Roman : Neun Leben

"Mongólia“: Der Südamerikaner Bernardo Carvalho braucht den magischen Realismus nicht, weil die Welt selbst genug Mirakulöses liefert.

Maja Rettig
Bernardo Carvalho
Bernardo Carvalho: "Mongólia". -Foto: Promo

Dieser Roman des Brasilianers Bernardo Carvalho vermittelt schon vor seinem Beginn eine Ahnung von viel Irrungen und Wirrungen, von Vergeblichkeit und Unentrinnbarkeit. Man sieht zunächst eine Karte der Mongolei mit zwei Routen, die sich nicht kreuzen, obwohl laut Legende die eine auf den Spuren der anderen verlaufen soll. Und dann weist noch ein vorangestelltes Kafka-Zitat gezielt auf den labyrinthischen Charakter des Romans hin: „Wie nutzlos müht er sich ab.“

Doch ist auch genau dies der Geist von „Mongólia“, nach „Neun Nächte“ der zweite ins Deutsche übertragene Roman des hoch gehandelten, 1960 geborenen Carvalho – auch wenn die Reiserouten dann weit weniger absurd sind als gedacht. Bernardo Carvalho präsentiert sich mit „Mongólia“ erneut als einer von den jüngeren südamerikanischen Schriftstellern, die den magischen Realismus nicht brauchen, weil die Welt selbst genug Mirakulöses liefert. Die es eher mit Bórges halten als mit García Márquez. Carvalho zeigt die Weite als Labyrinth. In einem Land von Nomaden hängt der Weg eines Suchenden nicht von Orten ab, sondern von Menschen – eine Lektion, die der Westen von der Mongolei zu lernen hat.

Die Geschichte ist verworren. Ein pensionierter Diplomat liest in Rio de Janeiro die Nachricht von der Ermordung eines Kollegen, der ihm einst unterstellt war, als er in Peking seinen Dienst tat. Und ein brasilianischer Fotograf verschwindet auf einmal irgendwo in der Mongolei. Dann gibt es zwei Tagebücher, nämlich das des ermordeten Diplomatenkollegen und das des verschwundenen Fotografen, die auf geheimnisvolle Weise miteinander zusammenhängen.

Carvalhos Roman beruht hauptsächlich auf diesen Tagebüchern, und der pensionierte Diplomat, der Erzähler, der seit Jahrzehnten seinen eigenen Schreibdrang unterdrückt, zitiert daraus, fasst zusammen, kommentiert. Doch hat er trotzdem erhebliche Zweifel an ihrer Zuverlässigkeit: In der kulturellen Fremde ist nichts auszuschließen, ist alles mehrdeutig. Nicht einmal zwischen bedeutsam und unbedeutend, zwischen gefährlich und ungefährlich lässt sich unterscheiden. Der mehrfach und durch verschiedene Schrifttypen vermittelten Erzählstruktur – gut übrigens, dass der Titel auf Portugiesisch belassen wurde – entspricht die Ungesichertheit des Erzählten, zumal die finale Pointe keineswegs alles erklärt. Carvalhos Roman ist trickreich und subtil. Er setzt sich der Gefahr aus, im Hauptteil konfus und in der Pointe zu simpel zu wirken; sprachlich ist er streng und schmucklos. Sein Geflecht von sorgfältig gearbeiteten Motiven liegt unter der Oberfläche: Bis in die Erzählklammer hinein umkreist „Mongólia“ die Ambivalenz von Gewalt, die Unbegreiflichkeit des Fremden, die Suche nach dem Abwesenden, die individuell mit Bedeutung aufgeladen wird.

Das Unbegreifliche auszuhalten, das verlangt dieser Roman von seinen Lesern. Am Ende, so viel ist sicher, wird der vermeintlich nur wiedergebende Erzähler vom verhinderten zum wirklichen Autor.

Bernardo Carvalho: Mongólia. Roman. Aus dem Brasilianischen von Karin von Schweder-Schreiner. Luchterhand-Verlag, München 2007. 221 Seiten, 19,95 €

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