Roman : Liebe auf Papier

Henry Parlands Roman „Zerbrochen“ berichtet vom Funktionieren der Erinnerung. Der Autor stieß damit bei seinen Künstlerfreunden auf große Zustimmung.

Nicole Henneberg

„Auf dem Tisch liegt Papier, das sich bibbernd zusammenrollt und eine dicke, raue Gänsehaut hat vor Kälte. Ich falte es auseinander, will die verängstigten Leiber glätten. Sie wehren sich, und wenn ich sie mit Gewalt plattdrücke, geben sie, erschreckt, kleine Raschler von sich.“ Mit diesen Sätzen beginnt in Henry Parlands feinem, kleinem Roman „Zerbrochen“ das Kapitel „Ami wird traurig“. Der Erzähler steht in der Dunkelkammer, um auf Veloxpapier Fotos von seiner toten Geliebten Ami zu entwickeln. Veloxpapier ist ein schwieriges Fotopapier, das sich stark einrollt und schnell vergilbt, sich also dem Erzähler zufolge verhält wie die Erinnerung.

Er hat sich viel vorgenommen, vielleicht sogar, Marcel Proust zu plagiieren, wie er im Motto bekennt. Zwei Jahre bevor Henry Parland seinen einzigen Roman begann, war der letzte Band von Proust „Recherche“ erschienen. „Die wiedergefundene Zeit“ hatte ihn angeregt, über das Funktionieren der Erinnerung selbst zu schreiben – ein außergewöhnliches Vorhaben, das bei seinen Künstlerfreunden auf große Zustimmung stieß.

Die avantgardistische Gruppe, die in den zwanziger Jahren in Helsinki das kulturelle Establishment empörte, hieß Quosego, und der Jurastudent Henry Parland wurde mit zwanzig Jahren ihr jüngstes Mitglied. Endlich hatte er Gleichgesinnte gefunden, die der Literatur die Idylle austreiben wollten, seelische Zustände mit klinischem Blick betrachteten und von Richard Huelsenbecks Manifest „En avant Dada“ begeistert waren. Seine Eltern waren über diese Abwege empört und schickten den Sohn nach Kaunas zu seinem Onkel, einem Philosophieprofessor, der für den Neffen Verständnis hatte und ihn zum Schreiben ermutigte. Die eineinhalb Jahre in Kaunas bis zu seinem frühen Tod 1930 – Henry Parland wurde nur 22 Jahre alt – werden die literarisch fruchtbarsten seines kurzen Lebens. Neben vielen Zeitungsartikeln, Novellen und Gedichten entsteht hier mit „Zerbrochen“ seine einzige größere Prosaarbeit.

Berührend an diesen geschliffenen und zärtlichen Seiten ist nicht nur die tragisch-spröde Liebesgeschichte, sondern auch der Umstand, dass der Autor hier seinen eigenen Tod beschrieben hat: Der Erzähler will die Geliebte ins Kino ausführen, aber sie fühlt sich schwach und fiebrig. So bleibt er zwei Tage ratlos an ihrem Bett sitzen, bis sie ins Krankenhaus gebracht wird und überraschend schnell stirbt. Genauso, erzählt seine Freundin Vera Pavlovna, starb Parland selbst.

„Zerbrochen“ ist eine eigenwillige und charmante Selbstbeobachtung des Erzählens und der Wahrnehmung. Amüsiert betrachtet der Erzähler die Widerständigkeit seiner damaligen Gefühle. Je gebieterischer die Geliebte seine Anteilnahme forderte, desto geschäftsmäßiger wurden seine Gedanken und desto skurriler seine Abschweifungen. Noch jetzt, beim Aufschreiben, bereitet ihm dieser Zwiespalt großes Vergnügen. Doch zwischendurch packen ihn Schuldgefühle: War er sich seiner Macht zu sicher, und nahm deshalb nur sein selbstverfertigtes Bild von der Geliebten wahr? Vom allmählichen Erscheinen ihres Gesichts auf dem Fotopapier erhofft er neue, wahre Liebesempfindungen; aber das Papier wölbt sich wie ein widerspenstiger Körper, bis die Kopie verdorben ist. So muss er als Wahrheit nehmen, was er sieht: War die Liebesgeschichte nicht auch öde und verdorben von Anfang an?

Die raffinierte Leichtigkeit des von Renate Bleibtreu sorgsam übersetzten und kommentierten Buches lässt vergessen, dass es programmatisch durchkomponiert ist: Die unerwarteten Kontraste denken ihre Wirkung bereits mit, und jeden Begriff, jedes Bild wendet der Erzähler in seinem Gehirn um und um wie ein Holzscheit im Ofen.

Henry Parland: Zerbrochen (Über das Entwickeln von Veloxpapier). Roman. Aus dem Schwedischen von Renate Bleibtreu. Friedenauer Presse, Berlin 2007. 159 S., 18,50 €. – Die Übersetzerin spricht über das Buch heute um 20 Uhr im Felleshus der Nordischen Botschaften mit Johan Schloemann und Hubert Spiegel.

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