Roman : Schnapsidee

Regression und letzte Dinge waren die Hauptthemen in Petri Tamminens "Verstecke". Sie spielen auch in seinem neuen Buch "Mein Onkel und ich" zentrale Rollen.

Andreas Schäfer
Tamminen
Foto: Promo

Eines der großartigsten Bücher der letzten Jahre ist nur hundert Seiten lang und heißt „Verstecke“. Es handelt von Orten der Ruhe, die der Mensch selbst in trubeligsten Situationen noch ausfindig machen kann – wenn er den Blick dafür und ein Gespür für die Stille hat. Petri Tamminen heißt der finnische Autor, der in diesem Buch die heilsame Kraft von klassischen Verstecken wie Dachböden, Kellern, Waldlichtungen oder Flughafentoiletten beschwört.

Tamminen meint es gut mit seinen Figuren, sonst würde er ihnen nicht so viele Verschnaufpausen gönnen und Schutz vor den Anforderungen der Familie, des Berufs, des Lebens allgemein. Aber nicht nur. Denn Tamminens „Verstecke“ sind auch gnadenlose Orte der Wahrheit. Wenn niemand sonst mehr da ist (der schuld sein könnte!), fällt der Blick notgedrungen auf das eigene Ich – und dann in die Unendlichkeit. In Tamminens rührend bösen Skizzen ist jedes Versteck Kleiderschrank und Mönchszelle in einem, führt also einerseits in die Regression und anderseits zum Kontakt mit den letzten Dingen. Regression und letzte Dinge spielen auch in Tamminens neuem Buch „Mein Onkel und ich“ die Hauptrollen. Aber ach, wie ungleich hat Tamminen dieses Mal die Gewichte verteilt. Hielten sich in „Verstecke“ das Profane und das Heilige wunderbar die Waage, so hat er nun noch viele Kästen Schnaps auf die Seite des Irdischen gepackt, so dass die Weisheit auf der anderen Seite der Wippe hilflos in die Höhe schnellt.

„Mein Onkel und ich“ ist ein verhinderter Vaterroman in drei Kapiteln und erzählt vom Straucheln seiner zwei Hauptfiguren. Im ersten Kapitel ist der Erzähler Jussi dreizehn und macht sich mit seinem verehrten Onkel Olli auf eine makabre Reise. Der im Sterben liegende Großvater will seinen Sarg sehen, und so fahren beide zum nächsten Bestattungsunternehmen. Im zweiten Kapitel ist der zu Depressionen neigende Jussi verheiratet und besucht den mehrfach geschiedenen und zum Alkoholiker gewordenen Onkel im Ferienhaus. Eigentlich will man angeln, aber als Jussi ankommt, warten da schon zwei angetrunkene Frauen. Im dritten Kapitel ist auch Jussi geschieden und begleitet den Verstorbenen auf seinem letzten Weg – so schließt sich der Kreis und Jussis Ausbildung zum Westentaschenphilosophen der Einsamkeit kommt zu ihrem Ende.

Tamminens Szenen sind plastisch, die Liebe Jussis zu seinem Onkel ist berührend, die finnische Landschaft weit und die Stimmung von lakonischer Trostlosigkeit. Dass die Männer eher schwach und passiv sind, war vorauszusehen. Neu ist die selbstgerechte Widerstandslosigkeit, mit der sich die Figuren dem Scheitern hingeben, ein unangenehmer Stolz darauf, den Kampf erst gar nicht aufgenommen zu haben. Da hat sich Tamminen zu sehr auf den Charme des Verlierens verlassen.

Petri Tamminen: Mein Onkel und ich. Aus dem Finnischen von Stefan Moster. Suhrkamp Verlag, Frankfurt/Main 2007. 150 Seiten, 19,80 €

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