Roman-Rezension : Im Weinberg des Gedenkens

Von der Unmöglichkeit, die Vergangenheit erfolgreich zu bewältigen: Iris Hanikas Roman „Das Eigentliche“.

Marianna Lieder

„Mein Brennstoff ist das Unglück“ heißt es an einer Stelle von Iris Hanikas Roman „Das Eigentliche“, an der sie den Protagonisten direkt zu Wort kommen lässt. Hans Frambach ist mit derselben Selbstverständlichkeit unglücklich, mit der er atmet. Er lebt vom Unglück. Als Archivar ist er für die Dokumentation der Nachlässe von Holocaust-Opfern zuständig. Diese Aufgabe erledigt er an einer fiktiven Staatszentrale für die Aufarbeitung der NS-Zeit, dem Berliner „Institut für Vergangenheitsbewirtschaftung“ – einem Ort, an welchem die „Dunkelheit, aus der dieser Staat vor langer Zeit hervorgekrochen war, in das hellste Licht gestellt und zu seinem Eigentlichen erklärt worden“ war.

Iris Hanika, die 2008 mit „Treffen sich zwei“ auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises stand, thematisiert in ihrem zweiten Roman den Umgang mit dem Nazi-Erbe in der bundesrepublikanischen Gegenwart. Hinter der eben zitierten Nennung des „Eigentlichen“ steht die Kritik an einer offiziellen Erinnerungskultur, die den NS-Verbrechen hilflos gegenübersteht, sich dafür aber in hohle Begrifflichkeiten und verharmlosende Repräsentationsbestrebungen flüchtet.

Bevor Frambach, wie die Autorin 1962 geboren, die Arbeit in den „Weinberg des Gedenkens“ aufnahm, äußerte sich sein Unglück noch in Gestalt eines stets abrufbaren Entsetzens über die deutsche Geschichte. Keine überfüllte U-Bahn, in die er einstieg, ohne dass ihm der Gedanke an die Menschentransporte ins Vernichtungslager zusetzten; er konnte keine „Birke sehen, ohne an Birkenau zu denken“. Der Nachgeborene dressierte moralische Schmerzempfindlichkeit und praktizierte Betroffenheit in einem Ausmaß, das von ihm selbst als „frivol“ empfunden wurde. Bei den alltäglichsten Verrichtungen vergegenwärtigte er sich unentwegt, „was die Häftlinge in Auschwitz nicht hatten tun können oder dass es für sie etwas ganz anderes bedeutet hatte.“

Mit den Jahren der professionalisierten Routine im Archiv war sein Elend zwar nicht weniger geworden, doch die Vorzeichen hatten sich verändert: Mittlerweile kann Frambach öffentliche Verkehrsmittel nehmen, an Auschwitz denken und sich trotzdem nicht unbehaglicher fühlen, als er es ohnehin tut. Und darin, dass ihm der benennbare Schmerz über den Holocaust abhanden gekommen war, bestand nunmehr die für ihn spezifische Ausprägung des Unglücks, sein „Eigentliches“. Auch hier wird mit diesem Begriff ein Zustand der Orientierungs- und Hilflosigkeit angedeutet. Gegen Ende des Romans wird dies explizit gemacht: Das Unerträgliche am Leid der Nazi-Opfer, „ist die vollkommene Sinnlosigkeit dieses Leids.“

Eines Abends besucht Frambach ein Orgelkonzert in einer Kirche und stößt dort auf den Text eines Faltblatts, der, ausgehend von Kains alttestamentarischem Brudermord, einen teleologischen Bogen von den Märtyrern über den Dreißigjährigen Krieg bis Auschwitz und Hiroshima schlägt. Diese Versuche, dem Naziterror ein verdauliches Format nachzuliefern, machen Frambach die Sinnlosigkeit noch qualvoller bewusst und versetzen ihn in Rage: „Indem sie das Verbrechen mit der Bibel erklären, wird ihm sogar noch ein Sinn gegeben. Das große Morden dient denen praktisch als Gottesbeweis.“

Lakonisch und eindringlich zugleich illustriert Hanika, dass trotz sämtlicher diskursiver und ästhetischer Aufarbeitungsversuche der Gedanke an die „Vergangenheitsbewältigung“ letztlich ein Euphemismus bleibt. Von einer „Wiedergutmachungsinstitution“ bis hin zu den publikumswirksamen Holocaust-Verwertungen Hollywoods wird der Pietätanspruch etablierter Erinnerungsformate vorgeführt, wenn er in die Frivolität des „Shoah-Business“ umschlägt. Hanika beherrscht die Mittel der provokativen Zuspitzung eindrucksvoll, doch an manchen Passagen wird sie über das beabsichtigte Maß hinaus plakativ – etwa bei der Schilderung der Kirchenbesucher, der „guten Christenmenschen“, denen Frambach gereizt dabei zusieht, wie sie mit „fettigen Haaren“ und in „Klettverschluss“-Schuhen das kostenfreie Buffet in der Konzertpause plündern.

Darüber hinaus hat der Roman ein grundlegendes Problem: Das „Eigentliche“ wird auch in anderen Kontexten durchgespielt. In all seinen auf knapp 180 Buchseiten verteilten Varianten lässt sich dieser Begriff zwar mit einem halbbewussten Gefühl fundamentaler Ratlosigkeit oder brüchigen, problematischen Sinnkonstrukten in Verbindung bringen, bleibt jedoch ansonsten im Vagen. Zum ontologischen Gemeinplatz verkommt das Eigentliche im Fall von Graziela, der „atombombensicher“ platonischen Freundin Frambachs. Früher hing sie mit ihm dem Exzess der Empathie in der vollen U-Bahn nach, inzwischen dreht sich alles um ihr Liebesleben. Im geschlechtlichen Austausch mit einem verheirateten Mann verortet sie ihr Eigentliches. Selbstverständlich sieht sie sich bald von ihrem Liebhaber enttäuscht. Die vermeintliche Bedeutung dieser Affäre für Grazielas Dasein fällt in sich zusammen, und es bleibt die Unbestimmtheit im Konzept des Eigentlichen, die Hanika zur Programmatik des Romans erhoben hat. Es kommt zusammen, was nicht zusammengehört. Frambachs formalästhetisch fein ausgearbeiteter, symbolischer Schmerz verliert neben der trivial-psychologischen Entwicklungsgeschichte Grazielas seine beklemmende Eindringlichkeit.

Iris Hanika:

Das Eigentliche.

Roman.

Literaturverlag Droschl, Graz/Wien 2010. 176 Seiten, 19 €.

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