Roman : Das Grollen der Hörner

Die Frau nebenan: Alexa Hennig von Langes Beziehungsdrama "Risiko".

Jenni Zylka
Lange
Alexa Hennig von Lange: "Risiko" -Foto: Promo

Da gibt es Lilly und Erik, verheiratet, einen Sohn und eine Tochter. Ihnen gegenüber wohnen Helge und Irene, ebenfalls verheiratet, ihre drei Kinder sind teilweise bereits Teenies. Und „hinter den wehenden Grashügeln lag die Vergangenheit, atmend und wartend, um im entscheidenden Augenblick durch den Rahmen in die Gegenwart zurück zu kriechen“.

In der Vergangenheit nämlich waren Lilly und Helge ein Paar, so wie Gerard Depardieu und Fanny Ardant in Truffauts Filmklassiker „Die Frau nebenan“, und in einigen Szenen in Alexa Hennig von Langes neuem Roman „Risiko“ scheinen sie das noch immer zu sein – zu Anfang finden sie sich im dunklen Flur des Nachbarhauses, werden aber von Helges heimkommender Ehefrau unterbrochen.

In „Risiko“ geht es um Leidenschaft, um Angst, um Eifersucht, Rache und Liebe, um die größten und stärksten aller großen und starken Themen also. Die von Hennig von Lange vorgenommene Konstellation der Figuren zueinander ist simpel: Die beiden ehemaligen Jugendverliebten Lilly und Helge können einfach nicht voneinander lassen. Im Gegensatz zu Lillys Mann Erik jedoch, der sein persönliches, als Kriegsreporter erlebtes Trauma durch bis zum Irrsinn übertriebene Vorsichtsmaßnahmen samt eigens ausgehobenem, allzeit bereitem Kellerbunker auszuleben versucht, verzweifelt Helges psychisch instabile Frau Irene an der – vermeintlichen und echten – Konkurrenz durch ihre Nachbarin.

Alexa Hennig von Lange beginnt ihre Geschichte wie ein vorsichtiges Psychogramm jeder Ehe – die nachlassende Leidenschaft, die liebgewonnenen genauso wie die nervig gewordenen Gewohnheiten, die Frage, was passiert wäre, wenn man sich anders entschieden hätte, die Liebe zu den Kindern, auf die man sich immer einigen kann und die immer einigt. Hennig von Lange schreibt sich langsam durch den zunehmenden Druck, der bei der gehörnten Ehefrau Irene entsteht, bis sie das Beziehungsdrama in einen schaurig-kalten Psychokrimi kippen lässt: Wie eine böse Vorahnung erlebt Helges und Irenes pubertierender Nachwuchs just seine selbstgewollten, unangenehmen Drogenerfahrungen, da Irene in einem unbeobachteten Augenblick Lillys Kinder nimmt und mit den schlimmsten Absichten in die Nacht verschwindet, ins Watt.

Alexa Hennig von Lange wechselt die Perspektiven – am meisten erfährt man von Lilly, der Ehebrecherin, am seltensten schlüpft sie in Irenes wirre Gedankenwelt. Sie beschreibt von außen und innen gleichermaßen, bis das Haus, auf dessen Veranda sich die beiden verzweifelten Paare einmal zum Essen eingefunden haben, wie ein in ein diffuses Licht getauchtes Foto vor einem steht.

Die Handlung nimmt ihren Lauf, wie es einer klassischen Familientragödie würdig ist: Irene steigt Lilly zuerst nach, verfolgt sie gar bei ihrer Arbeit als Stewardess, später will sie sich rächen und entführt ihre Kinder, nimmt ihr damit „das Liebste“, so wie Lilly ihr den Mann genommen hat.

Im letzten Teil des Roman suchen Lilly und Erik nach den Kleinen, und Hennig von Lange weiß genau, wie man die Dramatik der vor Angst fast besinnungslosen Eltern noch toppen kann: Sie nimmt die Perspektive der siebenjährigen Tochter ein, die ihren vierjährigen Bruder und sich schützen und retten will.

Man könnte Hennig von Lange Sensationslust vorwerfen, groschenromanartige Dramatik. Wenn man zu diesem Buch Szenenmusik hätte, dann würde diese anschwellen: Hörner würden dumpf grollen, Geigen hektisch spannende Szenen unterstreichen.

Doch davor stehen Hennig von Langes klare Sprache, ihre Genauigkeit beim Betrachten und Beschreiben und die durch Allerweltseinwürfe immer wieder relativierte Künstlichkeit. Es ist eben trotz der kriminellen Energie kein Krimi, trotz einiger Klischees keine Frauen-Wochenblatt-Fortsetzungsgeschichte. Sondern eine gruselige Parabel, die von Familienspannungen, vom Scheitern und vom Explodieren erzählt. Emotionale und familiäre Katastrophen sind nicht selten, doch zum Medea-artigen Finale kommt es glücklicherweise meist nur in griechischen Stücken und Zeitungsmeldungen.

Alexa Hennig von Lange hat sich aus dramaturgischen Gründen der Krimistruktur bedient, um ihren Beobachtungen aus der Psychoecke den Plauderton zu nehmen. In „Risiko“ beschreibt sie mit dem Tun der Wahnsinnigen, der Trinker und Traumatisierten darum auch weit verbreitete, vertraute Gedanken, Reaktionen und Gefühle. Was das Ganze erst recht so beklemmend macht.

Alexa Hennig von Lange: Risiko. Roman. DuMont Literatur und Kunst Verlag, Köln 2007, 252 S., 19,90 €

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