Roman : Der Schnitzer

William Trevors brillante Erzählsammlung "Tod des Professors".

Jörg Magenau

Als Bildhauer nennt der irische Schriftsteller William Trevor sich Trevor Cox. Das eine ist mit dem anderen verknüpft. Eine Skulptur aus einem Holzblock herauszuschnitzen ist für ihn nicht nur willkommene Abwechslung, sondern eine dem Schreiben eng verwandte Tätigkeit. Auch als Schriftsteller hat er die Gabe, in einem Stoff die grundlegenden Strukturen zu erkennen und mit wenigen, knappen Beobachtungen ein ganzes Leben kenntlich zu machen. Deshalb ist er vor allem als Autor von Kurzgeschichten berühmt geworden, in denen es um die kunstvolle Reduktion auf das Wesentliche geht. Trevor bevorzugt die leisen Töne. Seine Sätze sind präzise, sein Ton ist anteilnehmend und unaufgeregt. Seine Geschichten umkreisen immer wieder schicksalhafte Momente, in denen sich plötzlich überraschende, neue Möglichkeiten eröffnen. Doch seine Figuren lassen diese Gelegenheit zumeist verstreichen und kehren wieder zu ihren alten Gewohnheiten zurück. Und trotzdem ist dann nichts mehr so wie es war.

Exemplarisch für dieses Verfahren ist in Trevors neuem Erzählungsband „Tod des Professors“ die Geschichte eines jungen Iren, der als Hilfsarbeiter nach England geht und dort die Verachtung der Mehrheit und die Schikanen seines Chefs erdulden muss. Zwei irische Landsleute, die für die IRA arbeiten, machen sich seine Einsamkeit zunutze und werben ihn für einen Terrorakt an: Er soll eine Bombe vor einem öffentlichen Gebäude zünden. Tatsächlich lässt er sich überreden und sieht sich schon als Helden in die Geschichte des irischen Befreiungskampfes eingehen: Er, der neue Michael Collins. Doch im letzten Moment schreckt er zurück und wirft die Bombe von einer Brücke in die Themse, um sie unschädlich zu machen. Wie befreit kehrt er nach Irland heim und trauert doch um die verpasste Gelegenheit. Er wurde kein Held, aber, so heißt es im Schlusssatz, „er wunderte sich über den Mut, den seine Angst ihm gestattet hatte, und flehte darum, dass seine Trauer nie enden möge.“

Es sind solche komplexen, uneindeutigen Gefühlszustände, die William Trevor in immer neuen Variationen zu fassen, ja, zu erzeugen versucht. Die Melancholie der vergehenden Zeit ist sein Arbeitsgebiet. 1928 in der irischen Grafschaft Cork geboren, lebt er seit mehr als 40 Jahren im englischen Devon. Als liberaler, irischer Protestant konnte er von hier aus den blutigen Konflikt in seiner Heimat beobachten und beschreiben. Sein Werk, zahlreiche Romane und mittlerweile siebzehn Erzählungsbände, ist eine große Irlandbeschwörung. Mehr als ein halbes Jahrhundert umfasst der Blick des mittlerweile 80-Jährigen. Beeindruckend ist die thematische Breite seiner Geschichten und die Unterschiedlichkeit des Personals. Er kann Kinder genauso glaubwürdig zeichnen wie Alte, Frauen so genau wie Männer. Trevor ist ein Menschenkenner mit der ruhigen Gelassenheit des Alters.

Da ist der Junggeselle, der nach dem Tod des Vaters auf den elterlichen Hof zurückkehrt, um sich dort um das Land, die Tiere, vor allem aber um die Mutter zu kümmern. Vergeblich hält er nach einer Ehefrau Ausschau, die das ländliche Leben mit ihm teilen möchte. Da sind ein alter Mann, seine Tochter und ihr gärtnernder Freund, die durch ein Verbrechen miteinander verbunden sind. Ihr Geheimnis schweißt sie zusammen und macht zugleich eine unbelastete Liebesbeziehung unmöglich. Wieder ist es eine melancholisch grundierte Gefühlsambivalenz, die den Reiz der Geschichte ausmacht. Liebe ist die Gewissheit, zusammenzugehören.

Oft sind es Dreiecksverhältnisse, in denen die Gefühle naturgemäß widersprüchlich sind. In einer anderen Geschichte kommt es in einem Hotelzimmer zu einem kurzen, feurigen Liebesakt, während der Ehemann der Frau als bewusstloser Zeuge betrunken auf dem Bett schnarcht. Der Liebhaber zieht sich bald wieder zurück. „Im kalten, hellen Mondlicht empfand er seine Einsamkeit als tröstlich“, kommentiert der Erzähler, und es ist diese tröstliche Einsamkeit, auf die es ihm viel mehr ankommt, als auf das Geschehen zuvor.

Vergleichsweise heiter, als Gesellschaftssatire, liest sich die Titelgeschichte: Während sie für ihren Gatten das Frühstück zubereitet, entdeckt die Frau des Professors dessen Todesanzeige in der Zeitung. Sie ist konsterniert, weiß nicht, ob es sich bloß um ein Versehen oder um einen üblen Scherz handelt. Doch anstatt ihrem Mann davon zu erzählen, lässt sie den Artikel verschwinden. Vielleicht, weil sie ihn schonen will. Der Professor kommt deshalb ohne jede Vorwarnung zur Kollegiumssitzung, wo er viel Spott zu ertragen hat. Er übersteht die absurde Situation mit Würde. Seine Frau aber macht sich Vorwürfe. Doch seltsamerweise bestärkt das Erlebnis nur ihre gegenseitige Liebe. Zwei, die zueinander halten, „unerschütterlich in den Trümmern des Sturms“ – auch davon kann Trevor ohne jedes Pathos erzählen.

William Trevor: Tod des Professors. Erzählungen. Aus dem Englischen von Hans-Christian Oeser. Hoffmann & Campe, Hamburg 2007, 272 S., 19,95 €

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