Roman : Zufall des Begehrens

Tanguy Viels kurioser Roman „Unverdächtig“. Tanguy Viels Kammerspiel ist nicht nur ein Liebes-, sondern mindestens ebenso sehr ein Kriminalroman, der von der Erbarmungslosigkeit des Zufalls handelt.

Ulrich Rüdenauer

Alles beginnt mit einer Hochzeit auf dem Lande. Ein älterer Mann namens Henri Delamare ehelicht in einem nordfranzösischen Küstenstädtchen die junge, begehrenswerte Lise, die er als Animierdame in einem Etablissement kennengelernt hat. Henri ist gut situiert, wohlhabend, aber doch ein bisschen flach – ein zeitgenössischer Charles Bovary. „Henri Bovary Delamare“, höhnt der Erzähler. Noch in der Hochzeitsnacht betrügt die junge Ehefrau ihren Gatten – „nach ein paar Blicken war er ausgebootet, dermaßen naiv, vielleicht sogar willentlich, dass er am Abend seiner Hochzeit zwei Menschen tief hinten in einem Park einander die Kleider vom Leib reißen ließ, und von der Dunkelheit kaum verborgen, von einem Busch kaum versteckt, fielen sie lachend übereinander her und küssten sich und noch viel mehr.“

Sam heißt der Liebhaber von Lise, offiziell aber spielt er die Rolle ihres Bruders. Henri, der Leichtgläubige, ahnt nichts von diesem Betrug. Lise und Sam erkennen schnell ihre Chance: Die Liaison birgt für die beiden die Option auf ein besseres Leben und soll sich buchstäblich auszahlen. In verschlungenen, eleganten Satzperioden lässt der 1973 geborene französische Romancier Tanguy Viel diese verhängnisvolle Ménage à trois ablaufen.

Einmal genügt ein verdutzter Einwurf, um die Unwägbarkeit des Geschehens zusammenzufassen: „Es gibt so Dinger im Leben, kuriose Dinger.“ Das ist, man merkt es schon an dieser leisen Verwunderung, schön geschrieben – und gelungen übersetzt von Hinrich Schmidt-Henkel. Die Geschichte nimmt eine tragische Wendung. Das heimliche Liebespaar täuscht die Entführung von Lise vor, und die Dinge laufen derart aus dem Ruder, dass aus einem kleinen krummen Ding ein großes Verbrechen wird, aus einer Entführung ein Mord.

Henris geheimnisvoller Bruder Edouard spielt bei der bevorstehenden Katastrophe eine wichtige Rolle, und Sam stürzt in die tiefste Schwermut. Er erkennt schockiert „die Fähigkeit der natürlichen Welt, sich zu regenerieren, ohne mich.“ Ein Tonfall der Empörung durchzieht „Unverdächtig“: nicht Larmoyanz, sondern Verblüffung und Unglaube, die manchmal ins Ironische kippen. Tanguy Viels Kammerspiel ist nicht nur ein Liebes-, sondern mindestens ebenso sehr ein Kriminalroman, der von der Fatalität des Begehrens und der Erbarmungslosigkeit des Zufalls handelt. Ein kurioses Ding. Ulrich Rüdenauer

Tanguy Viel: Unverdächtig. Roman. Aus dem Französischen von Hinrich Schmidt-Henkel. Wagenbach Verlag, Berlin 2007. 121 Seiten, 15,90 €. – Der Autor und sein Übersetzer stellen das Buch heute um 20 Uhr im Literarischen Colloquium Berlin vor.

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