Roman : Langeneggers Lebenskunde

Lorenz Langeneggers Roman "Hier im Regen" wird durchzogen von einer Dramaturgie der winzigen Erschütterungen.

Andreas Resch

Ein Ehepaar trennt sich übers Wochenende. Die Frau, Edith, besucht ihre Eltern, der Mann, Jakob, ein Bankangestellter Anfang dreißig, möchte die Zeit zu Hause in Bern mit Nichtstun verbringen. Es kommt anders, und doch: Als Edith Sonntagabend zurückkehrt, ist alles wie vorher. Zwei Menschen, die mehr aus Gewohnheit denn aus Leidenschaft zusammenbleiben und dennoch ihr Glück gefunden zu haben scheinen. Was sich in der Zwischenzeit im Leben von Jakob Walter ereignet hat – nicht dramatisch genug, um sein Leben zu ändern, doch so ereignisreich, um es zumindest infrage zu stellen –, davon erzählt das Romandebüt „Hier im Regen“, das der zuletzt beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb in Klagenfurt teilnehmende junge Schweizer Autor Lorenz Langenegger nun vorlegt.

Walters Wochenend-Odyssee beginnt, als er auf einem Spaziergang an der Kneipe seines alten Freundes Rolf vorbeikommt. Die Kneipe ist geschlossen, Rolf verschwunden. Zaghaft begibt Walter sich auf die Suche nach Rolf – und damit auf die Suche nach seiner Vergangenheit, seinem Leben vor Edith. Die eine Reise, die äußere, führt ihn von Bern über Zürich ins Tessin. Er lässt sich treiben, begegnet einem alten Kollegen, flüchtet zurück in die Hauptstadt und kommt erst in dem Augenblick wieder zur Ruhe, als Rolfs Verschwinden aufgeklärt ist. Die andere, innere, führt ihn zu der Frage, warum sein Leben so ist, wie es ist.

Langeneggers Roman wird durchzogen von einer Dramaturgie der winzigen Erschütterungen. Dadurch, dass alles beim Alten bleibt und dennoch der Riss in Jakobs Leben sichtbar wird, gelingt es Langenegger, ein basales existenzielles Dilemma zu präparieren: nie zu wissen, ob nicht alles doch anders – und möglicherweise viel besser – hätte sein können. Am Ende erkennt Jakob, dass es die Vorhersehbarkeit ist, die er an seinem Leben und seiner Beziehung so schätzt: „Wenn sie ihn jetzt anlächelt und damit anfängt, ihn zu necken, lassen sie das Teegeschirr auf dem Tisch stehen, gehen ins Bett und schlafen miteinander. Wenn sie den Krug und die Tassen aber in die Küche räumt und von einer Hundemüdigkeit spricht, die sie überkommt, nimmt Edith ihr Buch vom Tisch, geht ins Bett und schläft nach wenigen Seiten ein“.

Weniger überzeugend aber ist Langeneggers Ambition, ein Statement über das Leben in der Schweiz abgeben zu wollen. Von der urbanen Verarmung über die in einer globalisierten Welt schwer zu haltende Neutralität bis zu den Zipperlein der Tennisikone Roger Federer arbeitet Lorenz Langenegger viele aktuelle eidgenössische Befindlichkeiten mit ein. Auch dass er einen Großteil der Handlung auf den 1. August, den Schweizer Nationalfeiertag legt, unterstreicht diese Symbolhaftigkeit, die den unprätentiösen Tonfall dieses ansonsten überaus gelungenen Romans leicht unterminiert.

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