Roman : Wahnsinn Gegenwart

Wenn die Ökonomisierung das Soziale frisst: Brigitte Kronauers Roman "Errötende Mörder".

Wend Kässens
Brigitte Kronauer
Brigitte Kronauer. -Foto: ddp

Als „Meisterin des Vexierspiels, der höheren Heiterkeit und des musikalischen Schreibens“ hatte die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung die Hamburger Schriftstellerin Brigitte Kronauer in ihrer Begründung für die Büchner-Preis-Verleihung 2005 gelobt. Wer ihren neuen Roman zur Hand nimmt, kann sich ein Bild davon machen. „Errötende Mörder“ ist ein irritierendes Opus mit drei Romanen im Roman, ein raffiniertes Spiegelkabinett mit märchenhaften Abgründen. „Verlangen nach Musik und Gebirge“ war ihr letzter, an der Nordsee in Ostende spielende Roman überschrieben. Diesem Verlangen hat sie in der Rahmenhandlung ihres jüngsten Buches nachgegeben, und auch die Musik spielt eine nicht unerhebliche Rolle.

Jobst Böhme, 41 Jahre alt, Besitzer eines Geschäfts für Bürobedarf und PCs in einer norddeutschen Großstadt, folgt der Einladung eines Kunden. Ein Schriftsteller stellt ihm für ein verlängertes Wochenende sein Haus im Schweizer Hochgebirge zur Verfügung. Dort will Jobst seine „Fühllosigkeit“ behandeln und Antwort auf die Frage finden, ob er sich nach zehn Jahren mit seiner Frau Ellen scheiden lassen und seine Freundin, die junge Russin Natalja, heiraten soll. Als Gegenleistung für die Beherbergung erklärt er sich bereit, drei Manuskripte des Schriftstellers zu lesen. So beginnt eine literarische Bergwanderung, bei der sich auch beim Leser bald „Herzklopfen, Atemnot und Schwitzen“ einstellen. Der Aufstieg in die Natur ist zugleich ein Weg in die Innenwelten einer Reihe von Menschen, solchen, denen Böhme wandernd begegnet, und solchen, über die er in den mitgenommenen Manuskripten liest.

Auf seine erste Landschaftserkundung in dieser Fremde hat Jobst Böhme den Roman „Der böse Wolfson oder Das Ende der Demokratie“ mitgenommen. Das Scheitern einer Liebe steht auch hier am Anfang: „Meine Freundin Dottie Wamser hat mich verlassen.“ Dieser Satz eröffnet eine Selbsterkundung. Ein moderner Don Quijote kehrt seine Seele nach außen und stürzt den Leser in ein Wechselbad der Gefühle ob der anrührenden, peinlichen, ärgerlichen und komischen, oft aber auch ernst zu nehmenden Offenbarungen, Vermutungen und Wahrnehmungen. So ist der Protagonist der Sparwut Dottis gefolgt, hat sich aus dem Leben zurückgezogen ins Internet. Zugleich hat seine Sammelleidenschaft zugenommen. Sein Haus ist vollgestellt, weil es sein ganzes Bestreben ist, die Dinge des Alltags vor der „marktzersetzenden Entsorgungs-Außenwelt“ zu retten. Seine „Sammlung“ ist ihm längst über den Kopf, aber auch ans Herz gewachsen. Er durchschaut den Pessimismus, den Anfall von Lebensmissmut aus Mangel an Liebe und die kleinen Ersatzbefriedigungen „in all dem plastisch existierenden Unglück“. Aber wie soll er dem Circulus vitiosus entkommen?

Ein Herr Wolfson baut den Verunsicherten mit einschmeichelnd kreidiger Stimme vorübergehend wieder auf, lockt errötend mit einem Preis „für private, nicht professionelle Sammlungen als nicht nur symbolische Honorierung des Einzigartigen in einer Welt der notorischen Vertausendfachung und Wegwerfmentalität“. Ein Gleichgesinnter im Kampf „gegen den Wahnsinn der Gegenwart“? Oder ein Teufel mit ganz anderen Absichten? Die Fantasien wuchern weiter, alles wird dem Erzähler zum Zeichen des Niedergangs. Seine Albträume wachsen sich aus zu Schuldgefühlen, zu Todesängsten – und zu Mordfantasien. Sollte er Dotti umgebracht haben? Und was will Herr Wolfson wirklich?

Das ist der Stoff, aus dem Brigitte Kronauer ihre Märchen baut. Es geht um nicht weniger als um das Ethos unserer Gesellschaft. „Errötende Mörder“ wird von der Auflösung des Sozialen durch die Ökonomisierung aller Lebensverhältnisse grundiert. Mit scharfem Blick auf Mensch und Alltag, aber auch mit Ironie und einer verhaltenen Melancholie geht der Roman den Folgen dieser Entwicklung nach.

Das zweite Manuskript, das Böhme auf seine Wanderung mitnimmt, trägt denselben Titel wie der Roman, „Errötende Mörder“. Es ist für Böhme ein Blick in die eigene Zukunft. Aus der Perspektive eines auktorialen Erzählers wird von einem Altenausflug zu den Rapsfeldern von Fehmarn berichtet, von einer skurrilen Reisegesellschaft, in die sich ein Enddreißiger mit Namen Strör verirrt hat. Er nimmt unfreiwillig teil an einem Todestanz mit doppelt tödlichem Ausgang. Immerhin kennt er Dashiell Hammetts Krimi „Der Malteser Falke“, über den sich die Alten unterhalten. Der greise Pianist Wiesenfeld weiß zu berichten, dass dessen Mörder „lügen und morden ohne die geringsten Skrupel, aber erröten wie nach freiem Willensentschluss“.

In den Kreisen der Alten ist die Literatur verfügbares Bildungsgut. Es schwirrt nur so von Zitaten und Anspielungen. Aber dahinter öffnen sich Abgründe, in die Strör blicken muss, ob er will oder nicht, ein Zentrum der Gespräche ist der Tod: „Nichts, Herr Strör, kein Mensch erspart mir, dass mir sein endgültiges Verschwinden einfällt, Herr Strör. Das ist es, was uns verändert. Dass wir das Verschwinden von Haus, Tier, Mensch jederzeit mitsehen, den leeren Platz nämlich. Genauso den leeren Fleck, den wir selbst hinterlassen … Die Politiker haben errechnet, die Wissenschaftler haben erforscht, dass wir nicht länger tragbar sind. Wir sind Alte, es ist aus mit uns. Amerika sagt: Es ist verantwortungslos, uns weiterhin zu helfen.“

Das kürzeste Manuskript, „Der Mann mit den Mundwinkeln“, liest Böhme zuletzt. Es handelt von unserem Umgang mit den Künsten, Kunstbetrachtung als Persiflage. Die Kunstwerke eines Doms werden einem „Touristenrudel“ von der Führerin im Eventjargon nahegebracht, um die Besucher bis zum ersehnten Imbiss im Gasthof bei der Stange zu halten. Sex and Crime, Harry Potter, ungeheure Geschichten werden erfunden. Aber auch dieses Manuskript hat einen doppelten Boden.

Jobst Böhme bleibt nicht unberührt von der Lektüre und der Natur, in der er sich bewegt. Sie haben seine Fantasie angeregt, seine Sinne geschärft. Sie ermöglichen ihm einen neuen Blick auf Ellen und Natalja und vor allem auf sich. Hat ihn der Schriftsteller in die Berge geschickt hat, um bei Natalja an seine Stelle zu treten? Und dann begegnet er ständig dem Mann mit den Wanderstöcken, eine merkwürdige Erscheinung, die ihn anzieht und abstößt zugleich: „eine Maschine, ein Wanderapparat, dachte Jobst, ihm nachschauend, da ist nicht die kleinste Zufälligkeit in den Bewegungen“. Er erkennt in ihm seinen Widersacher, und es kommt zum Kampf.

Einmal mehr wirkt das neue Buch von Brigitte Kronauer betörend fremd. Die Künstlichkeit ihres Umgangs mit Sprache und die Komposition komplexer Szenarien sind auf die Spitze getrieben. In ihrer Dankesrede zum Büchner-Preis hat sie das Recht auf Künstlichkeit in der Literatur an Büchners „Woyzeck“ verdeutlicht, diesem „Prachtexemplar des Geringen, des leidend Anspruchslosen derart komplizierter Gedanken und Gedankenstriche!“ Wie Büchner geht es ihr um die Rückgewinnung des Individuums, um dessen „bodenlose Rätselhaftigkeit, unantastbar wie die Menschenwürde“. Wer Vergnügen daran hat, mag sich auch mit den Zitaten, Namen und Anspielungen beschäftigen, man stößt auf E.T.A. Hoffman, findet Eichendorff, Stifter, Robert Walser, Joseph Conrad, Adelbert von Chamisso und die Gebrüder Grimm der Märchen.

Es ist eine besondere Fähigkeit von Brigitte Kronauer, eine Sprache zu finden, die unsere geschlossene Welterfahrung aufbricht. Diese eigenwillige Sprache ignoriert soziale Zuordnungen und ist mit Naturmetaphern gespickt. Sie changiert zwischen höchstem Ton und profaner Alltäglichkeit und treibt, wie Kronauer in ihrem Essayband „Zweideutigkeit“ einmal ausgeführt hat, das Lebendige hervor durch Ambivalenz, gegenpolige Gleichzeitigkeit sowie den Rückgriff auf Magie und Mythen.


Briigitte Kronauer: Errötende Mörder.  Roman. Klett-Cotta, Stuttgart 2007. 334 Seiten, 21, 50 €.

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