Roman : Faust in Kreuzberg

Erfinder und Zärtlichkeitsapostel: Friedrich Christian Delius und sein Roman über Konrad Zuse.

Wilfried F. Schoeller
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Eros der Technik und des Weibes. Konrad Zuse 1992 im hessischen Hünfeld, wo er zuletzt zu Hause war. -Foto: Karin Hill/dpa

Irgendwo im Hessischen, „zwischen Oberstoppel und Unterstoppel“, was klingt, als sei es von Jean Paul, redet ein alter Mann ziemlich viel. Er hält seinem Gegenüber, einem jungen Journalisten, einen Sermon über sein Leben und Werk, den faustischen Drang und die nicht vergehende Liebe zur imaginären Frau. Der 84-Jährige hat die Feier seines 14. Doktorhutes geschwänzt und will, für wenn er tot ist, dem Tonband seine rückhaltlose Lebensbeichte anvertrauen. Die Fragen des Interviewers sind gelöscht, so dass sich ein zusammenhängender Monologroman ergibt: „Die Frau, für die ich den Computer erfand“.

Es handelt sich um die Suada einer historischen Gestalt: Eine ganze Nacht lang spricht Konrad Zuse (1910–1995), Mathematiker und Erfinder, Goetheversteher, Kunstfreund und Fernliebhaber. Er ist der frühe Maschinist des Computerzeitalters. Er hat in den dreißiger Jahren in seiner Kreuzberger Wohnküche als Erster an einer „Universal-Rechenmaschine“ gebastelt, hat sie in mehreren Prototypen entwickelt und sich eine Programmiersprache ausgedacht.

So, wie Friedrich Christian Delius ihn erzählen lässt, ist er manchmal voller aufkochender Wut, meistens aber ein befriedeter Verzichter. Noch einmal taucht er zurück in die Vorzeit des Digitalen, zur Mechanik, beschreibt seine Rechenmaschine „aus dem Geist des Stabilbaukastens“, als ingeniöse Bastelei. Die in den USA hatten Forschungsgeld und geheime Labors, Zuse hat die Bleche mit einer Art Laubsäge in Form gebracht und als Lochstreifen die Zelluloid-Abfälle der Ufa verwendet.

Immer rumpelt, rattert und klemmt etwas an diesen Behelfsausgaben einer groß geratenen Erfindung. Er will nur ein kleiner Faust gewesen sein, und mit Mephisto wollte er nichts zu schaffen haben. Aber er gibt denn doch zu, dass er auch für Peenemünde gearbeitet hätte, wenn der Anruf gekommen wäre. Er weiß sich umgeben von nächsten Verwandten: dem Mitläufer, dem Fachidioten, dem politischen Drückeberger und dem egomanischen Pläneschmied.

Im Zweiten Weltkrieg werden seine Typen, A1 bis A3, zu Schrott bombardiert. Mit der letztentwickelten zieht er, sich wappnend gegen ein Meer von Verdacht und die Tiefflieger, nach Süddeutschland, wo er nach dem Krieg eine mittelständische Existenz aufbauen kann.

In Zürich dann der Nachkriegstriumph: Die A4 läuft und läuft, wird als der erste funktionstüchtige Computer in Europa gefeiert. Aber da hatten ihn die amerikanischen Erfinder Alan Turing und John von Neumann schon längst überholt. Er war, im Nazireich abgeschnitten, nicht in der Lage, seine Innovation patentrechtlich durchzusetzen. So ist er mit seinem Erstgeburtsrecht ins Hintertreffen geraten, erscheint als verspätete Figur. Er selbst bezeichnet sich bei Delius als „Zufrühgekommener“.

Mit der Rollenprosa des Monologs ist Delius vertraut: Weiland in der legendären Dokumentarsatire „Unsere Siemenswelt“ zum Beispiel war ein Festredner in die wirklichen Firmengeheimnisse eingedrungen und hatte sich damit eine Tarnkappe aufgesetzt.

Zuses Suada arbeitet mit dem Muster einer vorgestellten Authentizität: bildet krause Sätze der Gedankenverlorenheit, des emphatischen Pathos, des Stummeldeutsch, ist durchsetzt mit vielen Punkten als den Satzzeichen des Schweigens. Bei dieser erfundenen Mündlichkeit verheddert sich der Redner auch in Redundanzen und schweift ab: Man muss sich bei Zuse auch auf Jägerschnitzel und Himbeeren und andere Banalitäten der Kunstform authentischer Rede einstellen.

Der Monologiker Konrad Zuse auf seinem Zauberberg in der hessischen Provinz hat gerade wegen seiner Redseligkeit aber auch etwas vom Stummfilmhelden: eine komische Untergangsfigur wie Buster Keaton, der seinen Schmerz hinter der Maske eines verwegenen Stoizismus verbergen will.

Der Roman-Zuse ist zeitlebens auf eine große Liebe abonniert: auf Ada Augusta Byron, Countess of Lovelace. Sie war Mitarbeiterin des Mathematikers, Nationalökonomen und Projekteurs Charles Babbage im 19. Jahrhundert, sie erfand eine erste Programmiersprache. (Leider erfährt man im Roman nur Dürftiges über Babbage, diesen Vorausdenker und genialen Pläneschmied, deshalb sei auf die Biografie von Anthony Hyman verwiesen.) Sie ist die Traumfrau des Erfinders, seine Fee, seine Helena und seine Regentin. Die Liebe zur Rechenmaschine und die Neigung für sie sind gleichgeschaltet. Sie ist „die Frau, für die ich den Computer erfand“. Zuse sitzt im Roman unter einem ausgestopften balzenden Auerhahn und redet von seinem Ada-Verlangen, vom ewig Weiblichen, das ihn hinanzieht. Er ist ein Zärtlichkeitsapostel im Traum und zugleich auf seine alten Tage ein Begehrenskomiker.

Ada ist die Ausflucht aus dem Dasein des Logikers und seiner Maschinen, die nicht träumen können. Und zugleich ist sie eine virtuelle Figur, dem Computerhirn entsprungen, eine Homunkula. Mit solchen Irritationen und Doppeldeutigkeiten spielt Delius ziemlich elegant. Es gehört ja schon ziemlich viel planerisches Kalkül dazu, die binäre Logik und das Kauderwelsch der Mathematik lesbar zu machen. Der Roman besticht durch den Umgang mit dem Risiko, eine historische Person, die überdies Memoiren geschrieben hat, durch leichte Verschiebungen in eine Romanfigur zu überführen. Ada ist die Fata Morgana des Erfinders, gleichsam das inzestuöse Wesen – auch Vladimir Nabokovs „Ada“-Roman spielt eine Lesart vor.

Friedrich Christian Delius: Die Frau, für die ich den Computer erfand. Roman.

Rowohlt Berlin,

Reinbek 2009.

288 Seiten, 19,90 €.

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