Roman : Ehre und Verrat

Louis Auchincloss erzählt in seinem Roman "Eine Frau mit Möglichkeiten" ein Frauenleben.

Christoph Schröder

92 Jahre alt ist Louis Auchincloss mittlerweile. Ein Gentleman, der den New Yorker Geldadel mit so geschultem wie durchdringendem Blick ins Visier seiner Bücher nimmt. Mittlerweile, mit dem dritten in deutscher Übersetzung erschienenen Titel, ist einem das Terrain schon vertraut; die Mechanismen, nach denen die Figuren funktionieren, sind es ebenso – und trotzdem ist auch „Eine Frau mit Möglichkeiten“ eine anregende, unterhaltsame und tiefsinnige Lektüre.

Clarabel Longcope heißt die Heldin, eine Schönheit; Tochter eines Akademikers, der nach Ansicht seiner Frau stets zu wenig aus sich gemacht hat, und einer vom Ehrgeiz zerfressenen Mutter, die Clarabel die Überzeugung mit auf den Weg gibt, dass eine Etablierung in der feinen Gesellschaft auf Dauer befriedigender ist als ein physisch attraktiver und geistreicher Ehemann. So beginnt Claras Aufstieg in den zwanziger Jahren: Heirat mit einem Mann, in dessen Familie Geld kein Thema ist, Geburt einer Tochter.

Doch „Eine Frau mit Möglichkeiten“ ist auch die Geschichte einer Frau, die sich emanzipiert, lange bevor der Begriff überhaupt eingeführt war, und deshalb immer wieder an die Grenzen des Milieus stößt, in dem sie sich andererseits mit Genuss und Eleganz bewegt. Clara etabliert sich als Journalistin. Als ihr Mann in den Krieg geschickt wird, fängt sie eine Affäre an, die auffliegt. Es folgen die Scheidung und eine weitere Ehe; Claras beruflicher Aufstieg setzt sich ungebrochen fort; er geht einher mit Feindschaften, menschlichen Zerwürfnissen, juristischen Auseinandersetzungen.

Es ist dieses Paradoxon, das zum Grundthema des Romans wird: Wer nicht gegen sein eigenes Ehrgefühl verstoßen will, muss bereit sein, sein Ehrenwort zu verraten. Wer unangreifbar bleiben will, ist gezwungen, sein persönliches Umfeld anzugreifen. Am Ende zeigt Clara, mittlerweile an der Spitze eines Medienimperiums, sich als eine Egozentrikerin von unerbittlicher Härte. „War sie ein Ungeheuer?“, ist die Frage, die sie an sich selbst richtet.

Louis Auchincloss beantwortet solche Fragen nicht. Er schaut sich das Treiben um Macht und Status aus gebührender erzählerischer Distanz an – ein Chronist, kein Moralist. Christoph Schröder

Louis Auchincloss: Eine Frau mit Möglichkeiten. Roman. Aus dem amerikanischen Englisch von Sophia Hungerhoff und Angela Praesent. DuMont Verlag, Köln 2009. 256 S., 19,95 €.

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