Roman : Der Schatten des Denkens des Vaters

Krimi, Familiendrama, anthropologische Recherche: Tim Parks’ doppelbödiger Roman „Träume von Flüssen und Meeren“ ist alles. Und fragt: Wo verläuft die Grenze zwischen Liebe und Wahnsinn?

Marianna Lieder
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Wanderer zwischen E und U. Tim Parks, ein Engländer in Italien. -Foto: dpa

Man kann nicht nicht kommunizieren. Und ebenso wenig lässt sich die Tragweite dieser Unfähigkeit ermessen: Verständnistragödien kommen in den besten Familien vor. Im Fall der Eheleute Helen und Albert James, von denen der Brite Tim Parks in seinem 14. Roman „Träume von Flüssen und Meeren“ erzählt, ist es nicht einmal böse Absicht, dass ihr Sohn John von klein auf ihre Zweisamkeit als Allerheiligstes wahrnimmt, zu dem ihm der Zutritt versagt bleibt.

Im Dienst von Humanität und Wissenschaft ziehen die beiden durch Afrika und Asien. Während Helen die Arbeit als Ärztin in Seuchengebieten und Elendsvierteln zu ihrer Lebensaufgabe erklärt, erweitert ihr Mann Albert seine ursprünglich biologische Forschung auf das Gebiet der Kommunikations- und Kulturwissenschaften, der Psychologie und Kybernetik. Restlos geht er in seinen exzentrischen Projekten auf und schreibt gelegentlich Briefe in eins der Internate, in denen John seine Schulzeit verbringt.

Zu Beginn des Romans hat es der vernachlässigte Sohn mit Mitte zwanzig fertig gebracht, das Kindheitstrauma in Einklang mit der wissenschaftlichen Familientradition zu bringen. In London arbeitet er ehrgeizig an seiner Doktorarbeit in Biologie, als er völlig unerwartet aus der indischen Hauptstadt Neu-Delhi die Nachricht vom Tod seines Vaters erhält.

Was folgt, ist die Auseinandersetzung mit dem Verstorbenen, bei der Mutter und Sohn einander an Intensität überbieten. In der Unberechenbarkeit Neu-Delhis entwickelt sich das Familiendrama zum existenziellen Rätsel- und Interpretationsspiel. Albert, der jede der über 500 Romanseiten dominiert, wird für seine Restfamilie und ein halbes Dutzend weiterer Figuren zur Projektionsfläche.

Der 1954 geborene Tim Parks lebt seit 1981 in Italien. In seinem Fußballbuch „Eine Saison mit Verona“ hatte er Dantes „Göttliche Komödie“ beschworen, und auch in den „Träumen von Flüssen und Meeren“ bleibt er der Eigenheit angelsächsischen Erzählens treu, die Schubladen von E- und U-Literatur souverän zu ignorieren.

In einer Vorbemerkung erfährt man, dass für Alberts schwer klassifizierbare Ideenwelt das Denken des wissenschaftlichen Grenzgängers Gregory Bateson Pate gestanden hat. Allerdings sollen alle, die sich für die tatsächliche Arbeit des Anthropologen, Linguisten, Lerntheoretikers und zeitweiligen Gefährten seiner berühmten Kollegin Margaret Mead interessieren, „hierzu auf keinen Fall das vorliegende Buch konsultieren“. Die Geschichte sei frei erfunden. Damit erteilt sich Tim Parks selbst die Absolution dafür, dass er seinen Roman wollüstig mit theoretischen Einsprengseln durchsetzt. Ideenfetzen von der kontextuellen Einbindung des Individuums bis hin zur „ästhetischen Aura von kommunikativen Akten“ werden unaufdringlich in Handlung übersetzt, deren Spannungsbogen den Gesetzen des Krimigenres gehorcht: So erhält man bereits zu Beginn unmissverständliche Hinweise, dass Alberts Krebserkrankung als hinreichende Erklärung für seinen plötzlichen Tod ausscheidet.

John verfolgt schließlich auf eigene Faust eine Spur, welche die vermeintlich ideale Verbindung seiner Eltern in ein schiefes Licht rückt. Ferner hat der Journalist Paul, der aus Amerika anreist, um für ein Buch über Albert James zu recherchieren, nicht nur ein biografisches Interesse an den Lebensumständen des Heiligen ohne Religion. Er erinnert in seiner Mischung aus libidinöser Gefräßigkeit, Selbstironie und schwermütiger Versoffenheit auch an den Typus des detektivischen Ermittlers.

Fast tückisch vermischt Parks seine distanzierte Erzählhaltung mit dem Bewusstseinsstrom der Hauptfiguren. Die Hingabe, mit der diese sich an dem Geheimnis um Alberts Leben und Werk abarbeiten, wirkt ansteckend. Aber kaum glaubt man sich ein einigermaßen klar umrissenes Urteil über diesen Eigenbrötler bilden zu können, wird mit einer irritierenden Detailinformation wieder alles zunichtegemacht.

Alberts Widersprüchlichkeit hat ihre Entsprechung im Beziehungsgeflecht derjenigen, die in seinem Bann stehen – und das nicht von ungefähr. Gregory Bateson hatte mit seiner Theorie des double bind ein Kommunikationsphänomen beschrieben, bei dem eine vermeintlich eindeutige Botschaft unvereinbare Signale enthält – und in ihrer paradoxen Struktur im Extremfall sogar Schizophrenie erzeugen kann. Bei Parks nennt Helen das Beispiel einer Frau, die sich des einladenden Dufts von Parfum bedient, zugleich durch ihr Verhalten Ablehnung signalisiert und damit Irritation hervorruft.

Helen selbst ist auch ohne Parfum die Großmeisterin im Erzeugen von Double- Bind-Mustern. Durch ihre raffinierte Unzugänglichkeit provoziert sie bei ihrem Sohn Aggressionen mit Tendenz zum Psychopathologischen. Gegenüber Paul spielt sie die Trümpfe ihrer konservierten Erotik aus, entzieht ihm nach dem Beischlaf die Autorisation für seine geplante Biografie, die sie ihm unmittelbar davor noch erteilt hatte. Bis zum Äußersten geht sie bei der Verteidigung ihrer ins Wanken geratenen Deutungshoheit über das Verhältnis zum Verstorbenen. Freimütig überlässt Parks es dem Leser, wo und ob hier die Grenze zwischen Liebe, Selbstlüge und Wahnsinn gezogen werden kann.

Johns Schicksal am Ende des Romans ist da noch einmal rätselhafter: eine Art Verlegenheitserlösung aus der Zwickmühle von unerträglicher Eindeutigkeit und semantischem Overkill. Man mag sie als Zeichen für die Erschöpfung des Autors lesen. Als Preis für sein konsequentes, kluges und spöttisches Spiel mit Mehrdeutigkeiten hat sie aber auch etwas unmittelbar Einleuchtendes.

Tim Parks:

Träume von Flüssen und Meeren. Roman. Aus dem Englischen von Ulrike Becker. Kunstmann Verlag. München 2009.

512 Seiten, 24,90 €.

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