Roman-Trilogie : Es führt kein Weg zurück

Jörg W. Gronius hat drei Berlin-Jahrzehnte in drei Romanen porträtiert. Spaziergang mit einem Ausgewanderten.

Kolja Reichert

Einen Menschen, der nach langer Zeit an einen Ort kommt, an dem er mal zu Hause war, erkennt man an diesem Blick: Scheu tastet er die Hausfassaden ab, vergleicht das Gegenwärtige mit der Erinnerung, sucht nach etwas Vertrautem – auch wenn er nicht erwartet, es noch zu finden. Die Kreuzberger Körtestraße, in der Jörg W. Gronius als Student wohnte, ist eine andere geworden in den letzten dreißig Jahren. Im Vorderhaus, wo „die dicke Wulffen“ ihr Lebensmittelgeschäft hatte, ist jetzt ein Buchladen, daneben reihen sich Cafés und Weingeschäfte aneinander. Gronius, graue Haare, getönte Hornbrille, dunkler Parka, ist ein Fremder hier und weiß das. „Mein Berlin“, sagt er, „gibt es nicht mehr.“

Vor kurzem erschien „Plötzlich ging alles ganz schnell“, der dritte Band seines autobiografischen Romans über eine Kindheit und Jugend im Berlin der 50er, 60er und 70er. Nächste Woche erhält Jörg W. Gronius dafür den Ben-Witter-Preis. Liest man in seinen Büchern, wird deutlich, dass es das für ihn nie wirklich gab – „sein“ Berlin. Es war immer das Berlin der anderen, der tyrannischen Großmutter, der Schulkameraden, der 68er. „Ich beobachtete immer aus einer Distanz“, sagt er. Auch sich selbst. „Neben mir stand immer ein anderer“, schreibt er einmal. „Das war ich.“

Dieser Distanz verdankt Gronius wohl seine reiche Erinnerung. Vor allem aber verdankt er ihr seinen Humor. Im ersten Buch „Ein Stück Malheur“ wird die beklemmende Nachkriegsenge eindrücklich spürbar durch eine akribische Abbildung der Umgebung aus der Sicht des Kindes. Gronius’ Erzähler kennt keine andere Welt als die beschriebene, er kann nicht anders, als sie in all ihrer Verrücktheit und Grausamkeit hinzunehmen. Das schafft eine tragische Komik. Man ist schockiert, wenn „der Bengel“ wieder „ein paar hinter die Ohren kriegt“ – und kann trotzdem lachen.

Aus kurzen Abschnitten und knappen Sätzen komponiert Gronius einen packenden Rhythmus. Der gereifte Autor kommentiert nur selten das Geschehen, innere Vorgänge werden weitgehend ausgespart. Gronius ist Dramaturg, das prägt auch seine Prosa: „Die Emotionen müssen beim Zuschauer entstehen“, erklärt er, „nicht auf der Bühne.“ Lange hatte er nach einer Form für seine Kindheitserinnerungen gesucht. Erst als er den Stoff fürs Theater bearbeitete, wusste er, wie er schreiben müsste.

„Der erste Band war ein kleiner Erfolg“, erzählt Gronius. „Bei Lesungen wurde ich immer gefragt, wie es denn weiterginge.“ So schrieb er einen weiteren Band über die Jugend- und einen dritten über die Studentenzeit. Auch wenn der kindliche Blick beim Anfang 20-Jährigen nicht mehr ganz glaubwürdig wirkt, ist Gronius mit „Plötzlich geschah alles ganz schnell“ ein lebendiges Abbild der Studentenkultur der 70er Jahre gelungen. Es wird geraucht, diskutiert, Kunst gemacht und vor allem ganz viel Liebe. Und immer steht der Erzähler etwas abseits vom Geschehen. Der politische Aktionismus der Linken mit ihren marxistischen Seminaren ist ihm fremd. Er stürzt sich ins Studium von Philosophie und Literatur, hört Foucault, lernt beim Germanisten Jacob Taubes „Lesen à la lettre“ – und entdeckt das Theater. Selten bringt Gronius dem eigenen Leben so viel Emphase entgegen wie Klaus Michael Grübers „Bakchen“-Inszenierung von 1974. Sieben Seiten nimmt deren Beschreibung ein. Ein Initiationserlebnis. Als draußen zur Beerdigung von Ulrike Meinhof die Demonstranten vorüberziehen, sitzt der Erzähler mit einem Freund am Tisch und versucht, den Faust des 20. Jahrhunderts zu schreiben – wobei das Ergebnis mit der Euphorie nicht ganz Schritt hält.

Kündigte sich die Theaterleidenschaft früh an? Wenn den kleinen Jungen aus „Ein Stück Malheur“ der Zorn von Mutter und Großmutter trifft, muss er in die „Strafkammer“ – ein Ort, in den er bald freiwillig flieht, um härteren Strafen zu entgehen. Im Dunkel des Abstellraums empfindet er gar Geborgenheit. „In meiner Phantasie entwarf ich das Innere der Kammer, belebte die Dinge, die mich umgaben, freundete mich mit ihnen an und verwickelte sie in stumme Gespräche.“

Vom kreativen Schutzraum der Kammer zum kreativen Schutzraum der Bühne? Gronius nimmt einen Schluck Espresso und blickt aus dem Caféfenster, bevor er antwortet. „Ja, die dunkle Kammer war eine Art Blackbox. Da drinnen entstand der Wunsch, etwas anderes zu sein.“ Den geschlossenen Raum lässt sich Gronius nicht nehmen. Gegen das postdramatische Einreißen der vierten Wand wehrt er sich entschieden. Begeistert erzählt er dagegen vom antiken Amphitheater und der Heiligkeit der Arena, die nur die Darsteller betraten. „Die Bühne ist ein magischer Kasten“, sagt er. „Aber nur, solange sie sensibel behandelt wird.“ Das Schaubühnen-Theater von Grüber und Peter Stein, das sei seins gewesen. Dann sagt er wieder so einen Satz: „Dieses Theater gibt’s nicht mehr.“

Es gab ein Schlüsselerlebnis, das Gronius endgültig mit Berlin brechen ließ: die Schließung des Schiller-Theaters 1993, „das größte kulturpolitische Verbrechen seit ’89“, wie er es nennt. Gronius hatte dort als Dramaturg gearbeitet. Er zog bald nach Hannover, inzwischen wohnt er mit seiner Lebensgefährtin in Saarbrücken. Lange waren Theater- und Literatursendungen fürs Radio seine Existenzgrundlage. In einer Werbeagentur entwarf er Wahlkampagnen. Inzwischen kann er von der dramaturgischen Arbeit leben. Gerade bereitet er eine Revue für die 1200-Jahr-Feier der Stadt Halle vor. Reine Auftragsarbeit, aber Gronius beschwert sich nicht. Kommendes Jahr entwirft er eine Oper für Rheinsberg.

Zur ruppigen Welt der einfachen Angestellten, die er in seinen Büchern beschreibt, ist dieser vornehme Verfasser von Opernlibretti der radikale Gegenentwurf. Er hat sich seinen Kindheitswunsch erfüllt: Er ist etwas anderes. Zu seinen Eltern hat er kaum Kontakt. Haben sie seine Bücher gelesen? „Mein Vater hat sich durchgekämpft, meine Mutter hat die Lektüre bald abgebrochen. Die verstehen nicht, was das ist: Bücher schreiben.“

Wenn Gronius heute nach Berlin reist, dann meist geschäftlich. Manchmal trifft er seine Tochter, mit deren Geburt „Plötzlich geschah alles ganz schnell“ endet. Dass der Wrangelkiez, in dem er Kind war, inzwischen ein beliebtes Ausgehviertel ist, nimmt er mit höflichem Lächeln zur Kenntnis. Eigentlich geht es ihn nichts an. „Berlin ist Herkunft“, sagt Gronius, „nicht Heimat.“ Seinem Schreiben ist das nur zuträglich. Erst als er mit der Stadt abgeschlossen hatte, konnte er Romane über sie schreiben. Gronius’ nächstes Buch spielt in seiner Lieblingsstadt: Wien. Gut, dass er nicht dort lebt.

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