Roman : Thursday Next, übernehmen Sie!

Der Brite Jasper Fforde schickt seine bewährte Geheimagentin aus, um die Literatur zu retten.

Stefan Dornuf

Die gute Frau hat es nicht leicht. Thursday Nexts Gatte im britischen Kaff Swindon ist ein chronisch erfolgloser Ratgeber-Autor. Ihr pubertierender Sohn kommt selten vor Mittag aus den Federn; und Pickwick, der von allen verhätschelte, aber lädierte Dodo, muss ein neues Laibchen gehäkelt kriegen. Dass hier nicht von einer durchschnittlich gestressten Ehefrau und Mutter die Rede ist, ahnt man, sobald das flugunfähige Haustier zur Sprache kommt. Denn bei uns ist der besagte Vogel seit Urzeiten ausgestorben – auch wenn er dank Noël Coward und anderer Schriftsteller fester Bestandteil der englischen Literatur geblieben ist. Und eben die feiert in Jasper Ffordes Werk eine glorreiche Auferstehung,

Hinter Thursday Nexts biederer Fassade steckt nämlich eine Detektivin der ganz besonderen Art: Als Geheimagentin ist die Mittvierzigerin darauf spezialisiert, die letzten Reste der Buchkultur vor der erdrückenden Übermacht der elektronischen Massenmedien zu schützen. Sie tut dies, indem sie – im wörtlichen Sinne – in die Bücher einsteigt und dort nach dem Rechten sieht, ob noch alles an Ort und Stelle ist.

Es kann durchaus vorkommen, dass eine Kunstfigur sich langweilt – etwa, weil sie nicht intelligent genug rezipiert wird und dann schlicht das Weite sucht oder in ein konkurrierendes Genre abwandert. Dann muss sie aufgespürt und eingefangen, sozusagen in die belletristische Pflicht genommen werden. Oder aber eine narrative Technik hat sich erschöpft; dann verfügt Thursday über die Lizenz zum Löten, um den beispielsweise durch ein Übermaß an Ironie stockenden Erzählfluss erneut in Gang zu bringen.

Mit anderen Worten: Bücher besitzen ein Eigenleben und wollen ernst genommen, gelesen und geliebt werden, sonst verkümmern sie. Wer sich ihnen verweigert, schadet aber vor allem sich selbst: Nicht zuletzt wegen der Konditionierung durch die Fernsehwerbung ist die Aufmerksamkeitsspanne des Durchschnittskonsumenten dramatisch gesunken, und der regelmäßig ermittelte Volksdümmlichkeitskoeffizient hat schwindelerregende Höhen erklommen. Vergeblich bemühte sich die inkompetente Regierung in „Irgendwo ganz anders“, 40 000 Tonnen Unterbelichtetheit in Cornwall endzulagern, deren Halbwertszeit größer ist als die von Atommüll.

Nicht zuletzt die Verlegenheit, in welche literarische Schublade Japser Ffordes Hervorbringungen am ehesten einzuordnen wären – ob als Fantasy, Whodunit oder Gesellschaftssatire –, verhinderte lange, dass der schlaksige Waliser (übrigens ein eingefleischter Familienmensch wie seine Heldin) überhaupt einen Verlag fand: Er kassierte fast achtzig Ablehnungen, bevor er 2001, als 40-Jähriger, mit „Der Fall Jane Eyre“ debütieren konnte. Seitdem hat er sich vor allem durch Mundpropaganda ein Millionenpublikum erobert, das in ihm den legitimen Erben von Monty Python und Douglas Adams erblickt.

Die unverschämt gute Laune, die Ffordes Märchen für Erwachsene hervorruft, resultiert auch daher, dass es sich auf verschiedenen Ebenen genießen lässt: Man amüsiert sich umso besser, je mehr man von den oft verfremdet eingestreuten Klassiker-Zitaten versteht, etwa wenn Thursday aufbricht, um nach dem verloren gegangenen Humor in den Wessex Novels von Thomas Hardy zu fahnden. George Eliot lässt grüßen, wenn Thursdays nimmermüder Stalker und Nebenbei-Biograf auf den merkwürdigen Namen Millon de Floss hört. Auf einem anderen Witz-Plateau angesiedelt ist jener Serienmörder, der sein Unwesen in der für Januar 2011 avisierten nächsten Folge noch steigern wird; nur dass es sich bei ihm nicht, wie gewohnt, um einen Mörder in Serie handelt, sondern um einen Mörder von Serien, allen voran des Sherlock-Holmes-Zyklus.

Tatsächlich gelingt es Fforde, die gesamte Populär- und Hochkultur zwerchfellerschütternd zu verwursten. Die dabei anfallenden Wortspiele müssen jeden Übersetzer in die Verzweiflung treiben (weshalb dtv jetzt jeweils zwei pro Roman abkommandiert hat). Das Vergnügen hat der Leser, der zu Jasper Ffordes überbordender Fantasie übrigens von Fforde Grand Central (www.jasperfforde.com) aus idealen Zugang in dessen labyrinthisches Paralleluniversum erhält.

Jasper Fforde:

Irgendwo ganz

anders. Roman.

Aus dem Englischen von Joachim Stern und Sophie Kreutzfeldt. dtv, München 2009. 415 Seiten, 14,90 €.

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