Roman : Großer Krieg, kleiner Frieden

"Eine Frau flieht vor einer Nachricht": David Grossmans 40 Jahre umspannender Israel-Roman.

Rolf Spinnler
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Fiktionen, um die Wirklichkeit zu beschwören. Der israelische Schriftsteller David Grossman. Foto: picture-alliance/dpaFLASH90

Drei 16-jährige Jugendliche lernen sich im Juni 1967 auf der Isolierstation eines Jerusalemer Krankenhauses kennen, wo sie wegen einer ansteckenden Infektionskrankheit von der Öffentlichkeit abgeschirmt werden. Eine Ausgangssituation wie in Thomas Manns „Zauberberg“: Während draußen der Sechstagekrieg zwischen Israel und den arabischen Nachbarstaaten tobt, kommt es in der Klinik zu zögernden erotischen Annäherungen zwischen den Teenagern. Dass sie hohes Fieber haben, lässt dabei Hemmungen fallen, die draußen im normalen Leben wirksam wären. Noch ahnen das Mädchen Ora und die beiden Jungen Avram und Ilan nicht, dass dieses Zusammentreffen ihr Leben bestimmen wird.

Mit dieser Ouvertüre eröffnet der israelische Schriftsteller David Grossman seinen über 700 Seiten starken Roman „Eine Frau flieht vor einer Nachricht“. Er legt damit den Grundstein für eine Ménage à trois, die an François Truffauts Film „Jules et Jim“ aus dem Jahr 1962 erinnert. So wie dort Cathérine (Jeanne Moreau) zwischen Jules (Oskar Werner) und Jim (Henri Serre) steht und mit jedem der beiden Freunde eine Liebesbeziehung unterhält, fühlt sich auch Ora von Ilan wie von Avram angezogen und wird nacheinander von jedem der beiden schwanger. Und wie in „Jules et Jim“ die Politik in Gestalt des Ersten Weltkriegs einen Schatten auf die privaten Liebesverwicklungen wirft, so werden auch Ora, Ilan und Avram immer wieder von der Realität des Nahostkonflikts eingeholt.

Der Roman des 1954 geborenen David Grossman will nicht weniger als der moderne Israel-Roman sein, so etwas wie ein israelisches Pendant zu „Krieg und Frieden“. Er verbindet das Private mit dem Politischen, verknüpft die wechselvolle Liebes- und Familiengeschichte von Avram, Ilan, Ora und deren beiden Söhnen mit der Geschichte der letzten 40 Jahre. Und er setzt der israelischen Landschaft ein literarisches Denkmal, indem er exzessiv die Flora und Fauna eines Frühlings in den Bergen von Galiläa beschreibt.

Nach der Ouvertüre setzt der Roman erst mehr als drei Jahrzehnte später wieder ein. Ora, inzwischen Ende 40, hat sich von ihrem Mann Ilan getrennt und plant mit ihrem jüngeren Sohn, dem 21-jährigen Ofer, eine mehrwöchige Bergwanderung durch Galiläa, um den Abschluss von Ofers dreijähriger Militärdienstzeit zu feiern. Doch der junge Mann hat sich anders entschieden. Weil die Spannungen mit den Arabern gerade wieder einmal zugenommen haben, entschließt er sich, seinen Dienst bei der Truppe freiwillig um einen Monat zu verlängern, statt mit Mama zu wandern.

Ora ahnt nichts Gutes, fürchtet, ihr Sohn könne bei einer militärischen Operation umkommen. Um einer möglichen Todesnachricht aus dem Weg zu gehen, ergreift sie die Flucht. Sie verlässt mit den beiden für die Wanderung gepackten Rucksäcken ihre Wohnung in Jerusalem, fährt zu ihrem ehemaligen Geliebten Avram nach Tel Aviv und nötigt ihn, anstelle ihres (und seines) Sohnes die Bergtour mitzumachen. Während dieser Wanderung rekonstruiert Grossman durch Rückblenden Stück für Stück die Lebensgeschichte der drei Hauptfiguren seit jener Urszene 1967.

Ora erzählt Avram von ihrer Ehe mit Ilan und der Kindheit ihrer beiden Söhne Adam und Ofer. Es gibt in dieser Ehe ein Geheimnis, das nur die drei Freunde kennen: Ofer ist in Wahrheit Avrams Sohn, weiß das aber nicht, weil sein Vater nichts mit ihm zu tun haben wollte, sodass Ilan freiwillig die Vaterrolle übernahm. Wir erfahren, wie verschieden die beiden sind: Ilan ist der solide Familienvater, der als Rechtsanwalt Karriere macht, Avram dagegen der brillante Intellektuelle, der während des Jom-Kippur-Kriegs 1973 in ägyptische Kriegsgefangenschaft gerät, grausam gefoltert und dadurch aus der Bahn geworfen wird.

Während Ora und Avram durch Galiläa wandern und die Blütenpracht von Mandelbäumen, Orchideen und Ginster, das Summen von Insekten, das Geraschel von Eidechsen und der „Duft des ersten Schöpfungstages“ ihre Sinne bezaubern, kommen die beiden einander wieder näher. Indem Ora Avram von seinem Sohn erzählt, dessen Leben durch den Krieg bedroht ist, gelingt es Avram allmählich, seine Vaterschaft anzunehmen. Das gemeinsame Reden über Ofer, die Vergegenwärtigung seines bisherigen Lebens, wird zu einem Reden gegen den Tod, auch wenn am Schluss des Romans nicht sicher ist, ob der Sohn überleben wird.

Spätestens hier haben wir es nicht nur mit Fiktion, mit einem Roman zu tun. In einer kurzen Notiz am Ende des Buches klärt Grossman die Leser über die Entstehungsgeschichte von „Eine Frau flieht vor einer Nachricht“ auf. Er habe mit dem Schreiben, erklärt Grossman, im Mai 2003 begonnen, „ein halbes Jahr, bevor mein erstgeborener Sohn, Jonathan, seinen Militärdienst beendete, und ein halbes Jahr, bevor sein jüngerer Bruder Uri einberufen wurde … Ich hatte damals das Gefühl – oder genauer gesagt, die Hoffnung –, dass das Buch, das ich schreibe, ihn schützen wird.“

Am 12. August 2006, in den letzten Stunden des zweiten Libanonkrieges, wurde der 21-jährige Uri im Südlibanon getötet. Sollte er nach diesem Schock weiterschreiben? „Du musst es für Uri tun“, beschwor ihn sein Schriftstellerkollege Amos Oz; und Grossman kehrte nach der Trauerwoche an den Schreibtisch zurück mit dem Wissen, dass sich „der Resonanzraum der Wirklichkeit verändert“ hatte, in dem das Buch entstand.

Der Roman ist aus der Perspektive von Ora geschrieben, einer Mutter, die fürchtet, ihren Sohn zu verlieren. Aber passiert das nicht jeder Mutter? Heißt es nicht schon in der Bibel (1 Mose 2,24), dass ein Mann seinen Vater und seine Mutter verlassen wird? Tatsächlich hat Oras Mutterliebe auch komische Züge, die Züge der sprichwörtlichen jüdischen Mamme, die ihre Söhne umsorgt, bekocht und verwöhnt und vor der Härte des Lebens bewahren will.

In ihren Rückblenden werden zahlreiche „Familienintimitäten“ ausgebreitet, Details aus der Kindheit und Jugend der beiden Sprösslinge liebevoll ausgemalt (hier kommt der erfahrene Kinderbuchautor Grossman zum Zug). Schon verständlich, dass die beiden Söhne, als sie erwachsen werden, sich dieser mütterlichen Überfürsorge zu entziehen suchen und sich in den familieninternen Auseinandersetzungen mit Ilan, dem Vater, verbünden. Ora hat jedenfalls das Gefühl, dass sie selbst „mit den Jahren immer weicher geworden“ ist, während „die drei nur immer härter“ geworden sind.

Aber was unter normalen Umständen ein notwendiger Ablösungsprozess von der Welt der Eltern wäre, erscheint vor dem Hintergrund der aktuellen Lage in Israel in einem anderen Licht. Es wäre ein Leichtes, Oras Versuch, ihre Familie zusammenzuhalten, als Sehnsucht nach einer privaten Idylle zu entlarven und ihre Rede vom „Schmerz, Kinder großzuziehen“ als Kitsch zu schmähen. Doch in einer Gesellschaft, in der militärisches Denken immer stärker den Alltag durchdringt, kann die Verteidigung des privaten Glücks ein Akt des politischen Widerstands sein.

Was Ora gegen die „Verstaatlichung“ ihrer Söhne durch die Armee ins Feld führt, ist die Sehnsucht nach einem „kleinen, unheroischen Leben“. David Grossman, der in der israelischen Friedensbewegung aktiv ist, hat dieser Sehnsucht in seinem Roman eine Stimme gegeben.

David Grossman: Eine Frau flieht vor

einer Nachricht.

Roman. Aus dem

Hebräischen von Anne Birkenhauer. Carl Hanser Verlag, München 2009.

736 Seiten, 24,90 €.

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