Roman : Verschwunden

Etwas stimmt nicht, das ist sicher. Dinge verschwinden und tauchen wieder auf, Geldbörsen, Schlüssel, Zahnbürsten, Taschen. Und zuerst immer der Gedanke: Das hast du gestern im Suff verlegt, das findet sich wieder.

Christoph Schröder

Tut es auch, irgendwann. Es verschwinden aber auch Häuser, Menschen, Straßen. In dieser Stadt ist alles in Bewegung, auf allen Ebenen, unterirdisch, auf Dächern und Straßen.

„Wir lebten in einem Irrenhaus, in dem alle ständig nach etwas suchten“, konstatiert Marie, die Ich-Erzählerin von Ricarda Junges neuem, ungewöhnlichem Roman. Dieser untermauert den Eindruck, dass es sich bei der 1979 geborenen Autorin nicht um eine der konventionellen Weltschmerzaufblaserinnen handelt, denen man sonst so unter den Absolventen des Leipziger Literaturinstitutes begegnet. Junge macht mit ihrem sperrigen zweiten Roman Ernst, wenn auch denkbar abgedreht. Das Verschwinden der Dinge wird nicht aufgelöst; es bleibt bis zum Ende erzählte Realität. In diesem Wirbel von Verlieren und Suchen stehen Marie und ihr Freund Peter. Marie kommt unmittelbar nach ihrer Ankunft in jener namenlosen Stadt in einem Studentenwohnheim unter, dabei verliert sie nicht nur ihren Koffer, sondern auch den mitgereisten Vater. Ein Paralleluniversum tut sich auf, und wenn es überhaupt eine Möglichkeit gibt, sich Junges Szenario der Absurditäten zu erklären, dann in der Person der Ich-Erzählerin: Marie ist krank, todkrank. Und wie im Fall eines anderen in diesem Frühjahr erschienenen Buches, Silvia Bovenschens Konglomerat „Verschwunden“, scheint bei Junge das Verschwinden als Chiffre für den Tod zu stehen.

Die verschobene Wahrnehmung der unzuverlässigen Erzählerin strukturiert den Roman; gleichzeitig jedoch ist die Krankheit real und konkret, schwellen Marie Hände und Füße bis zur Unkenntlichkeit an, kämpft sie mit Verve gegen eine Mischung aus Selbst- und Fremdekel, körperlicher Lust und Angstzuständen.

Ricarda Junge hat viele gute Einfälle, um ihren erzählerischen Spannungsbogen zu halten. Sie führt Marie von Schauplatz zu Schauplatz, vom Studentenwohnheim in eine höhlenartige Wohnung bis hin zu einem Hotel nur für Frauen. Marie, die aufgrund des Verschwindens der Inhaberin urplötzlich die Geschäftsführung übernehmen muss, schleust später heimlich Männer in den Keller ein. Am Ende stehen sie, Marie, noch immer krank, noch immer am Leben, und Peter wieder einmal auf einem Dach und blicken auf die mysteriöse Stadt hinab: „Es gibt keinen Fixpunkt mehr, kein Zentrum, keinen meetingpoint.“ Ricarda Junge erzählt ganz gewiss keine schöne Geschichte. Aber eine gute.

Ricarda Junge: Eine schöne Geschichte. Roman. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2008, 256 Seiten, 17,90 €.

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