Tat angab, von der Sonne geblendet worden zu sein. Hier wie dort gilt: mitgefangen, mitgehangen: „Wir standen unentschlossen im Saal herum, als uns Marcel wie ein Trainer oder Bandleader auf die Unausweichlichkeit unseres Entschlusses einschwor: Es muss ein Ende haben, für alles andere ist es zu spät.“

Schon in „Chlor“ schlüpfte der 39-jährige Gelich, der demnächst die Stadtschreiberstelle in Sibiu (Hermannstadt) antritt, in die Perspektive seines Helden wie in einen Neoprenanzug. Der Leser nahm an einer mit heiterem Gleichmut erzählten Vita contemplativa teil. Diese Passivität offenbart nun ihre teuflische Kehrseite, im Straftatbestand Totschlag durch Unterlassen. Hoch über der schmucken Mozartstadt entfaltet sich ein makabres, tödliches Kammerspiel. Und was das quälend Spannende daran ist: Der Alptraum hört nicht auf.

„Der afrikanische Freund“ lässt sich als beklemmende Moritat über die Konfrontation mit dem Fremden in unseren angeblich aufgeklärten Breiten lesen. Gleichnishaft zeigt sich die „Unmenschlichkeit des Menschen“, von der Jean-Paul Sartre nach der Lektüre des „Fremden“ sprach. Doch spätestens mit dem überraschenden Ende bei einer „Jedermann“-Aufführung tritt Johannes Gelichs erstaunlicher, lesenswerter Roman aus dem Schatten seines Vorbildes heraus.

Johannes Gelich: Der afrikanische Freund. Roman. Wallstein Verlag, Göttingen 2008. 176 S., 16 €.

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