Roman : Fremd im eigenen Land

Verzweifelt heiter: Knud Romers deutsch-dänischer Familienroman "Wer blinzelt, hat Angst vor dem Tod".

Christoph Schröder
Knud Romer
Knud Romer: Auf verschlungenen Familienpfaden. -Foto: Promo

Wer als Autor historische Zeitläufe in Form einer Familiengeschichte erzählt, gerät schnell in die Gefahr der Verniedlichung, des Anekdotenhaften. Große Ereignisse werden mund- und lesegerecht in witzige Episoden verpackt, verlieren dadurch ihren Schrecken zugunsten der Unterhaltsamkeit. Man denke nur an Thomas Brussigs Mauerfall mit genitaler Unterstützung. Der Verdacht, es könnte sich im Fall von Knud Romers Debütroman um so ein gut funktionierendes und in jeder Hinsicht glatt aufgehendes Werk handeln, schleicht sich zunächst ein, weil Romer einen beinahe heiteren Tonfall anschlägt, der mit dem, was erzählt wird, nicht zusammenpassen mag. Im Zuge der Lektüre aber wird deutlich, dass hinter dieser Heiterkeit eine tiefe Verzweiflung steckt.

Erstaunlich ist, wie vielschichtig das Themenspektrum dieses schmalen Buches ist. Es erzählt eine Familiengeschichte über drei Generationen, es erzählt von zwei Weltkriegen und deren Folgen, und es erzählt von einer Fremdheit im eigenen Land. Denn der Ich-Erzähler Knud, liebevoll "Knüdchen" genannt, ist der Sohn eines dänischen Vaters und einer deutschen Mutter, der in den Sechziger- und Siebzigerjahren in der dänischen Kleinstadt Nyköbing aufwächst. Der Zweite Weltkrieg ist hier noch nicht zu Ende; die Erinnerung an die deutsche Besatzung noch immer frisch. Im günstigsten Fall wird die Familie ignoriert; beim Einkauf dreht man der Mutter verschimmeltes Brot an; auf der Straße wird sie beschimpft.

Knud wiederum leidet in der Schule, wird gedemütigt und körperlich misshandelt. Die Mutter, die aus einem mondänen Nachkriegsleben in Deutschland heraus ihren strebsamen, hochkorrekten Mann geheiratet hat, erträgt all das stoisch und mit zusehends größer werdenden Alkoholmengen. Das ist die Gegenwartsebene des Romans, der irgendwann gar nicht mehr putzig wirkt, sondern sachlich, nüchtern und erschreckend.

Parallel dazu geht Romer den verschlungenen Familienpfaden nach, entdeckt Kurioses und Trauriges oder beides gleichzeitig, so etwa die Biografie des Großvaters, der einen hochfliegenden Plan nach dem anderen entwickelt, mit jedem dieser Pläne ein paar Jahre zu früh kommt und schließlich verarmt und desillusioniert endet. Die doppelte Grausamkeit, die der Mutter zuteil wird, offenbart sich erst spät: Ihr erster Verlobter war als Mitglied der Widerstandsgruppe "Rote Kapelle" hingerichtet worden. Romer hat historische Fakten und Namen in seinen Roman einfließen lassen, etwa den des NS-Staatsanwaltes Manfred Roeder, dessen Prozess 1951 im Sande verlief und der nach dem Krieg ungehindert weiter als Rechtsanwalt praktizieren durfte. Doch das sind Nebengeräusche.

Die wahre Tragödie in Romers Roman ist das Leben einer Frau, die erst von den Deutschen verfolgt und später als Deutsche diffamiert wird. Zum bedrückenden Schluss hin macht Romer einen Sprung in die Gegenwart und begleitet die Mutter in ihren letzten Tagen. Aus der schönen, glanzvollen Frau ist eine bettlägerige, gebrochene Tyrannin geworden, die ihren sie pflegenden Sohn kalkuliert schikaniert, bevor sie stirbt. „Ihr Tod hatte nichts Friedvolles, Mutter starb gequält, drangsaliert und unglücklich." Nein, für heitere Episoden ist in Romers Roman am Ende kein Platz mehr. Man kann dem gelernten Werbefachmann einen Hang zur Überpointierung anlasten, aber man stellt bewundernd fest, dass lange kein Roman das Komische und das Bedrückende so gekonnt miteinander verwirbelt hat.

Knud Romer: Wer blinzelt, hat Angst vor dem Tod. Roman. Aus dem Dänischen von Ulrich Sonnenberg. Insel, Frankfurt/Main 2007, 170 S., 16,80€.

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