Roman : Zweisprachig schweigen

Mit dem Hang zur Paranoia: Michael Lentz’ Roman „Pazifik Exil“. Der Text wurde kürzlich auf die Auswahlliste des Deutschen Buchpreises gesetzt.

Ulrike Baureithel

1930 erschien in dem mondänen Monatsmagazin „Der Uhu“ eine Karikatur, die den Erfinder der Stahlrohrmöbel Zeitung lesend in einem gründerzeitlichen Ohrensessel in seinem Arbeitszimmer zeigt, die Füße in Hauslatschen und das Modell des Stahlrohrstuhls vor sich aufgebaut. Was 1930 ein ironischer Reflex auf die Zumutungen des Neuen Bauens war, wurde zehn Jahre später existenziell. So einen Ohrensessel nämlich hat auch Arnold Schönberg in sein Exil nach Santa Monica am Pazifischen Ozean gerettet. Diesen Stuhl, in dem schon Richard Wagner gesessen haben soll, hat der gänzlich unmöblierte Thomas Mann nach seiner Ankunft in Princeton dem Schöpfer der Zwölftonmusik als Leihgabe abgerungen, um darin seinen „Doktor Faustus“ zu dichten. Als Schönberg den Sessel zurückerhält, wähnt er darin ein Loch, das der „angebliche Tonsetzer“ Adrian Leverkühn hineingefressen hat. Nun greint Schönberg über die Enteignung seiner Musik, den „Spion Adorno“ und die ganze Exilbagage, währenddessen vor seinem Fenster die Welt ohne ihn vor sich geht.

So liest sich der historisch verbürgte Zwist zwischen dem Großschriftsteller und dem in Amerika völlig verkannten Musikgenie jedenfalls in Michael Lentz’ neuem Roman „Pazifik Exil“, der kürzlich auf der Auswahlliste des Deutschen Buchpreises gelandet ist. Wenngleich die locker gestrickten Passagen auch einen etwas strapaziösen Umgang mit dem Genre pflegen, ist das Unternehmen groß angelegt und das Thema zweifellos einem Aufenthalt von Lentz in der „Villa Aurora“, Lion Feuchtwangers repräsentativem Domizil und Zentrum der damaligen Exilgemeinschaft, zu verdanken. Was anderen Stipendiaten äußerlich bleiben mag, hat der 1964 geborene Lentz gewissermaßen tierisch ernst genommen: Denn er folgt den schreibenden „Bienen“, die seit 1933 ihren Stock verlassen mussten, ins Exil, verwandelt sich ihnen an, fungiert denen, die ihre Stimme verloren haben oder „in zwei Sprachen schweigen“, als Bauchredner in allen Tonlagen.

Dramaturgisch geschickt beginnt die eigentliche Geschichte auf ihrem Höhepunkt, im südfranzösischen Exil, nach der deutschen Besetzung Frankreichs. Dort sehen sich die Ehepaare Werfel und Mann (zusammen mit dem Neffen Golo) plötzlich gezwungen, in letzter Sekunde „die letzte Tür“ in die Freiheit zu nehmen. Jeder mit sich selbst in einen unendlichen Monolog versponnen – abergläubisch bis zur Selbstpreisgabe Franz Werfel, egozentrisch-exaltiert seine Frau Alma, mit der unmittelbaren Vergangenheit hadernd Heinrich Mann –, treten die in Fußmärschen ungeübten Geistesarbeiter die nicht komikfreie Flucht über die Pyrenäen an. Auf der ungemütlichen Überfahrt in die Neue Welt hält man sich zunftgerecht mit Fabulieren aufrecht und übt sich schon einmal in die Animositäten der künftigen Exilgemeinde ein.

Der Hauptteil des Romans handelt von der Überlebensgemeinschaft in Amerika, das sich „entzaubert“ präsentiert und so ganz anders als das Amerika, von dem der junge Bertolt Brecht bänkelte und das die Neusachlichen aus der Ferne besangen. Während Thomas Mann überzeugt verkünden kann, dass überall dort, wo er sei, auch Deutschland sei, und seine Stoffe allenthalben von Bewunderern schnorrt, stellt sein Konkurrent Brecht fest, dass in Amerika ein Gespräch über Bäume zwar kein Verbrechen, aber eines mit ihnen schon deshalb unmöglich ist, weil diese Bäume kein Deutsch verstehen und seins schon gar nicht. Wie der Stahlmöbelerfinder in Hausschuhen wirkt er auf den Exilpartys deplatziert und wird von seiner eigenen Einsicht geschlagen, dass nämlich gute Steaks seinen Stücken überlegen sind.

Den Erfolgreichen, dem Mann wie dem Werfel, neiden die weniger Toughen den Erfolg, den diese zu rechtfertigen wissen. Gemeinsam ist allen jedoch der Hang zur Paranoia, denn nicht nur Schönberg sieht sich umstellt von Spionen und einem „System von Autografendieben“. Und fast alle teilen sie die herzasthmatischen Anfälle, diese somatischen Sehnsuchtszeichen der Erinnerung an die „Kulturnation Deutschland“. So ist die Erinnerung auch das durchgängige Thema der Exilanten, das „Seil, heruntergelassen vom Himmel, das mich herauszieht aus dem Abgrund des Nicht-Seins“ – auch dies nur ein Zitat aus der Vergangenheit. Doch, weiß Werfel einzuwenden, „man kann ja nicht im vornherein nur in Richtung Erinnerung leben“. Das ist die Krux der Exilierten. Die einen leben „im Text“, die anderen, wie Feuchtwanger, mit ihren Büchern. Der Erinnerung nicht krankhaft zu verfallen, sicherte dagegen den Frauen einen Vorsprung, die wie Alma, Martha, Gertrud und selbst Nelly Mann jede auf ihre Weise die Gegenwart pragmatisch parierten.

„Den Deutschen bin ich Jude, den Romanen Deutscher, den Kommunisten bin ich Bourgeois und die Juden sind für Hindemith und Strawinsky“, schreibt Schönberg 1948 dem Kontrahenten Mann. Schönberg ist ein besonders tragischer Fall und ein besonders schön ausgemalter in Lentz’ Buch, das viele schöne und komische Stücke enthält. Mitunter allerdings verführt die Mimetik den Autor zu waghalsigen Assoziationsmaschinen, und gelegentlich scheint das literatur- oder musikwissenschaftliche Gerippe allzu deutlich durchs erzählerische Fleisch. Und warum neuerdings überall Tiere herhalten müssen, um die Menschen zu erklären, das weiß nur der Literaturgeier.

Wer aber die anfängliche prätentiöse Spurensuche im Schnee hinter sich gebracht hat und wie Lentz’ Krähen die „Nuss“ endlich in die Krallen kriegt, darf auf einen festen und bekömmlichen Kern hoffen. Und, wem’s gefällt, mitraten, was an diesem pazifischen Abenteuer so alles erdichtet ist.

Michael Lentz: Pazifik Exil. Roman. 459 Seiten. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2007. Michael Lentz liest heute Abend ab 20 Uhr im LCB, Sandwerder 5.

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