Roman : Erinnerung schummelt

09.12.2007 00:00 UhrVon Oliver Ruf
Christof Hamann Foto: Promo
Christof Hamann: "Usambara". - Foto: Promo

Abenteuerbuch und komplexes Zitatgewebe: Christof Hamanns Roman "Usambara".

Da ist nur er und diese Pflanze, zu der er gelockt wurde; vom Zufall, vom Schicksal oder vom Duft des Gewächses. Leonhard Hagebucher, ein junger Botaniker, unterwegs auf einer Forschungsreise in Afrika, kniet in diesem Augenblick nach vorne gebeugt, die Ellbogen aufgestützt, und atmet tief ein; in jede Ritze seines Körpers scheint der Duft vorzudringen. Ein mächtiges Kribbeln bahnt sich seinen Weg von den Füßen bis unter die Kopfhaut. Schon betastet er die fleischigen, mit wasserhellen Härchen überzogenen Blätter. Oben dunkelgrün, auf der Unterseite schimmern sie rötlich. Gleich streicht er mit den Fingerspitzen über die fünfblättrigen, meist violetten, manchmal aber auch ins Blaue driftenden Blütenkelche.

Über die gelben Staubfäden. Als sei die Pflanze seine Geliebte.

„Usambara“ (nach der ostafrikanischen Landschaft im Nordosten Tansanias) ist Christof Hamanns dritter Roman. Hatte er in seinem Debüt „Seegfrörne“ (2001) eine gewinnende und ästhetisch eindrucksvolle Technik der erzählerischen Zerfaserung entwickelt und damit die Möglichkeiten ausgedehnter Erinnerung bzw. unklarer Überlieferung thematisiert, erprobte er in „Fester“ (2003) eine unstete Erzählweise, die auf der Ebene der Handlung ihren Niederschlag im In-die-Fremde-Reisen der Hauptfigur fand. Gemessen daran ist „Usambara“ ein Substrat seiner Vorgänger; es ist sowohl (post-)kolonialer Text wie komplexes Zitatgewebe, Abenteuerbuch wie historischer Roman.

Es treten auf: Einerseits vor allem Dr. Hans Meyer und sein Team, zu dem vor allem Hagebucher gehört, auf zwei Expeditionen Ende der 1880er Jahre durch die Ostafrikanische Schweiz und das Kilimandscharo-Massiv. Andererseits der Wuppertaler Briefträger Fritz Binder, Urneffe Hagebuchers, der sich im Februar 2006 an einem „Benefit Run“ auf den Kibo, den höchsten Berg Afrikas, beteiligen wird. Beide Geschichten sind vielfach miteinander verschränkt. Nicht nur, dass Binder seinem Urgroßvater gewissermaßen nacheifert; nicht allein, dass der Berglauf in der Gegenwart und die Kilimandscharo-Erstbesteigung in der Vergangenheit szenisch aufeinander zulaufen, sich figurativ spiegeln und am Ende sogar syntaktisch verbunden sind. Die tradierte Familiengenealogie, man könnte auch sagen: der Mythos vom Urgroßvater, motiviert zudem permanent Denken und Handeln des Protagonisten Binder.

Er begleitet seine Mutter im Sterben in Solingen-Ohligs und findet Briefe Hagebuchers sowie die „Sammlung merkwürdiger Reisebeschreibungen für die Jugend“ aus dem Jahr 1825 von Joachim Heinrich Campe.

Zweifel am Wahrheitsgehalt der Familiengeschichte werden geschürt. Hat Hagebucher wirklich als Erster das „Usambara“-Veilchen entdeckt? Hat er überhaupt an Meyers Expeditionen teilgenommen? Binder recherchiert. Und findet nirgends ein eindeutiges historisches Dokument. Lediglich eine Anzeige aus „Petermanns Mitteilungen“ von 1888, dass Meyer einen Botaniker suchte. Ob er ihn in Hagebucher fand? Oder ob der alte Mann, den Binder nur noch mit Pantoffeln an den Füßen kannte, das alles nur erfunden hat? Dass sich diese Fragen nicht einfach beantworten lassen, ist die Botschaft des Romans; die Skepsis wird in Binders Freundin Camilla konzentriert, die seine Geschichten nicht mehr hören kann.

„Die Erinnerung schummelt.“ – „Das Gedächtnis trügt. Ich muss tricksen.“ – „Auf diese sogenannten Zeugnisse ist kein Verlass.“– „Es ist mir im Grunde völlig egal, was wahr ist und was nicht.“ Mit solchen und ähnlichen Sätzen empfiehlt Christof Hamann seinen Roman als metapoetologisches Buch. Die Wahrheit des Erzählens ist hier sein Thema, wobei der Schreibakt unschwer im Bergsteigen und Botanisieren metaphorisiert wird. Woran Hamann liegt, ist die literarische Inszenierung des Schreibens selbst. In einem Essay hat er es einmal so formuliert: „Schreiben, also sammeln. Aufsammeln. Auflesen. Sich lesend an vergangene, sogenannte Tatsachen hängen. Fremdgehen. In der Fremde stromern."

Leonhard Hagebucher hat er sich aus Wilhelm Raabes Abu Telfan oder Die Heimkehr vom Mondgebirge (1867) geborgt; Entdeckungsberichte des 19. Jahrhunderts wie Meyers „Ostafrikanische Gletscherfahrten“ (1890) und Oscar Baumanns „In Deutsch-Ostafrika während des Aufstandes“ (1890) hat er gründlich gelesen. Dieser Aufstand führt im Buch zur Geiselnahme Hagebuchers, zum Verlust seiner Botanisiertrommel und damit zum Verlust der Veilchen. Realiter hat ein Baron dessen Samen als Erster nach Deutschland gesandt. Im Roman kommt auch diese Geschichte vor, freilich in abgewandelter Version.

Christof Hamann inszeniert und arrangiert seinen Reigen von Abenteuersituationen und flirrenden Gesprächen, von Lebensgeschichte und Identitätssuche in spannenden, unterhaltsamen und auch komischen Wendungen mit Fingerspitzengefühl. Die Szene, in der die gefangenen angeketteten Entdecker von Einheimischen wie in einer Art Menschenschau vorgeführt werden, ist ein vielsagender Moment. Ebenso der Berglauf Fritz Binders, der ihn körperlich auffrisst und auch geistig zerreißt.

„Usambara“ ist das Erzählen einer komplett aufzehrenden Handlung. Das „Kopfkino“ von persönlicher und kultureller Erinnerung läuft dabei ständig und hallt als Echo wider: „Usambara“-Veilchen kommt zum Kilimandscharo, der höchste Berg Afrikas zum kleinen Berg von Njaro, Njaro zu Hagebucher, Ex-Raabe-Figur zu Hans Meyer, Meyer zu Schnappatem in sauerstoffarmen Höhen, Kaiser-Wilhelm-Spitze zu Mondgebirge, Kraterrand zu Urenkel, Berglauf zu Toilettenhäuschen und zu Erbrochenem. „Resteverwertung“, nennt Christof Hamann das lapidar. Vielleicht sollte es doch besser heißen: gute Literatur.

Christof Hamann: Usambara. Roman. Steidl Verlag, Göttingen 2007. 264 Seiten, 18 €

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