Roman : Tiefer geht’s nicht

Das Böse unter der Sonne: Thomas Glavinic und sein neurotischer, hochkomischer Schriftsteller-Roman „Das bin doch ich“.

Gerrit Bartels

Der Witz an diesem Roman von Thomas Glavinic ist: Es gibt keinen Witz, das hier ist von Anfang bis Ende der totale Ernst, der totale Schriftstellerernst. Thomas Glavinic, der Autor, ist Thomas Glavinic, der Ich-Erzähler und Held dieses Buches, das den Titel „Das bin doch ich“ trägt und einen aktuellen Ausschnitt aus dem beinharten Leben des österreichischen Schriftstellers Thomas Glavinic erzählt. Ich ist hier kein anderer, aber doch ein so seltsamer Mensch, eine so interessante Figur, dass Glavinic über dieses Schriftsteller-Ich einen kurzweiligen, komischen und durchgeknallten Roman geschrieben hat; einen Roman, der tiefe Einblicke in die komplexe Psyche eines jungen, aber nicht unerfahrenen Schriftstellers verschafft.

Geboren 1972 in Graz, debütierte Glavinic 1998 mit dem Schachroman „Carl Haffners Liebe zum Unentschieden“ und ließ kurze Zeit später „Herr Susi“ folgen, der den Werdegang eines Versicherungsangestellten zum Präsidenten eines drittklassigen Fußballvereins beschreibt. Erstmals machte Glavinic weite Teile der Literaturöffentlichkeit auf sich aufmerksam mit dem medienkritischen Roman „Der Kameramörder“. In diesem erzählt ein Schwerverbrecher, der Kameramörder, wie er zwei Kinder zum Selbstmord gezwungen und dabei gefilmt hat. Vier junge Leute wiederum schauen sich das Video des Kameramörders an und stellen am Ende fest, selbst dabei gefilmt worden zu sein. Es folgten mit „Wie man leben soll“ und „Die Arbeit der Nacht“ zwei weitere Romane, die dann vor allem bezeugten, dass Glavinic um keinen, wenn auch nicht immer einen ganzen Roman tragenden Einfall verlegen ist, er in jedem Fall nie denselben Roman noch einmal schreibt. Und er zum anderen einen Hang zu besonders skurrilen Figuren hat.

„Das bin doch ich“ macht da keine Ausnahme. Es beginnt damit, dass Thomas Glavinic soeben seinen Roman „Die Arbeit der Nacht“ zu Ende geschrieben hat und nun einen Verlag sucht, oder besser: von seiner Agentin suchen lässt. Zeitgleich ist gerade auch Daniel Kehlmanns Erfolgsroman „Die Vermessung der Welt“ veröffentlicht worden, der in der Folge die Erzählchronologie von „Das bin doch ich“ entscheidend mitstrukturiert. Kehlmanns Roman steht auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis 2005 und wurde kurz nach Erscheinen schon 25 000-mal verkauft, was für Verwunderung bei Glavinic sorgt: „Es ist ein bisschen seltsam für mich, zuzusehen, wie Ruhm und Erfolg meines Freundes von Woche zu Woche größer werden.“

Während Kehlmann als mutmaßlicher Freund von Glavinic bekanntermaßen immer erfolgreicher wird und diesen das per Telefonat oder SMS und in Form der Verkaufszahlen wissen lässt, schlunzt sich Glavinic so durch sein Leben. Trifft hier mit einer Abteilung des Wiener Literaturbetriebs auf den amerikanischen Schriftsteller Jonathan Safran Foer oder gar den „größten Starautor der westlichen Welt“, der ebenfalls den Vornamen Jonathan tragen dürfte, geht dort auf Vernissagen, in Kneipen oder Restaurants. Muss hier den Alltag mit Frau Else und Söhnchen Stanislaus und Eltern wie Schwiegereltern bewältigen, trinkt dort enorm viel und schläft enorm wenig.

Thomas Glavinic, so erzählt uns Thomas Glavinic in seinem Roman, ist ein Mann mit zahlreichen Macken. Er ist ein ausgewachsener Hypochonder mit Haarausfall, der vor Hodenkrebs genauso viel Angst hat wie vor der Vogelgrippe oder vorm Fliegen. Er leidet unter ständig anflutender, aber keinesfalls pathologischer Paranoia. Und er leidet natürlich unter manifesten berufsbedingten Neurosen, die sich vor allem in einem unablässig-zwanghaften Kontrollieren von E-Mails und der Handy-Mailbox zeigen: Warum passiert nichts? Warum interessiert sich heute wieder kein Schwein für mich? Als für „Die Arbeit der Nacht“ ein Verlag gefunden ist, gibt das Glavinic beim Sichten der Verlagsvorschau neuen Anlass zur Skepsis: „Bei einigen Autoren wird gleichzeitig das Hörbuch ausgeliefert, bei mir nicht. Wurde also vom Deutschen Hörverlag abgelehnt. Das gefällt mir nicht. Aber egal, wenn Michael Krüger morgen anruft und sagt, bis auf einen Kerl in Greifswald lieben alle Kritiker mein Buch, werde ich verzweifelt sein, denn dieser Jemand in Greifswald ist das Böse unter der Sonne.“

Dieses Böse unter der Sonne ist aber nicht allein der imaginäre Greifswalder Kritiker, sondern auch die Jury des Deutschen Buchpreises 2006, die Glavinics Roman nicht einmal für die Longlist nominiert. Und das Böse sind noch viele andere Literaturbetriebsfiguren aus dem richtigen Leben, von der Lektorin des Rowohlt Verlages, die sein Manuskript rundheraus ablehnt und deshalb „des Teufels“ ist, über den „Falter“-Journalisten Klaus Nüchtern bis hin zu der Agentin Karin Graf, die immerhin vom Saulus zum Paulus wird und mit „Die Arbeit der Nacht“ angeblich erstmals einen Roman von Glavinic wirklich mag.

Viele Figuren aus dem Literaturbetrieb haben hier gänzlich uncamoufliert ihren Auftritt, und das Schlüssellochhafte dieses Romans ist sicher einer der Gründe dafür, dass es Glavinic nun ausgerechnet mit „Das bin doch ich“ auf die diesjährige Deutsche-Buchpreis-Longlist geschafft hat. Die Ausfälle Glavinics, seine Erlebnisse im Betrieb, seine Spottlust, seine Überzeichnung realer Figuren haben für die Mitbeteiligten natürlich hohen Unterhaltungsfaktor. Trotzdem ist da noch mehr. Die Kunst dieses Romans besteht darin, vielleicht weil sein Autor befreit davon war, jetzt was ganz Großes, Bedeutendes hinlegen zu müssen, dass all das so flüssig, leicht und komisch bis zum bitteren Ende heruntererzählt ist. Und dazu komplett selbstironisch. Denn der Teufel steckt vor allem in Glavinic selbst. Die Szenen, in denen er etwa mit seinem Schwiegervater im Skilift sitzt und plötzlich stehen bleibt („Typisch. Wo ich bin, geht es am tiefsten hinunter“), er beim Zahnarzt behandelt wird und diesen bei einem Seitensprung ertappt, oder er mit seinem Sohn mit einer Wasserpistole auf Menschen schießt, sind die komischeren und letztlich tragenden dieses Buches.

Am gnadenlosesten geht Glavinic eben mit sich selbst um, immer auf der Suche nach diesem eigentümlich anderen, der doch er selbst ist. Und wie nebenbei stellt er sich mit diesem Selbstenthüllungsroman in eine Reihe, die von Bret Easton Ellis („Lunar Park“) über Wolfgang Herrndorf („ZIA“) bis zu Joachim Lottmann (alles) reicht und in der die Realität die barste aller literarischen Münzen ist. Ohne jedoch, zumindest in den besseren Fällen, weniger literarisch zu sein.

Früher waren es die Autobiografien von zumeist auf ein langes und oft erfolgreiches Schreibleben zurückblickenden Schriftstellern, denen man so wenig wie möglich und nötig trauen sollte. Heute sind es Romane und Erzählungen von zumeist jüngeren und gar nicht mal so erfolgreichen Schriftstellern, die so nah dran an der Realität sind, dass man ihnen eben so wenig wie möglich und nötig trauen sollte. Ästhetischen Mehrwert werfen im Fall des Gelingens beide Formen ab. Das gilt auch für „Das bin doch ich“ . Dass Thomas Glavinic sich für sein nächstes Buch mehr ausdenken muss und von der allerskurrilsten Figur in seinem Romanwerk wieder ablassen sollte, steht auf einem anderen Blatt. Einmal ist Wiener Recht – danach ist der sich selbst bespiegelnde Irrwitz nur noch Masche.

Der beste Witz wäre jetzt natürlich, und nicht nur mit der Nominierung für den Buchpreis deutet einiges darauf hin, wenn „Das bin doch ich“ der größte Erfolg in Thomas Glavinics Schriftstellerkarriere wird. Gut möglich, dass Glavinic darüber überhaupt nicht lachen kann.

Thomas Glavinic: Das bin doch ich. Hanser Verlag, München 2007, 238 S., 19,90€

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